Die Massengewalt der Nationalsozialisten, eine Reaktion auf die Mordaktionen der sowjetischen Kommunisten? Die Taten Hitlers und der Nationalsozialisten – ein Akt der Notwehr gegenüber den zuvor verübten Menschheitsverbrechen der Bolschewiki? Hitler selbst nicht so sehr angetrieben von aggressivem Antisemitismus und Rassismus, sondern in erster Linie von der Angst vor den Linken?

Was der Historiker Ernst Nolte 1986 in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (hier im Original nachzulesen) schrieb, ließ sich leicht als Entlastung des Diktators und der Deutschen lesen – auch wenn Nolte, der am Donnerstag mit 93 Jahren starb, diese Lesart seiner Thesen stets ablehnte. Da er seine entscheidenden Argumente als rhetorische Fragen formulierte und geschichtsphilosophisch verbrämte, ließ sein Artikel solche Interpretation durchaus zu.

Dreißig Jahre ist der Streit, den Nolte damit auslöste, jetzt her – die deutsche Mauer längst gefallen, die Sowjetunion zersplittert, und die Aufarbeitung der NS-Geschichte irgendwie angestaubter Pflichtschulstoff. Müssen wir diesen Aufreger aus den Achtzigern anlässlich des Todes Noltes wirklich noch mal durchkauen? Ja unbedingt! Vier Gründe, warum:

1) Weil sich die Nazizeit nicht abhaken lässt

Geschichtsbild und Selbstverständnis der heutigen Bundesrepublik beziehen sich stark auf die Debatte der späten Achtziger. Denn im Streit um Noltes Thesen setzten sich in der öffentlichen Diskussion letztlich die Kritiker des Berliner Historikers durch. Radikaler Antisemitismus und Rassismus stehen seither im Kern der nationalsozialistischen Gewaltgeschichte.

Kiran Klaus Patel, Jahrgang 1971, ist Professor für europäische und globale Geschichte an der Uni Maastricht und Mitglied der Unabhängigen Historikerkommission zur Geschichte des Reichsarbeitsministeriums. Derzeit arbeitet er über die internationale Seite der NS-Sozialpolitik. © privat

Die historische Verantwortung Deutschlands am Holocaust und anderen Verbrechen der NS-Zeit darf man nicht kleinreden. Es lässt sich auch kein Schlussstrich unter sie ziehen. Als Ergebnis des Historikerstreits wurde so der kritische Umgang der Bundesrepublik mit der eigenen Geschichte zementiert. Das ist bemerkenswert, da sich Deutschland in den Jahrzehnten davor dieser Vergangenheit keineswegs immer mustergültig gestellt hatte. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten hatte man den Holocaust nämlich nicht als den Kern des Nationalsozialismus gesehen.

2) Weil Rechtspopulisten die Geschichte umdeuten wollen

In Gesellschaften wie Polen, Ungarn, Russland oder in der Türkei und Indien setzen die Regierungen heute darauf, dunkle Kapitel der eigenen Geschichte unter den Tisch zu kehren. Umso mehr erscheint Deutschlands reflektierter und differenzierter Umgang mit der eigenen Geschichte als eine Errungenschaft, die viel zur internationalen Verständigung beitragen kann.

Diesen hart erkämpften Konsens in Bezug auf die deutsche Geschichte fordert heute etwa die AfD heraus. Der AfD-Vorsitzende in Sachsen-Anhalt André Poggenburg will den von den Nazis viel gebrauchten Begriff der Volksgemeinschaft aus dem Giftschrank der deutschen Geschichte holen. Poggenburg bezieht sich dabei auf Nolte, aber etwa auch auf den renommierten Zeithistoriker Michael Wildt, dessen Arbeiten er für seine rechtspopulistischen Thesen zu missbrauchen versucht.

Die Vergangenheit ist für immer vorüber. Wie man mit der Geschichte umgeht, ist jedoch immer das Ergebnis von Interpretationen – faktengestützten oder abwegigen. Deutungen sind niemals endgültig festgeschrieben. Jede Generation muss sie kritisch hinterfragen und sie sich erneut aneignen. Daran zeigt sich, wie gefährlich Tabubrüche am rechten Rand sind.

3) Weil wir unsere Streitkultur verteidigen müssen

Zugleich unterscheidet sich die Gegenwart stark vom Deutschland des Historikerstreits. Nicht nur, weil das Land damals in Bundesrepublik und DDR geteilt war und es sich im Wesentlichen um eine westdeutsche Debatte handelte. Der Streit polarisierte auch stark. Zwischen rechts und links wurde klar unterschieden, vor allem gab es einen tiefen Graben zwischen Christ- und Sozialdemokraten. Auch die Wissenschaftler, die zum Historikerstreit beitrugen, wurden klar mit politischen Lagern identifiziert. Raum für Zwischentöne gab es wenig.