Der Bundesgerichtshof zementierte diese geteilten Rechtsmaßstäbe, als er 1969 die Urteile des Frankfurter Schwurgerichts bis auf einen einzigen Fall für rechtens erklärte. In den folgenden Jahren blieben Aberhunderte von SS-Leuten, die in Auschwitz ihren alltäglichen "Dienst" verrichtet hatten, unbelangt.

Von etwa 6.000 nach dem Krieg noch lebenden Auschwitz-Bediensteten wurden nur etwa 800 verurteilt, die meisten vor polnischen Gerichten. In der Bundesrepublik Deutschland wurden 43 ehemalige SS-Leute aus Auschwitz verurteilt. Von den rund 120 SS-Leuten der Vernichtungslager Belzec, Sobibór und Treblinka wurden hingegen fast alle, derer man habhaft werden konnte, juristisch belangt.

Der Fall Demjanjuk gab den Impuls

Den Impuls für ein Umdenken in der Rechtspraxis brachte erst der Fall des ehemaligen Wachmanns John Demjanjuk im Jahr 2011. Auch der ukrainische Kriegsgefangene tat seinen Dienst in Sobibór, allerdings als sogenannter Hilfswilliger, nicht als SS-Mann.

Die erneute Beschäftigung mit dem Fall eines Handlangers, wenn auch einem, der in einem "reinen Vernichtungslager" Dienst tat, führte dazu, dass die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen begann, sich verstärkt wieder für Auschwitz-Handlanger zu interessieren.

Sie entsann sich einer Beschuldigtenliste, die in den sechziger Jahren von der Frankfurter Staatsanwaltschaft erstellt worden war. Die bis in die achtziger Jahre fortgeführte und aktualisierte Liste umfasst heute 475 Blatt und enthält rund 4.500 Namen von SS-Personal in Auschwitz. Die Zentrale Stelle ermittelte einige Dutzend noch lebende ehemalige SS-Angehörige von der Beschuldigtenliste und gab ihre Vorermittlungsverfahren an zuständige Staatsanwaltschaften ab. So auch den Fall Oskar Gröning.

Sollte der Bundesgerichtshof das Urteil des Landgerichts Lüneburg gegen Gröning bestätigen, wäre dies ein deutliches Zeichen, dass Auschwitz-Birkenau vor Gericht heute ebenso als Todesfabrik gilt wie Sobibór. Ein solches Urteil würde bekräftigen, dass auch die vermeintlich kleinen Rädchen in der Vernichtungsmaschinerie der Nazis für Beihilfe zum Mord zur Rechenschaft gezogen werden müssen.