Recep Tayyip Erdoǧan ist Atatürk nie begegnet, wie sollte er auch. Als Erdoğan 1954 geboren wurde, lag Mustafa Kemal, der 1938 als "Atatürk" Verstorbene, bereits in seinem Mausoleum. Der gigantische Bau beherrschte damals noch die Silhouette der Hauptstadt Ankara.

Später kam die große Kocatepe-Moschee im Stadtbild dazu und machte dem Grabtempel symbolisch Konkurrenz. Inzwischen werden sowohl Mausoleum als auch Moschee von den Hochbaubauten der Banken und Industriezentralen überschattet. Diese Veränderungen drücken im Zeitraffer die Entwicklung der von Atatürk gegründeten Republik aus.

Am 29. Oktober, dem Nationalfeiertag, wird Erdoǧan als Präsident der Republik die republikanische Wallfahrt zu Atatürks Grabmal antreten. Er wird einen Augenblick Haltung annehmen und sich nach der Kranzniederlegung in das dort verwahrte Buch eintragen. Schon als Ministerpräsident hatte er jeweils nach der Sommersitzung des Hohen Militärrats dem Staatsgründer seine Aufwartung gemacht. Dabei hat er sich wie seine Vorgänger als Wahrer seines Vermächtnisses verpflichtet und – das fällt bei der Lektüre von Erdoǧans Einträgen in Atatürks Stammbuch auf – den großen Toten mit seinen eigenen Visionen vertraut gemacht.

Seine Wahl zum Präsidenten aber hat Erdoğan in Istanbul verfolgt und mit einer ganz anderen, unrepublikanischen Geste gefeiert. Als sich sein Sieg abzeichnete, ließ er sich zur Moschee des Stadtheiligen Eyüp fahren, um dort ein rituelles "Dankesgebet" zu vollziehen. Es heißt, dass der Prophet Mohammed, als man ihm die frohe Nachricht vom Tode eines Erzfeindes überbrachte, ein Dankesgebet in dieser Form vollzogen hatte. Sicher kommt der wundermilde Wahlverlierer, der Wissenschaftler Ekmeleddin İhsanoǧlu, nicht für diese Rolle als Erdoğans Erzfeind in Frage. Aber eine Wahlniederlage hätte eine ganze Phalanx an Gegnern – von Kemalisten bis zu den Anhängern des Predigers Fethullah Gülen – aufjubeln lassen.

Veteranen in Armee-Jeeps

Für die Kemalisten der ersten Stunde hatte Atatürks Grabmal die Pilgerheiligtümer des Islam ersetzt. Als Recep Tayyip 1954 am Rande des Goldenen Horns zur Welt kam, war freilich der Geist des Nationalen Befreiungskriegs, den Atatürk so erfolgreich gegen eine Welt von Feinden führte, schon für viele verweht. Die letzten Veteranen, die noch in den 1960er Jahren auf Armee-Jeeps bei Paraden durch die Städte gefahren wurden, sind längst ins Paradies eingezogen.

In Erdoǧans Geburtsjahr war Adnan Menderes Regierungschef, der nach demokratischen Wahlen das Instrument der parlamentarischen Mehrheitsdiktatur rigoros ausspielte. Er kombinierte eine entschiedene Westbindung mit zunehmender Knebelung von Opposition und Presse.  Das Militär beendete 1960 das Regime Menderes. Da lernte Recep Tayyip gerade lesen und schreiben.

Als 20 Jahre später der Generalstab erneut gegen eine gewählte Regierung intervenierte, war Recep ein erwachsener Mann, der ein Studium absolviert hatte, als Reserveoffizier gedient und sich vor allem in der islamistischen Partei Necmettin Erbakans engagiert hatte. Erbakan hatte sich den Rückbau kemalistischer Reformprojekte zum Ziel gesetzt. Dafür wurde er vom Militär gestürzt, hatte aber bereits die Agenda Erdoǧans vorweg genommen.

Der Umgang des Schülers Erdoğan mit Atatürk gleicht dem seines Lehrmeisters Erbakan: Er unterscheidet den siegreichen Organisator des Unabhängigkeitskriegs von dem Kulturrevolutionär. Atatürk selbst greift er nie an, sondern macht für "Fehlentwicklungen" Mitstreiter, Berater und Nachfolger verantwortlich. Nachhaltige Ergebnisse der kemalistischen Reformen wie der Gleichstellung der Geschlechter, der Aufbau eines modernen Schulwesens und die Verbesserung der Lage auf dem Lande verschwinden in Erdoğans Darstellung hinter dem Zerrbild einer Schreckensherrschaft, die den Frauen das Kopftuch nahm.