ZEIT ONLINE: Willy Brandt sei kein Familienmensch gewesen, wird auch jetzt, zu seinem hundertsten Geburtstag, immer wieder geschrieben. Wie sehen Sie das, als seine norwegische Tochter aus erster Ehe?

Ninja Frahm: Es gibt dieses Klischee: Mein Vater habe mit den Massen kommunizieren und der Welt alles geben können, aber im Privaten sei er schwierig und unzugänglich gewesen. Ich finde das zu oberflächlich. Mag sein, dass ich das heute leichter sagen kann, weil ich weiß, dass der Kontakt zu ihm ein Leben lang gehalten hat. Ich habe ihn als einfühlsam erlebt. Wir waren einander über die Jahrzehnte immer vertraut.

ZEIT ONLINE: Trotz der Entfernung? Nach dem Krieg kehrte Willy Brandt aus dem norwegischen Exil nach Deutschland zurück, und Sie blieben bei Ihrer Mutter Carlota Thorkildsen in Oslo.

Frahm: Mit der Trennung sind meine Eltern sehr verantwortungsvoll umgegangen. Von meinem Vater habe ich mich nie verlassen gefühlt, in dem tiefen und ernsten Sinne des Wortes. Meine Mutter hat mir immer das Gefühl gegeben, dass er für sie ein großer Mann, ein guter Mensch ist; dass sie ihn schätzt. Mit seiner zweiten Frau Rut, die mich wie eine Tochter aufnahm, hatte sie ein gutes Verhältnis.

ZEIT ONLINE: Eine Art Patchwork-Familie zu Zeiten, als das noch sehr ungewöhnlich war…

Frahm: Die beiden waren so: starke, intelligente Frauen. Sie kannten sich ja aus der Emigration in Stockholm.

ZEIT ONLINE: Sie wurden im Oktober 1940 in Oslo geboren, ein halbes Jahr, nachdem Norwegen von den Deutschen besetzt worden war. Da war Ihr Vater schon aus seinem Exilland vor den Nazis ins neutrale Schweden geflohen.

Frahm: Meine Mutter kam im Frühjahr 1941 mit mir nach. Sie hat mir erzählt, wie sie auf der Flucht gezittert hat, als sie im Zug Richtung Grenze zwei deutschen Offizieren gegenübersaß! Dabei hatte sie die notwendige Reisegenehmigung in die Grenzregion südöstlich von Oslo in der Tasche. Ich bekam ein leichtes Schlafmittel, damit ich in meinem Kinderwagen nicht schrie, während man uns durch den Wald über die grüne Grenze lotste.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie in Schweden gelebt?

Frahm: Neulich habe ich eine Postkarte meiner Mutter an ihre Schwester gefunden, darauf hat sie mit einem Pfeil unser Haus im Stockholmer Stadtviertel Hammarbyhöjden markiert und geschrieben, wie schön es dort ist. Als Vierzehnjährige bin ich noch einmal mit ihr dorthin gefahren. Alles war so viel kleiner als in meiner blassen Erinnerung. Wir blieben bis zum Kriegsende in Stockholm, da war ich erst viereinhalb Jahre alt, und der Krieg wie jetzt der Frieden, nach dem man sich so gesehnt hatte, war für ein kleines Mädchen im abgeschirmten Schweden bestimmt ziemlich abstrakt. An eines erinnere ich mich aber noch ganz klar: An diesem schönen Tag im Mai durfte ich so viel Eis essen wie ich wollte.



ZEIT ONLINE: Hat Ihr Vater Ihnen später viel von seiner Arbeit im Widerstand erzählt?

Frahm: Nicht, dass er nicht darüber reden wollte. Aber mit einem Kind spricht man über andere Dinge, und als Erwachsene waren wir mit dem Alltag und der Gegenwart beschäftigt. Das ganze Bild seines Lebenswerks rundet sich mit den Jahren, heute weiß ich: Man befragt seine Eltern immer zu spät. Erst aus den Büchern des Historikers Einhart Lorenz von der Universität Oslo und in diesem Jahr auch meines Bruders Peter Brandt habe ich viel genauer erfahren, wie aktiv mein Vater in den Jahren vor dem Kriegsausbruch war.