Manches versteinerte Überbleibsel aus der Urzeit ist erfrischend anders: Etwa der für seine unsägliche "Hässlichkeit" verschriene Nasutoceratops titusi, oder die versteinerten Überreste der bislang größten Dinosaurier aller Zeiten. Sieben Stockwerke hoch und zwei Sattelschlepper lang sollen sie gewesen sein. In China sind Forscher nun auf Fossilien gestoßen, die alles Dagewesene in den Schatten stellen: Der Dino, zu dem sie gehörten, bewegte sich zu Lebzeiten wohl wie Fledermäuse oder Flughörnchen durch die Lüfte (Xu et al., 2015). Eine unglaubliche Chuzpe, denn damit passt er in kein Schema.

Der kleine, rund 380 Gramm schwere Dinosaurier lebte vor rund 174 bis 145 Millionen Jahren zur Zeit des Mittleren-Oberen Jura und gehört zu einer außergewöhnlichen Gruppe der fleischfressenden Dinos: Theropoden namens Scansoriopterygidae.

Forscher wissen wenig über die Spezies. Nach jetziger Kenntnis gibt es drei Arten, von denen wiederum nur unvollständige Überreste existieren. Sie sind eng verwandt mit primitiven Vögeln wie Archaeopteryx. Jedoch fehlen bislang Beweise, dass sie selbst in die Lüfte steigen konnten. Alle haben kleinere und weniger Zähne als andere Theropoden, auch sind sie bekannt für ihre langen dreifingrigen Hände. Deren dritter Finger ist stets länger als der zweite, was die Hände wie Klauen oder größere Vogelfüße aussehen lässt.

Im Fall des neusten Fundes ist der dritte Finger besonders lang. Eine weitere Besonderheit: Es gibt eine vierte Struktur, die lang und dünn wie ein Stab dem Handgelenk entspringt. Diese Konstruktion könnte als Gerüst für einen Flügel gedient haben. Diesem ungewöhnlichen Aufbau verdankt der Winzdino seinen Namen. Yi qi taufte ihn das Team um den Paläontologen Xing Xu von der Linyi University – zu Deutsch "komischer Flügel".

Mitte der neunziger Jahre förderten chinesische Paläontologen Dino-Fossilien zutage, die beweisen, dass die Urzeitechsen die Vorfahren der Vögel sind (Chen, Dong & Zhen, 1998 / Ji & Ji, 1997). Bis heute schärfte sich das Bild der Evolution von Feder und Flug stetig. Es wurde allerdings mit jedem gefiederten Dino, den Forscher aus dem Erdboden putzten, auch kleinteiliger – und komplizierter.

Erst springen, dann fliegen

Grob gesagt entwickelte sich die Evolution des Flugs so: Primitive Saurier beschlossen irgendwann aus Bäumen zu springen. Geschätzt geschah das in der Jurazeit. Weiter sprangen jene, die Fortsätze am Körper trugen. Diese Anhänge wurden später zum Federkleid. Doch wie wurde wirklich ein Sprung zum Flattern oder Gleitflug und später zum Flug? Oder entwickelten sich Gleiten und Fliegen unabhängig voneinander? Die Debatte reichert das neue Fossil aus der Tiaojishan Formation in der chinesischen Provinz Hebei an.

Zahlreiche andere Tiere wie Fledermäuse besitzen ähnliche Knochen oder Knorpelstrukturen wie Yi qi. Die Funktion ist immer dieselbe: Sie stützen eine aerodynamische Membran, eine Flughaut. Tatsächlich hat ein Teil von Yi qis Membran gar die Jahrmillionen überdauert. Die genaue Form und Größe aber sind unklar. Offen bleibt, ob der kleine Dino ein fehlgeschlagenes Experiment der Evolution war oder ein Wesen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, ein Super-Dino, der Batman unter den Urzeit-Echsen sozusagen.

"Die Dinge sind nicht mehr bloß komisch, sie sind bizarr", kommentiert Fachkollege Kevin Padian von der University of Berkeley den Fund in einem begleitenden Artikel (Padian, 2015). So etwas wie Yi qi sei nie zuvor beobachtet worden, der Dino mit dem Stabfinger wolle sich nicht ins bekannte Bild einfügen.