Verlusterfahrungen prägten beider Leben. Er hatte Breslau verloren, man kann auch sagen: alles, sie hatte die ostpreußische Heimat verlassen müssen. Nur wenige aber hatten die Kraft, das zu akzeptieren – und dennoch gelöst nach vorne zu schauen. Die hatte Stern unbedingt. Darin aber, das wurde mir erst später klar, gründete der wahre Konsens zwischen Fritz Stern, Marion Dönhoff, auch vielen jüngeren Historikern wie Norbert Frei oder Journalisten wie Haug von Kuenheim. Bei Sterns zu Hause in New York sprach man zwar stets Deutsch, aber der tiefe Bruch zwischen ihnen und dem Land, dem sie entkommen waren, schien unüberbrückbar. Dass es ein "anderes Deutschland" gebe, habe er sich damals nicht vorstellen wollen, bekannte Stern, wenn er zurückdachte.

Helmut Schmidt Schmidt und Fritz Stern über militärische Interventionen In dem Buch "Unser Jahrhundert", eine Gesprächsaufzeichnung zwischen Schmidt und Stern, diskutieren die beiden kontrovers, unter welchen Bedingungen Eingriffe mit dem Militär notwendig sind.

1954 nahm er in Berlins Bendler-Block an einer Veranstaltung zum zehnjährigen Jahrestag des 20. Juli teil. Damals habe er – plötzlich – ein "Bröckeln des unreflektierten Hasses des Kindes, des Ausgeschlossenen", gespürt. Ihm gingen die Augen auf. Was der "Aufstand des Gewissens" wirklich bedeutete, hat er später noch oft wiederholt, wurde ihm da erst klar – fast ein Erweckungserlebnis. Dass die Deutschen die Opposition gegen Hitler, nicht zuletzt auch den Widerstand der Offiziere, nicht hinreichend ehrten, bedrückte ihn. Und exakt darin entdeckte er in Marion Dönhoff schon eine Seelenverwandte, bevor sie sich erstmals trafen: Sie lebte aus dieser Überzeugung, dass es ein "anderes Deutschland" gebe und der Aufstand, in dem Sinne, nicht wirklich umsonst gewesen sei, eine Einsicht, die Stern 1954 gewann.

1970, beim Mittagessen, fanden sie daher trotz der Differenzen über die Apo auch rasch Konsens, denn Willy Brandt war gerade zum Kanzler gewählt worden. Dass ein Exilant, in Opposition gegen Hitler, in Bonn an der Spitze stand, begrüßten sie enthusiastisch. Da zeigte sich etwas von diesem "anderen", auf das er setzte. Brandts Kniefall in Warschau, 1971, bestätigte ihm das. Dieses Deutschland, das er mit so viel Generosität, ja wiedergewonnener Liebe beobachtete, fand aus seiner Sicht doch langsam zu sich. Und so konnte er den Mauerfall und die Einheit 1989/90 auch begrüßen als die "zweite Chance" der Deutschen. Wie gern tauschte er sich bei seinen Besuchen in Sils-Maria, beim Tee mit Marion Dönhoff, über dieses vereinigte, aber zum Glück auf Europa fixierte Deutschland aus. Seine Geschichtszuversicht sah er darin bestätigt.

Helmut Schmidt und Fritz Stern über den Sozialstaat

Eine "widerständige Person" sei die "Gräfin" – er nannte sie so – immer gewesen, hat er mir zuletzt gesagt, deshalb war sie schon ganz habituell gegen Hitler. Aber eine solche "widerständige Person", der wandelnde Widerspruch gegen jeden Fatalismus, war für mich jedenfalls auch Fritz Stern selber. Man musste ihn kaum fragen – dass er Donald Trumps Aufstieg nicht schweigend zusehen wollte, auch nicht als 90-Jähriger, verstand sich von selbst; wäre nur Hillary Clinton nicht auch so konventionell, brav, etabliert! Derart kribbelig machte ihn "die geistige Situation der Zeit" in seinem eigenen Land, dass man manchmal am Telefon oder in München oder in Sils zu spüren meinte, er sehne sich doch in diese verlorene Heimat, nach Europa zurück, wäre er nur jünger – und wäre der alte Kontinent nicht auch von Nationalisten und Rechtspopulisten bedroht.

Gegen Anflüge von Resignation wusste er freilich ein gutes Mittel. Er setzte sich gern zusammen mit jungen Studenten, Doktoranden, wer ihn halt interessierte. Profitiert hat davon auch mein eigener Sohn in Princeton, Fritz Stern lud ihn dann ein in sein Haus, immer froh, junge Leute zu hören, die unangepasst, kritisch, freiheitssehnsüchtig und antinationalistisch in die Welt blickten, wie er sich das wünschte. Kirre machen lassen von der Geschichte? Nicht mit ihm! Wie wird man dieses freundliche Grübeln, das verlässliche Urteilen, seine leise Unüberhörbarkeit vermissen.