Am Tatort sind die Protagonisten des Attentats von Sarajevo vereint. "Die Straßenecke, an der das 20. Jahrhundert begann", prangt zwischen den Porträts des Habsburger Thronfolgers Franz Ferdinand und des Attentäters Gavrilo Princip: Am 28. Juni 1914 hatte der 20-jährige Gymnasiast den Erzherzog und dessen Frau Sophie mit zwei Schüssen in einem offenen Wagen erschossen.

In Neu-Ostsarajevo müht sich noch eine Planierraupe, das Erdreich für den neuen Stadtpark zu verteilen. Doch zumindest der neue Denkmalsheld des serbisch bewohnten Vororts der bosnischen Hauptstadt steht bereits. Früher habe Princip in ganz Jugoslawien als Nationalheld gegolten, sagt Gemeindesprecher Vedran Jovanovic: "Nun behaupten unsere muslimischen Mitbürger, dass er ein Terrorist gewesen sei: Alles, was uns an Serben liegt, ist für sie automatisch schlecht."

100 Jahre liegt das Attentat zurück, das in den Ersten Weltkrieg führte – und an dem sich im zerfallenen Jugoslawien nun neuer Streit entzündet. Es ist nicht nur die Frage nach der Rolle Serbiens, die die Gemüter teilt. War Princip ein Kämpfer für die Einigung der Südslawen oder ein von Belgrad zur Realisierung großserbischer Pläne gesteuerter Terrorist?

Geschichte - Attentat in Sarajewo entzündete vor 100 Jahren den Ersten Weltkrieg

Eher achtlos hasten die Passanten in der Belgrader Gavrilo-Princip-Straße an dem Graffiti mit dem traurig drein blickenden Bildnis ihres Namensgebers vorbei. Auch aus Wut über die Annektierung von Bosnien-Herzegowina durch Wien hatte sich Princip damals der Bewegung "Junges Bosnien" angeschlossen. Doch erst die Nachricht vom Besuch des Kronprinzen in Sarajevo ließ den 1912 nach Belgrad übergesiedelten Schüler im Frühjahr 1914 einen vermeintlichen Tyrannenmord planen. Es waren serbische Geheimdienstkreise, die ihn und seine Mitverschwörer mit Waffen ausrüsteten – und über die Grenze in ihre Heimat schleusten.

Die Familie war geschockt, aber stolz

Ein Pfau stakt in Obljaj über die überwucherten Reste einer Kriegsruine. Nur das ferne Gackern von Hühnern ist in dem ausgestorbenen Dorf unweit von Bosasanko Grahovo zu hören. Noch 20 Menschen würden in dem Weiler wohnen, erzählt Miljkan Princip, der letzte Nachfahre des Attentäters in der kargen Serben-Enklave unweit der kroatischen Grenze. Nach dem Bosnienkrieg sei das von kroatischen Truppen 1995 zerstörte Obljaj nie mehr auf die Beine gekommen, klagt der 82-Jährige: "Die Jungen gehen, die Alten sterben weg."

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Als arm und rückständig hatte das abgelegene Dorf schon gegolten, als Gavrilo am 25. Juli 1894 als Kind eines Postboten geboren wurde. Dessen Vater Petar habe er noch gekannt, erzählt Miljkan: "Das Attentat war ein Schock für die Familie. Aber alle waren stets stolz auf Gavrilo. Nicht nur in Jugoslawien war er ein Held. Weltweit ist er bekannt."

Die Einschusslöcher in der Fassade des Historischen Instituts von Sarajevo zeugen von den Kriegsschrecken der neunziger Jahre. Die positive Sicht auf das Attentat sei in Jugoslawien "politisch motiviert" gewesen, begründet Institutsleiter Husnija Kamberovic seine Forderung nach dessen Neubewertung. Für sicher hält der Bosniake, dass die Jungbosnier unter Mitwissen von Politikern zu dem Anschlag "angestiftet und bewaffnet" worden seien. Das Ziel sei es gewesen, Bosnien aus der Habsburger Monarchie herauszulösen – um es mit Serbien zu vereinigen: "Princip war ein klassischer serbischer Nationalist."