Die Region um die Kleinstadt Lourinhã im Westen Portugals ist eine Wiege der Dinosaurier. Nirgendwo sonst in Europa gab es zur Zeit des späten Jura so viele verschiedene Urzeit-Echsen wie hier. Davon zeugen zahlreiche versteinerte Fußspuren, Eier, Zähne und Knochen, auf die Paläontologen immer wieder stoßen. Die vereinzelten Überbleibsel geben Einblicke in das Leben vor Jahrmillionen. Nicht selten erzählen sie dabei von zuvor gänzlich Unbekanntem.

So sind Paläontologen dort auf Teile eines mehr als einen Meter großen Schädels gestoßen, der besonders die Fantasie anregt. Einige schrieben ihn zunächst der Art Torvosaurus tanneri zu. Doch eine neue Analyse widerspricht: Demnach gehören die Knochen nun zur bislang unbekannten Art Torvosaurus gurneyi. Er soll vor 150 Millionen Jahren als größter Räuber durch die Landschaft gestreift sein. Die nun im Magazin Plos One veröffentlichten Belege für den neuen Dino sind allerdings dürftig (Hendrickx & Mateus, 2014).

"Wir haben leider nur zwei Knochen gefunden", sagt Christophe Hendrickx, einer der Studien-Autoren. Zu den versteinerten Schätzen aus der Lourinhã-Formation zählen ein Oberkieferknochen – die Maxilla – samt zwei Zähnen sowie das Fragment eines Schwanzknochens. "Die Maxilla ist der größte Knochenteil von Dino-Schädeln. Sie hat uns viele Informationen geliefert", sagt der Paläontologie-Doktorand der Universidade Nova de Lisboa in Portugal. Etwa, dass es sich um eine neue Spezies handeln müsse.

Mit "Tyrannosaurus rex" kann der neue Dino nicht mithalten

Während T. tanneri mindestens elf Zähne hat, konnten den von Hendrickx und Kollegen untersuchten Kiefer weit weniger schmücken; es gibt schlicht zu wenig Platz. Auch sind die Mundknochen ungleich geformt und weisen in Details deutlich unterschiedliche Strukturen auf.

Stimmen die Hochrechnungen, würde Torvosaurus gurneyi mit seinen zehn Zentimeter langen Beißern, einer Körperlänge von zehn Metern und einem Gewicht von bis zu fünf Tonnen alle Raubsaurier überragen, die bislang in Europa gefunden wurden. Auch würde die effiziente Tötungsmaschine damit weltweit zu den größten zweibeinigen Fleischfressern des Jura zählen. Auf seinem Speiseplan habe mit Sicherheit der ein oder andere kleine Dino gestanden, vermuten die Forscher. "Mit Theropoden wie Tyrannosaurus rex, Giganotosaurus carolinii und Carcharodontosaurus saharicus aus der späten Kreidezeit kann er aber nicht mithalten", sagt Hendrickx (Coria & Salgado, 1995; Brusatte & Sereno, 2007).

Funde von versteinerten Dino-Eiern stützen ebenfalls die These einer neuen Art. Hendrickx und seine Kollegen beschrieben bereits im vergangenen Jahr Fossilien von Dino-Embryonen, die aus der gleichen Zeit und Region stammen, wie die nun analysierten Knochen von T. gurneyi  (Araújo et al., 2013).  "Es gibt mehrere anatomische Übereinstimmungen", sagt der Paläontologe. Daher gehören nun alle zur selben Art – "unter Vorbehalt".

Vorsichtig schreibt Hendrickx seinem Dino noch eine weitere Besonderheit zu: Protofedern. Zwar gebe es keinen direkten Beweis dafür, dass die Haut der Urzeit-Echse nicht von Schuppen, sondern einem Federflaum geschmückt war, doch "ein enger und direkter Verwandter, Sciurumimus, war bereits mit derlei bedeckt", sagt der Forscher. Sollte das stimmen, wäre T. gurneyi der primitivste und größte Plüsch-Theropode.

Derart viele neue Theorien dürften Hendrickx und sein Team dann auch auf die Idee für den Namen des Dinos gebracht haben. Er ist ein Verweis auf die fantasievollen Spekulationen rund um den Fund. Denn benannt ist T. gurneyi nach James Gurney, dem Schöpfer des kunstvollen Kinderbuches Dinotopia. In dessen Erzählung leben Menschen friedlich mit empfindsamen Dinosauriern zusammen auf einer Insel. "Gurney ist ein exzellenter Paläokünstler und ein herausragender Pädagoge in der Welt der Kunst", sagt Hendrickx. Fraglich bleibt, wie Gurney den gefräßigen T. gurneyi in seine heile Welt integriert hätte.