Weltkarte mit den Zoogeographischen Regionen nach Alfred Russel Wallace, 1876.

Mit Wallaces Ternate-Essay sollte sich das ändern. Im Februar 1858 ereilte ihn in Indonesien ein starkes Fieber. "Jeden Tag musste ich mich während der kalten und heißen Schübe niederlegen und hatte nichts zu tun, als mir über das Gedanken zu machen, was mich speziell interessierte", beschreibt Wallace die Situation. Er habe sich gefragt: Warum überleben die einen, während die anderen sterben? "Und die Antwort war klar: Im Ganzen überlebt, wer am besten angepasst ist." Je mehr er darüber nachgedacht habe, desto überzeugter sei er gewesen, dass er das Gesetz für den Ursprung der Arten gefunden hatte.

Das Verhalten von Darwin und seinen Freunden verstieß gegen jede Etikette.
George Beccaloni, Natural History Museum, London

Das Manuskript schickte er an Lyell, allerdings über Darwin als Mittelsmann. "Denn Lyell war die bedeutende Forscher-Persönlichkeit, ihn wollte Wallace mit seinen Argumenten zum Mechanismus des Artenwandels überzeugen", sagt Kutschera. Doch was folgte, war keine fundierte Diskussion.

Darwin leitet das Manuskript nicht sofort weiter – hatte er doch selbst seit Jahren ein dickes, noch unveröffentlichtes Werk in der Schublade liegen, deren Seiten dieselbe Idee bargen. Was also tun? Er hält Rücksprache mit seinen engen Freunden Lyell und Hooker und bereits zwei Wochen später liegen der Linnean Society beide Aufsätze vor. Sie werden veröffentlicht mit Darwins Schriftstück zu Beginn und verbreiten sich wie ein Lauffeuer in der Forschergemeinde.

Wallace auf seiner Insel bekam von alldem nichts mit, das Dreier-Gespann im fernen Großbritannien versuchte gar nicht erst ihn zu kontaktieren. "Das verstieß schon damals gegen jede Etikette", sagt George Beccaloni.

Der Außenseiter vergibt seinem Idol

Unklar ist, ob Darwin sich nicht noch rasch an Ideen seines Konkurrenten bediente. Der Zoologe Matthias Glaubrecht vom Museum für Naturkunde in Berlin schreibt in seinem Buch, Darwin habe der Welt vorenthalten, dass er nach der Lektüre von Wallace die betreffenden Passagen in seinem eigenen Werk neu und ausführlicher formuliert hat. "Das Prinzip beschreibt er bereits 1857 unabhängig von Wallace, meint zudem etwas anderes – und ergänzt es dann in den kritischen Tagen des Juni 1858", sagt Glaubrecht. Erst mit der Autobiografie Darwins nach dessen Tod habe Wallace geahnt, was sich zugetragen hatte.

Ulrich Kutschera ist dennoch überzeugt, dass Wallace Darwin keine Vorwürfe gemacht hat. Zu entspannt sei der Außenseiter mit der Situation umgegangen: Sein wichtigstes Buch, The Malay Archipelago von 1869, ist seinem Vorbild Darwin gewidmet. Er habe sogar nach dem Tod des Naturforschers 1882 immer wieder hervorgehoben, dass dieser der Urvater des Selektionsprinzips sei, weil er es viel umfassender begründet hätte, als er selbst. "Wallace hatte eine Eingebung, die er auf Ternate niedergeschrieben hat, Darwin aber hat zwanzig Jahre lang Fakten zur natürlichen Selektion gesammelt", sagt der Evolutionsbiologe. Ohne Darwins akribische Arbeit hätte sich das Auslese-Prinzip niemals durchgesetzt. Das habe Wallace zeitlebens neidlos anerkannt.

Vielleicht wollte er es sich aber auch nur nicht mit den Großen verscherzen. "Es mag sein, dass Wallace seinem Idol vergeben hat", sagt George Beccaloni. Das ändere jedoch nichts an dessen Fehlverhalten. "Würde ein Forscher heute so etwas machen, wäre es ein riesiger Skandal."

Als er am 7. November 1913 starb, war Wallace zwar weltbekannt und Träger wichtiger Auszeichnungen. In seinem Nachruf schrieb sein Freund Eduard B. Poulton: "Mit dem Tod von Alfred Russel Wallace geht eine Generation großer Forscher zu Ende, wie Darwin, Lyell oder Huxley." Er gehörte in den Kreis der ganz Großen. Doch die Evolutionstheorie geriet in Vergessenheit und mit ihr auch Wallace.

Zwanzig Jahre später erst erkennt die Forschung den Wert der Theorie. Die Evolution feiert ihren Durchbruch und mit ihr der verstorbene Charles Darwin. Er geht als wohl berühmtester Naturforscher in die Geschichte ein. Wallaces Name bleibt praktisch ungenannt. "Auf Anraten Darwins hatte sich Wallace noch zu Lebzeiten aus dem Forschungsbereich zurückgezogen", erzählt Beccaloni. "Also hat er sich näher mit der Verbreitung der Tiere beschäftigt und die Zoogeografie begründet." Die manipulierte Veröffentlichung tat dazu ihr Übriges. Wer die Geschichte der Evolutionstheorie recherchierte, stieß zunächst stets auf Darwins Namen.  

Das Interesse ist erwacht

Dabei war Wallace in seinen Gedanken viel weiter als Darwin je kam. "Er hat sich immer gegen eine Vererbung erworbener Körpereigenschaften ausgesprochen und hat diese These auch schon 1858 ad absurdum geführt", erklärt Kutschera. Darwin war hingegen Lamarckist – Wallace war diesbezüglich anderer Ansicht und hat damit die Neo-Darwinsche Theorie der biologischen Evolution mit etabliert."

Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten ist das Interesse aufgrund des Engagements Einzelner an Wallace wieder erwacht. "Heute wird er in Fachkreisen als Evolutionsforscher, Humanist, Freidenker, Systematiker, Mitbegründer des "Darwin-Wallace-Prinzips der natürlichen Selektion" und der Neo-Darwinschen Theorie, Urvater der Astrobiologie und der Zoogeografie sowie als Vordenker der Naturschutzbewegung gewürdigt", weiß Kutschera. "So bedeutende Männer werden immer seltener."

Wallaces Lebensgeschichte zeige, dass ureigenes Interesse, Selbstmotivation, oder Faszination entscheidend für den Erfolg in der Wissenschaft sind, sagt Kutschera.

An seinem 100. Todestag wird Wallace nun erstmals mit einer Statue geehrt. Schmetterlinge fangend und in Bronze gegossen steht er dann auf einem Platz vor dem Natural History Museum in London – mit Blick auf das Darwin-Center.

Die Bronze-Statue zeigt den jungen Alfred Russel Wallace samt Kescher, bereit, Schmetterlinge zu fangen. © Anthony Smith