In einem forensischen Institut in Straßburg hat ein Historiker konservierte Überreste von Nazi-Opfern gefunden. Mehrere Körperteile, darunter ein Gefäß mit Hautfragmenten eines vergasten Opfers, und Stücke von Organen seien entdeckt worden, berichtet Le Monde. Die Proben haben demnach 70 Jahre unentdeckt in dem Rechtsmedizinischen Institut gelegen. Gewebe aus dem Darm und Magen eines Opfers wurde in Reagenzgläsern gefunden.

Durch die Etiketten auf den Proben, auf denen die Häftlingsnummer registriert sei, sei man sich sicher, dass sie zu den Forschungen des Anatomieprofessors August Hirt gehörten. Er gilt als einer der bekanntesten Vertreter der "Medizin ohne Menschlichkeit" während der NS-Zeit. Hirt, der Professor an der Reichsuniversität Straßburg war, führte an Häftlingen des Konzentrationslagers Struthof Experimente mit Senfgas durch. 86 KZ-Häftlinge aus Auschwitz, die 1943 ins besetzte Elsass gebracht worden waren, ließ Hirt ermorden, damit er an seinem Institut eine Sammlung von Skeletten aufbauen konnte – für ein geplantes "Museum der verschwundenen jüdischen Rasse".

Die Entdeckung und Zuordnung der Leichenteile gelang dem Historiker Raphaël Toledano, der mehrere Werke zu dem Thema veröffentlicht hat, darunter den Dokumentarfilm Le nom des 86 (Der Name der 86). Toledano konnte laut Le Monde zum Beispiel nachweisen, dass viele der Leichenteile mit der Nummer 107969 etikettiert waren und dass diese Nummer auch auf dem Unterarm des Auschwitz-Häftlings Menachem Taffel tätowiert war. Bei allen anderen Toten hätten die Nazis dafür sorgen können, diese Spur nach Auschwitz möglichst zu verwischen, berichtet die Straßburger Zeitung Les Dernières Nouvelles d'Alsace. Die Häftlinge seien im KZ Struthof vergast worden; dann habe man ihre Körper in Formol konserviert.

Hippokrates in der Hölle

Nach der Befreiung Straßburgs im Jahr 1944 waren die gefundenen Leichenteile von den Alliierten 1946 überwiegend in einem Gemeinschaftsgrab auf einem jüdischen Friedhof bestattet worden. Die jetzt gefundenen Überreste seien verwahrt worden, "um die in Struthof auf Verlangen von August Hirt begangenen Verbrechen zu dokumentieren", teilte die Stadt Straßburg mit. Sie sollen nun der jüdischen Gemeinde übergeben und auf dem jüdischen Friedhof in Cronenbourg beigesetzt werden.

Lange Zeit war die Existenz der Leichenteile der Opfer in dem Straßburger Institut bezweifelt worden. Die Universität hatte dies Anfang des Jahres noch bestritten. Doch der Arzt und TV-Journalist Michel Cymès veröffentlichte im Januar das Buch Hippocrate aux enfers (Hippokrates in der Hölle) über die medizinischen Experimente in Konzentrationslagern der Nazis und zitierte darin Aussagen, die die Aufbewahrung der Leichenteile im Institut bezeugten.

Der Straßburger Gerichtsmediziner Camille Simonin, der Hirts Verbrechen untersuchen sollte, hatte die Leichenteile aufbewahrt. Den entscheidenden Hinweis bekam Toledano durch einen Brief Simonins aus dem Jahr 1952. Darin war von Proben die Rede, die bei Autopsien jüdischer Opfer aus dem KZ Struthof entnommen worden waren.