Da behauptete also jemand, erst der Mufti von Jerusalem habe Hitler einflüstern müssen, die Juden zu vernichten; Hitler sei alleine gar nicht drauf gekommen. Nun, das wäre nicht weiter der Rede wert, schon alleine weil es (mindestens) in zweierlei Hinsicht absurd ist: Erstens, die Nazis musste man nicht auf die Idee bringen, Juden zu ermorden. Da waren sie schon selbst drauf gekommen. Zweitens, Amin al-Husseini war schlichtweg nicht bedeutend genug, um als großer Ratgeber Hitlers auftreten zu können.

Das ganze Bild des Mufti-Kommentars steht auf dem Kopf und trivialisiert die Nazis und den Holocaust. Nun war es aber eben ein Kommentar von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu. Auch das wäre vielleicht besser nicht weiter der Rede wert, würde es eben nicht bedeuten, den Palästinensern quasi die Schuld am Holocaust in die Schuhe zu schieben – und das in einer ohnehin äußerst aufgeladenen politischen Situation. Dies ist sicherlich nicht der Zeitpunkt, gewagte historische Thesen auszudiskutieren, aber darum geht es ohnehin nicht.

Eigentlich wäre das alles ganz einfach aufzulösen. Wir besitzen Bibliotheken voll von grundlegender und umfassendster Forschung zu den Nazis und zum Holocaust. Ja, das Rad der Geschichtsforschung dreht sich weiter und es werden fortdauernd neue Aspekte der Geschichte des Nationalsozialismus beforscht. Gerade in den letzten Jahren sind eine Reihe von internationalen Verbindungen diskutiert, rekonstruiert und problematisiert worden. Das ist wichtig und interessant, heißt aber nicht, dass andauernd die Grundfesten der Forschung erschüttert werden, nur weil wir beispielsweise etwas mehr über die Rolle des Islams, der Türkei oder Russlands für die Nazis wissen. Viele der neuen Erkenntnisse irritieren fest gefügte Narrative zur deutschen und zur nationalsozialistischen Geschichte. Irritation ist Teil des Prozesses auf dem Weg zu neuen Erkenntnissen; die Verwirrung à la Netanjahu jedoch nicht.

Der Mufti war vor allem eine Propagandafigur

Der Mufti ist nicht die einzige prominente Figur aus der Geschichte der außereuropäischen Welt, die irgendwie mit den Nazis in Verbindung gestanden hat. Eine Studie von Romain Hayes (2011) problematisiert einen wichtigen indischen Nationalistenführer, Subhash Chandra Bose, der ebenfalls nach Berlin gereist war, um die Gunst der Nazis zu erwerben und dadurch zu Hause Führungsansprüche durchzusetzen. Vielleicht war der Mufti etwas wichtiger als Bose, aber nicht viel.

Ein Griff zu David Motadels 2014 erschienenem Buch, Islam and Nazi Germany's War, das derzeit sicherlich das Standardwerk zum Thema ist und auch noch einige Zeit bleiben wird, beantwortet uns schnell alle Fragen. Al-Husseini war zwar in Berlin ab November 1941, aber vor allem eine Propagandafigur, derer sich die Nazis bedienten, unter anderem eben für die beabsichtigte Mobilisierung "des Islams". Viel mehr war er aber nicht.

Stefan Ihrig ist Historiker am Van-Leer-Institut in Jerusalem und arbeitet zur Geschichte Europas und des Nahen Ostens. © privat

Mein letztes Buch (Atatürk in the Nazi Imagination, Harvard University Press, 2014) stellt Bezüge zu Atatürk her. Es zeigt, wie begeistert die Nazis vom "türkischen Führer" und der "Neuen Türkei" waren. Hitler nannte Atatürk widerholt sein Vorbild, und zusammen mit anderen Nazis glaubte er, in der türkischen Geschichte seit 1919 eine Reihe von "türkischen Lehren" für Deutschland zu erkennen.

Mit der Rolle des Genozids an den Armeniern für die deutsche Geschichte auf dem Weg zum Holocaust beschäftigt sich mein im Winter erscheinendes Buch (Justifying Genocide – Germany and the Armenians from Bismarck to Hitler, Harvard University Press, 2016), und dieser hatte eine weitaus größere Bedeutung für Deutschland und die Nazis als bislang angenommen. Alles wichtig und interessant, aber noch lange kein Grund, deshalb nun den Türken Schuld für die Verbrechen der Nazis zuzuschieben.