Getarnt war Duga 1 als Jugendferienheim, noch heute grüßt Mischka, das Maskottchen der Olympischen Sommerspiele 1980, von der Bushaltestellenwand. Zwar konnten die Bewohner Tschernobyls und auch die der Atomkraftwerkerstadt Prypjat die gigantische Silhouette im Wald aus ihren Hochhausfenstern sehen. Groß interessiert hat sie die Bewohner nicht. Der Fortschrittsglaube war damals in der Region grenzenlos, sollte das "Tschernobyler Atomkraftwerk namens W. I. Lenin" doch mit elf Reaktoren zum größten Atomkomplex der Welt ausgebaut werden. Block 5 stand kurz vor der Fertigstellung, auch an Block 6 hatten die Arbeiten längst begonnen. Wer sollte sich da an einer Sendeanlage im Wald stören?

"Duga 1 steht nur noch dank der Atomkatastrophe", sagt Reiseleiter Pirogow. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatten die russischen Militärs großes Interesse, die anderen Anlagen schnell verschwinden zu lassen. Drei dieser Sendeeinheiten gab es, "eine Anlage am Schwarzen Meer bei Nikolajew diente als Prototyp für Tschernobyl und Komsomolsk", sagt Matthias Uhl. Die Radare in Nikolajew und Komsomolsk sind längst umgelegt, Duga 1 geriet unangetastet in der 30-Kilometer Sperrzone um den explodierten Reaktorblock in Vergessenheit. Die nukleare Strahlendosis war hier bis vor einigen Jahren noch enorm hoch, der Nachbarort Kopatschi musste abgetragen, das Baumaterial samt Inventar der Häuser in ein atomares Zwischenlager gebracht werden.

Komplett neue atomare Raketenstrategie

"Es gibt keine Idee, wie man die Stahlträger umlegen könnte", sagt der Reiseleiter. Interesse am Stahl hätten viele, der ließe sich prima verkaufen. Beispielsweise würde bei einer Sprengung aber ein lokales Erdbeben ausgelöst – und die gerade erst im Erdreich gebundene Radioaktivität wieder frei. Für Johny Pirogow ist das gut so: "Nicht viele bieten Duga 1 in ihrem Reiseprogramm an." Natürlich: Der Reaktor, die Atomkraftwerkerstadt Prypjat, Essen in der Tschernobyl-Kantine, es gibt ein paar Fixpunkte in jeder Tschernobyl-Reise. "Aber die Duga-Anlage ist etwas Besonderes: Eine Reise in eine vergessene Zukunft", sagt Pirogow. 

"Tschernobyl war der Anfang vom Ende der Sowjetunion", hat der letzte Sowjet-Chef Michail Gorbatschow einmal gesagt. Für die Bewältigung der Katastrophe habe das Land derartig viele Ressourcen aufbringen müssen, dass für die Weiterentwicklung des Sozialismus einfach nichts mehr übrig blieb. Dass die Sowjetunion ihre komplette atomare Raketenstrategie neu konzipieren und aufbauen mussten, das hat er allerdings nicht gesagt.