Mehr als 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz hat ein 93-jähriger früherer SS-Mann ein Geständnis abgelegt. "Für mich steht außer Frage, dass ich mich moralisch mitschuldig gemacht habe", sagte Oskar Gröning vor dem Landgericht Lüneburg in einer langen persönlichen Erklärung. Darin räumte Gröning auch ein, 1942 gleich bei seiner Ankunft von der Vergasung der Juden im Konzentrationslager Auschwitz erfahren zu haben. "Ich bitte um Vergebung. Über die Frage der strafrechtlichen Schuld müssen Sie entscheiden", sagte Gröning.

Die Anklage wirft Gröning Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen vor. Ihn erwartet eine Haftstrafe von mindestens drei Jahren, sollte er verurteilt und für haftfähig erklärt werden. Für den Prozess sind 27 Verhandlungstage bis Ende Juli angesetzt. 

Der Angeklagte erschien mit einem Rollator im Gerichtssaal, gestützt von seinen Anwälten. Der Richter eröffnete den Prozess mit einer halben Stunde Verspätung um 10 Uhr. Die Verlesung der Anklage dauerte rund eine Viertelstunde. Unter den mehr als 60 Nebenklägern sind Holocaust-Überlebende und Angehörige von Opfern. Sie stammen aus Kanada, den USA und Ungarn. Es gehe ihnen um eine späte Gerechtigkeit, nicht um Rache oder eine hohe Strafe, sagten Auschwitz-Überlebende vor Beginn des Prozesses. 

Der Angehörige der Waffen-SS soll in Auschwitz-Birkenau geholfen haben, das von neu eingetroffenen Häftlingen zurückgelassene Gepäck wegzuschaffen. Er soll aus dem Gepäck genommenes Geld gezählt und an die SS in Berlin weitergeleitet haben. Gröning wurde deshalb von Journalisten "Buchhalter von Auschwitz" genannt. Vor Gericht räumte Gröning diese Tätigkeit ein.

Er schildete auch grausame Vorgänge, die sich vor seinen Augen abspielten. Auf der Suche nach entflohenen KZ-Insassen sei er Zeuge einer Vergasung in einem dafür umgebauten Bauernhof geworden und habe die langsam verstummenden Schreie der Opfer gehört.

Nachdem er sah, wie ein SS-Mann ein zurückgelassenes Baby gegen einen Lastwagen schlug und tötete, habe er Vorgesetzte eingeschaltet und um seine Versetzung an die Front gebeten, schilderte Gröning. Ihm sei aber gesagt worden, es gebe keine Möglichkeit, dort herauszukommen.

Mit seiner Tätigkeit habe er dem NS-Regime wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Tötungsgeschehen unterstützt, wirft ihm die Staatsanwaltschaft Hannover vor. Der "reibungslose Ablauf" der Menschenvernichtung sei nur möglich gewesen durch die "zuverlässige Arbeit" der Bediensteten in den Vernichtungslagern. Das hätten die Organisatoren des Holocausts gewusst und sich daher darauf verlassen, sagte Staatsanwalt Jens Lehmann bei der Verlesung der Anklage.

Die Anklageschrift wurde aus rechtlichen Gründen auf die sogenannte Ungarn-Aktion im Sommer 1944 beschränkt. Damals waren 137 Eisenbahntransporte mit rund 425.000 Menschen in Auschwitz-Birkenau eingetroffen. Mindestens 300.000 von ihnen wurden dort getötet. 

Gröning selbst hält sich im juristische Sinne für unschuldig, hatte er 2013 der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung gesagt. Niemals habe er einen Häftling auch nur geschlagen, beteuerte Gröning, der in mehreren Auschwitz-Prozessen als Zeuge aufgetreten war. 2005 hatte er außerdem in einem mehrstündigen Gespräch mit der BBC öffentlich über seine Zeit in Auschwitz gesprochen. Damals sagte er, nicht nur Juden seien während des Krieges getötet worden, sondern auch viele andere Menschen. Seine Funktion innerhalb des SS-Apparats leugnete er nicht. "Jeder ist sich selbst der Nächste", sagte Gröning damals.

Die Justiz verlangt seit 2011 nicht mehr den Nachweis einer direkten Beteiligung an den Morden in den Vernichtungslagern. Auch die Tätigkeit eines Aufsehers oder eines Kochs kann seitdem für die Annahme von Beihilfe zum Mord ausreichend sein. Eine unmittelbare Beteiligung an einem konkreten Tötungsdelikt muss nicht mehr nachgewiesen werden. 

Frühere Ermittlungen gegen Gröning hatte die Staatsanwaltschaft Frankfurt im März 1985 eingestellt. Das nun neu angeklagte Verfahren beruht auf Vorermittlungen der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Sie hatten 2014 zu bundesweiten Durchsuchungen bei ehemaligen SS-Angehörigen geführt. Gröning ist der einzige von vier mutmaßlichen NS-Verbrechern aus Niedersachsen, gegen den Anklage erhoben wurde. Die anderen sind inzwischen verstorben oder gelten als dauerhaft verhandlungsunfähig.

Gröning lebt in einem kleinen Dorf in der Lüneburger Heide, daher ist das dortige Landgericht für den Prozess zuständig. Das Interesse auch ausländischer Medien ist groß. Aus Platzgründen weicht die vierte große Strafkammer daher aus in die Ritterakademie, einen eigens angemieteten Veranstaltungsort.