"Wer sich an den Kolonialismus erinnerte, hat ihn verklärt" – Seite 1

Gnadenlos hatten deutsche Truppen den Widerstand der Herero und Nama unterdrückt. Zwischen 1904 und 1908 töteten die kaiserlichen Streitkräfte gezielt bis zu 80.000 Menschen in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Erst jetzt hat die Bundesregierung in einem offiziellen Dokument eingestanden: Der Vernichtungskrieg war ein Völkermord.

Update 6. Januar 2017: Vertreter der Volksgruppen der Herero und Nama aus Namibia haben in New York eine Sammelklage gegen Deutschland eingereicht, um Entschädigungszahlungen wegen der Anfang des 20. Jahrhunderts begangenen Kolonialverbrechen zu bekommen.

ZEIT ONLINE: Warum fällt es den Deutschen so schwer, mit der eigenen Geschichte umzugehen, selbst nach Eingeständnis des Holocaust?

Jürgen Zimmerer: Es gibt gewissermaßen eine koloniale Amnesie: Deutschland war nur vergleichsweise kurz Kolonialmacht. Die Gebiete in Afrika gingen sehr früh verloren, die Verbrechen des Dritten Reiches haben die Erinnerungen daran überlagert. Nach 1945 scheint die Aufarbeitung des Holocaust alle Energie gebunden zu haben. Wer sich an den Kolonialismus überhaupt erinnerte, hat ihn oftmals verklärt.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Zimmerer: Die Deutschen denken bei Kolonialisierung an den guten "weißen" Doktor im Urwald, der Medizin verteilt, oder den Missionar, der armen Mädchen im Baströckchen die "Zivilisation" bringt. Oder sie romantisieren die Siedler als Pioniere, die Straßen und Brücken gebaut haben. Der Tourismus in Namibia profitiert noch heute von dieser Vorstellung. Dabei wird ausgeblendet, auf welch rassistischer Grundlage dies geschah und wie viele Opfer es dafür auf afrikanischer Seite gab.

ZEIT ONLINE: Frischen Sie die Erinnerungen doch bitte rasch auf. Wie war es wirklich?

Jürgen Zimmerer ist ein deutscher Historiker und Afrikawissenschaftler. Er lehrt als Professor an der Universität Hamburg und ist Autor mehrerer Publikationen, darunter das Buch "Völkermord in Deutsch-Südwestafrika. Der Kolonialkrieg in Namibia (1904–1908) und die Folgen". © Privat

Zimmerer: 1884 ist das Deutsche Reich zur Kolonialmacht aufgestiegen. In Afrika gab es vier Kolonien: Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika – also Namibia – sowie Deutsch-Südostafrika, das heutige Tansania. Dann gab es noch Qingdao in China und einige Besitzungen in der Südsee. Das hatte große psychologische Bedeutung: Deutschland wollte Weltmacht sein. Kolonien zu besitzen, war in etwa so, wie heute einen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu haben. Außerdem gab es wirtschaftliche Interessen sowie die Hoffnung, deutsche Siedler nicht an fremde Staaten zu verlieren. "Einen Platz an der Sonne" erlangen, nannte das Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897.

Schon nach dem ersten Weltkrieg hatte sich das erledigt. Im Versailler Vertrag wurden dem Deutschen Reich die Kolonien aberkannt – wegen "erwiesener Kolonialunfähigkeit der Deutschen". Doch diese 30 Jahre haben ausgereicht, um die Geschichte der Länder grundlegend zu verändern. Am stärksten in Namibia.

ZEIT ONLINE: Was genau ist damals geschehen?

Zimmerer: Zwischen 1904 und 1908 ist es zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts gekommen. Das Gebiet, das Südwest-Afrika werden sollte, war im Wesentlichen im Norden von Ovambo, im Zentrum von Herero und im Süden von Nama besiedelt, wobei die Ovambo nie unter deutscher Verwaltung standen. Die deutsche Herrschaft war von Anfang an auf Betrug und Gewalt begründet. Man brachte Afrikaner um ihr Land, enteignete die Menschen, tötete sie, vergewaltigte Frauen und Mädchen… 1904 kam es dann zum großen Widerstand. Bis 80.000 Herero und 15.000 Nama standen ein paar Tausend Siedlern und einigen Hundert Soldaten gegenüber. Verstärkung aus Deutschland verhinderte die Niederlage, sie führte einen Vernichtungskrieg. Am Ende starben bis zu 80.000 Menschen.

Die Wüste sollte die Vernichtung des Herero-Volks vollenden

ZEIT ONLINE: Seit wann ist das Ausmaß der Gräuel bekannt?

Zimmerer: Bekannt ist es von Anfang an. Im Unterschied zum Holocaust wollte niemand die Taten verbergen. In der offiziellen Militärgeschichtsschreibung, die 1908 erschien, heißt es, die "wasserlose Omaheke (…) vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: Die Vernichtung des Hererovolkes". Es gibt Befehle, Schriftwechsel, Berichte, Soldatenmemoiren. In Peter Moors Fahrt nach Südwest, einem damals sehr populären Jugendbuch, wurde argumentiert, die "Schwarzen" – hätten, wie es hieß, – "kein Lebensrecht" mehr, weil sie keine zivilisatorischen Leistungen vollbracht hätten. In den sechziger Jahren gab es dann erste Studien, die von Genozid sprechen. Einer der Urheber war aber ein Historiker aus der DDR, weshalb seine Beurteilung als marxistisch inspiriert galt und von Politikern, Historikern und der Öffentlichkeit abgelehnt wurde. 2003 habe ich mit Kollegen die Beweise dann in einem Buch gebündelt vorgelegt.

ZEIT ONLINE: Gab es vergleichbare Geschehnisse, von denen niemand spricht?

Zimmerer: Namibia hat kein Alleinstellungsmerkmal. Fast gleichzeitig gab es in Deutsch-Ostafrika den Maji-Maji-Krieg, in dem doppelt bis dreifach so viele Afrikaner starben. In anderen deutschen Kolonien fanden ebenfalls extrem brutale Kriegsverbrechen durch das Militär statt.

ZEIT ONLINE: Auch Verbrechen, die Regierung und Parlament als Völkermord bezeichnen müssten?

Wenn ich mich damit brüste, zur eigenen Geschichte zu stehen, dann muss ich einen Genozid als solchen benennen.
Jürgen Zimmerer, Historiker

Zimmerer: Darüber muss diskutiert werden. Genozid ist ein ganz spezifisches Verbrechen. Es meint die gezielte Vernichtung einer Gruppe als solche. Das ist im Einzelnen immer schwer nachzuweisen.

ZEIT ONLINE:
Warum ist es so wichtig, die Kolonialzeit Deutschlands mehr als 100 Jahre später aufzuarbeiten?

Zimmerer: Zum einen ist das eine Frage des historischen Anstands. Wenn ich mich damit brüste, zur eigenen Geschichte zu stehen, sie kritisch aufzuarbeiten, dann muss ich als Regierung und als Parlament auch einen Genozid als solchen benennen. Insbesondere wenn ich das auch anderen ins Stammbuch schreibe. Ausgelöst hatte die Debatte ja, dass die Bundesregierung die Massaker an den Armeniern von 1915 und 1916 im Osmanischen Reich als Völkermord verurteilt hat. Es wäre Doppelmoral, die Anerkennung des eigenen Genozids nicht auszusprechen. Zum anderen ist es generell wichtig, weil der Kolonialismus ein unglaublich rassistisches Unterfangen war. Bis heute sind viele Ansichten und Stereotype nicht aufgearbeitet.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Zimmerer: Nehmen Sie die Ereignisse in Köln in der Silvesternacht: Die Form der Berichterstattung steht in einer Tradition mit der sogenannten Schwarzen Schmach am Rhein in den 1920er Jahren. Damals hatte die Regierung in Paris ganz bewusst französische Kolonialtruppen zur Demütigung der Deutschen eingesetzt, um das Rheinland zu besetzen und Reparationszahlungen zu erzwingen. Die Weimarer Republik fuhr damals eine absolut rassistische Kampagne gegen diese Soldaten. Vom Angriff des schwarzen Mannes auf den sexualisierten deutschen Volkskörper war die Rede. Von der Schändung der blonden Frau. Es war ein Schlüsselereignis des deutschen Rassismus, dessen Echo noch nach Silvester zu hören war.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Deutschland hat nichts gelernt?

Zimmerer: Nicht genug. Man stellt sich dem Problem nur halbherzig. Über die Haltung der deutschen Delegation in den aktuellen Verhandlungen sind die Namibier sehr verärgert. Die Vertreter reisten hin und sagten: Es gibt keine Reparationszahlungen, wir müssen uns vor der Bundestagswahl versöhnen und auch noch vor dem Amtsende des scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck, weil der noch die Entschuldigung aussprechen will. Das ist eine Zumutung für viele Namibier. Sie betonen: Man beginnt nicht Verhandlungen mit einer Gemeinschaft, die man vernichten wollte, indem man die eigenen Bedingungen aufzwingt. Und sie haben recht. Kaum jemand merkt, wie paternalistisch die Deutschen eigentlich auftreten. Sie stoßen damit andere vor den Kopf. Wer Schuld ehrlich eingestehen will, ist gut beraten, auf die Opfer zu hören, statt sein Ding möglichst effizient durchzuziehen.