Die unerzählte Geschichte vom Ende des Kalten Krieges

Die Besonderheit dieses Ortes kann man hören: Schon Hunderte Meter entfernt klingt es, als würde gleich eine Formation fliegender Roboter in den Wald stürzen. Wer sich nähert, kommt an ein Schild mit der Aufschrift: "Halt, hier wird scharf geschossen!". Dahinter ragen mehr als 60 Stahlkolosse in den Himmel, die höchsten 150 Meter groß. Seltsame Metallbojen sind daran befestigt, jeder Mast hat 44 Arme. Dazwischen sind Tausende Sendedrähte gespannt, das Geräusch stammt vom Wind, der durch sie streicht. Der Reiseleiter sagt: "Herzlich willkommen am größten Radar der Welt."

Das Ungetüm heißt Duga 1 und liegt zehn Kilomter entfernt vom Lenin-Kraftwerk in der heutigen Ukraine. Die Katastrophe in Tschernobyl brachte nicht nur das Ende des Glaubens an die Atomkraft. Die Reaktorexplosion war 1986 auch der Anfang vom Ende des Kalten Krieges. Das liegt an Duga 1. Das Radarsystem war das Herzstück der sowjetischen Atomkriegspolitik. "Das System war in der Lage, Ziele in einer Entfernung von bis zu 9.000 Kilometern aufzuspüren", sagt Matthias Uhl, Wissenschaftler am Deutschen Historischen Institut in Moskau. Bis New York sind es von Tschernobyl lediglich 7.500 Kilometer Luftlinie. Unter Zielen sind "einzeln anfliegende Atomsprengköpfe oder gruppenweise anfliegende" Atomraketen zu verstehen, "Flugzeuge schieden aus, da diese ja keine ballistische Flugbahn hatten und nicht wie Interkontinentalraketen durch das All flogen", sagt Uhl.

Anders als die USA besaß die einstige Sowjetunion keinen interkontinentalen Raketenabwehrschild. Aber eben Duga 1 – sollten die Amerikaner jemals eine Atomrakete losschicken – blieb dank seiner hohen Sendeleistung genug Zeit für den atomaren Gegenstoß. Vor allem die Sowjet-Staatsoberhäupter Juri Andropow und Konstantin Tschernenko wurden nicht müde, die Nato wieder und wieder davor zu warnen: Ehe euer Sprengkopf unser Territorium erreicht, haben wir euch längst vernichtet. Aber dann kam der 26. April 1986, und Duga 1 musste aufgegeben werden.

Die Nato sprach von Woodpecker

"Hier rechts geht es zur Stadt", sagt Johny Pirogow, Reiseleiter bei Chernobyl Tour. Gut 40 Touristen haben den Tagestrip gebucht, Briten, Deutsche, ein Kanadier, Chinesen und viele Polen. Früher wohnten 2.000 Menschen neben der Radaranlage, in erster Linie Ingenieure zum Bau, Wissenschaftler für den Betrieb und Militärs, die die Daten auswerteten und so dem Weltfrieden das atomare Gleichgewicht schenkten. Für sie und ihre Familien gab es in der Stadt Duga alles, was sie brauchten: Schulen, Kindergärten, Restaurants, Parks, Polikliniken, Bibliotheken. "Daneben gab es natürlich noch eine ganz normale Kaserne mit Wachsoldaten, Pionieren, Versorgungseinheiten", sagt Pirogow. Wann genau Duga aufgegeben wurde, ist nicht bekannt. Der Nachbarort Kopatschi war Anfang Mai 1986 geräumt worden.

"Woodpecker" nannte die Nato das Kurzwellensignal, das Duga 1 erzeugte. Das Signal mit einer Frequenz von 10 Hertz hörte sich an wie das Klopfen eines Spechts, daher der Name. "Bei Duga 1 handelt es sich um ein Überhorizontradar, das im Kurzwellenbereich arbeitet und zur Reichweitenerhöhung Reflexionen der Ionosphäre nutzte und so eine Ortung über die Erdkrümmung hinaus ermöglichte", sagt der Militärexperte Uhl. Eine zweite Anlage Duga 2 hatten die Sowjets in Komsomolsk nahe des Pazifiks aufgebaut. Von dort sind es 9.400 Kilometer Luftlinie bis New York. Damit hatte die UdSSR den gesamten amerikanischen Luftraum unter Kontrolle. Zumindest bis zum Reaktorunfall in Tschernobyl.

Dass die Sowjets ihre Horchanlage Duga 1 ausgerechnet dort aufgebaut haben, erscheint logisch. "Wegen der Atomanlagen war die Gegend ohnehin gut überwacht, Ausländer kamen hier praktisch nicht rein", sagt Reiseführer Pirogow. Der Standort hatte einen weiteren, wichtigen Vorteil: Dank der nahen Reaktoren gab es Strom im Überfluss – auch noch ohne Unterbrechung. In der Sowjetunion war das damals keine Selbstverständlichkeit, für die Wahrung des Weltfriedens – also die permanente Überwachung des Luftraums der Nato – aber essenziell. Der Wissenschaftler Uhl sagt: "1969 wurde per Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU mit dem Bau der Anlagen in Tschernobyl und Komsomolsk am Amur begonnen. 1972 erfolgte die Werksprüfung des Systems."

Duga 1 steht nur noch wegen Tschernobyl

Getarnt war Duga 1 als Jugendferienheim, noch heute grüßt Mischka, das Maskottchen der Olympischen Sommerspiele 1980, von der Bushaltestellenwand. Zwar konnten die Bewohner Tschernobyls und auch die der Atomkraftwerkerstadt Prypjat die gigantische Silhouette im Wald aus ihren Hochhausfenstern sehen. Groß interessiert hat sie die Bewohner nicht. Der Fortschrittsglaube war damals in der Region grenzenlos, sollte das "Tschernobyler Atomkraftwerk namens W. I. Lenin" doch mit elf Reaktoren zum größten Atomkomplex der Welt ausgebaut werden. Block 5 stand kurz vor der Fertigstellung, auch an Block 6 hatten die Arbeiten längst begonnen. Wer sollte sich da an einer Sendeanlage im Wald stören?

"Duga 1 steht nur noch dank der Atomkatastrophe", sagt Reiseleiter Pirogow. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten die russischen Militärs großes Interesse, die anderen Anlagen schnell verschwinden zu lassen. Drei dieser Sendeeinheiten gab es, "eine Anlage am Schwarzen Meer bei Nikolajew diente als Prototyp für Tschernobyl und Komsomolsk", sagt Matthias Uhl. Die Radare in Nikolajew und Komsomolsk sind längst umgelegt, Duga 1 geriet unangetastet in der 30-Kilometer Sperrzone um den explodierten Reaktorblock in Vergessenheit. Die nukleare Strahlendosis war hier bis vor einigen Jahren noch enorm hoch, der Nachbarort Kopatschi musste abgetragen, das Baumaterial samt Inventar der Häuser in ein atomares Zwischenlager gebracht werden.

Komplett neue atomare Raketenstrategie

"Es gibt keine Idee, wie man die Stahlträger umlegen könnte", sagt der Reiseleiter. Interesse am Stahl hätten viele, der ließe sich prima verkaufen. Beispielsweise würde bei einer Sprengung aber ein lokales Erdbeben ausgelöst – und die gerade erst im Erdreich gebundene Radioaktivität wieder frei. Für Johny Pirogow ist das gut so: "Nicht viele bieten Duga 1 in ihrem Reiseprogramm an." Natürlich: Der Reaktor, die Atomkraftwerkerstadt Prypjat, Essen in der Tschernobyl-Kantine, es gibt ein paar Fixpunkte in jeder Tschernobyl-Reise. "Aber die Duga-Anlage ist etwas Besonderes: Eine Reise in eine vergessene Zukunft", sagt Pirogow. 

"Tschernobyl war der Anfang vom Ende der Sowjetunion", hat der letzte Sowjet-Chef Michail Gorbatschow einmal gesagt. Für die Bewältigung der Katastrophe habe das Land derartig viele Ressourcen aufbringen müssen, dass für die Weiterentwicklung des Sozialismus einfach nichts mehr übrig blieb. Dass die Sowjetunion ihre komplette atomare Raketenstrategie neu konzipieren und aufbauen mussten, das hat er allerdings nicht gesagt.