Im heißen Sommer von 1989 mehrten sich die Zeichen für einen Zusammenbruch des SED-Systems. Bürger der DDR flüchteten in die Botschaften in Prag und Warschau, um ihre Ausreise in die Bundesrepublik zu erzwingen. Vor der bundesdeutschen Botschaft in Budapest und am Plattensee campierten Hunderte Ausreisewillige. Und ich war mittendrin.

Als Reporter einer internationalen Nachrichtenagentur flog ich damals nach Ungarn, um über die Lage zu berichten. Dort mag es nicht ganz so dramatisch zugegangen sein wie an anderen Schauplätzen der Welt – auch weil die kommunistische Regierung des osteuropäischen Landes schon vor einiger Zeit auf Reformkurs geschwenkt war. Dennoch war die Anspannung in den Camps der Ausreisewilligen groß.

An allen zerrte die Ungewissheit, ob ihnen – das Ziel so nah vor den Augen – die ersehnte Ausreise gelingen würde und was sie dort erwartete. Würde die Führung in Ostberlin nachgeben, oder würde sie die ungarische Regierung zwingen, das Lager aufzulösen und die Wartenden festzunehmen? Schließlich gehörte Ungarn noch immer zum Warschauer Pakt. Viele, die zum Teil seit Tagen und Wochen in ihren Zelten und Trabis in der Hauptstadt ausharrten, sagten mir, dass sie große Angst hätten, in die DDR zurückgeschickt und dort wegen versuchter Republikflucht verfolgt und eingesperrt zu werden. 

Sie schlichen durch Unterholz und Gestrüpp

Am Plattensee, einem beliebten Urlaubsgebiet für Werktätige aus der DDR, lauerten in Ferienlagern andere auf die Gelegenheit, über die nur noch schwach bewachte Grenze ins nahe Österreich zu fliehen. Ich begleitete eine Gruppe von jungen Leuten, die sich im Morgengrauen auf den Weg machte. Sie schlichten durch Unterholz und Gestrüpp auf ein freies Feld vor dem Grenzzaun, immer Ausschau haltend, ob irgendwo ein Grenzsoldat zu sehen wäre. Sie fürchteten harte Strafen, sollten sie erwischt werden.

Doch der Drang nach Freiheit war stärker als die Angst. Eine Gruppe DDR-Flüchtlinge lief schließlich auf den Grenzzaun zu, kletterte hinauf und sprang mit einem leisen Jubelschrei hinüber auf die österreichische Seite. Bis plötzlich ein Grenzer auftauchte, einen jungen Mann erwischte und ihn abführte. Was er mit ihm machen werde? "Na, ich bringe ihn zurück", antwortete er schulterzuckend. "Alles andere interessiert mich nicht." Wenige Wochen zuvor war das noch undenkbar gewesen.

Und die Verwunderung wuchs. In Budapest, wo die Ausreisewilligen warteten, und rund um den Plattensee luden Plakate für den nächsten Tag, den 19. August, zu einem "Paneuropäischen Picknick" im nahen Sopron. "Jeder nimmt sich ein Stück des Eisernen Vorhangs mit!", stand darauf. Ich war elektrisiert. Denn Schirmherren der Veranstaltung waren Otto von Habsburg, CSU-Europaabgeordneter, Präsident der Paneuropaunion und Enkel des letzten österreichischen Kaisers, und der ungarische Staatsminister und Reformer Imre Pozsgay – ein illustres Duo.

Tatsächlich versammelt sich am frühen Nachmittag einige Kilometer von Sopron entfernt Hunderte DDR-Bürger und Ungarn auf freiem Feld. Otto von Habsburg hielt auf einer kleinen Bühne eine salbungsvolle Rede über den Wunsch der Menschen nach Freiheit und den bevorstehenden Umbruch in Ost- und ganz Europa.