Vor schätzungsweise 200.000 Jahren entwickelte sich in Afrika ein Lebewesen, das die Welt für immer verändern sollte. Ein Wesen, das lernte, Feuer zu machen, Strom zu erzeugen, sich auf Rädern fortzubewegen und zu fliegen. Es baute riesige Städte, erkundete jeden noch so kleinen Winkel des Planeten und sogar den Weltraum. Es handelt sich um niemand anderen als – Sie ahnen es schon – den Menschen, Homo sapiens.

Obwohl wir uns in den vergangenen Jahrtausenden beeindruckend entwickelt haben, ist eine entscheidende Sache noch immer unklar: Wie hat unsere Art von Afrika aus die gesamte Erde bevölkert? In der aktuellen Ausgabe des Magazins Nature haben sich Wissenschaftler dieser Frage gewidmet, mit interessanten, aber wieder leicht voneinander abweichenden Ergebnissen.

Insgesamt vier Forschergruppen haben in vier verschiedenen Studien die Verbreitung der Menschheit untersucht. Drei Gruppen haben sich mit der Genetik beschäftigt und das Erbgut von insgesamt 280 modernen Bevölkerungsgruppen analysiert. Ein weiteres Team hat die Wanderung der Menschen anhand eines Klimamodells erforscht.

Trennten sich unsere Vorfahren schon in Afrika?

Die Genforscher haben in den Erbinformationen nach Spuren früher Vorfahren gesucht. So wollten sie verstehen, wann aus einer Sippe verschiedene Völker wurden, um zu klären, ob eine einzige Bevölkerungsgruppe aus Afrika auswanderte und erst auf eurasischem Boden getrennte Wege ging. Oder brachen mehrere Gruppen nacheinander in Afrika auf und ließen sich dann an unterschiedlichen Orten in Europa, Asien und Australien nieder?

Ein erster Blick auf die Ergebnisse der Erbgutanalysen ist frustrierend, denn sie scheinen ganz und gar nicht einheitlich zu sein. Zwei Studien kommen zu dem Ergebnis, dass nur eine Menschengruppe aus Afrika ausgewandert ist und sich schließlich auf der Welt verteilt hat. Ein Team hat dazu das Erbgut von 142 Populationen untersucht (Mallick et. al., 2016). Das andere Team hat die Gene von 83 Aborigenes und 25 Menschen aus Papua Neuguinea sequenziert (Malaspinas et.al., 2016).

Die dritte Untersuchung gibt hingegen Hinweise darauf, dass es mehrere Auswanderungswellen gegeben hat (Pagani et. al., 2016). Hierfür haben die Forscher ebenfalls das Erbgut der Papua untersucht. Sie fanden heraus, dass zwei Prozent der Menschen dort Merkmale in sich tragen, die von Vorfahren stammen, die Afrika früher verlassen hatten als andere Eurasier.

Wahrscheinlich verließen die Menschen Afrika in Etappen

Schaut man sich die Studien genauer an, werde jedoch deutlich, dass sie gar nicht so gegensätzlich sind, kommentieren Serena Tucci und Joshua Akey von der University of Washington (Nature: Tucci & Akey, 2016). Mehrere Auswanderungswellen seien in jeder Hinsicht denkbar.

Gemäß den ersten beiden Analysen hätten aber manche Gruppen keine oder nur wenige Spuren im Erbgut der heutigen Nicht-Afrikaner hinterlassen. Das wiederum deckt sich mit den Erkenntnissen der dritten Studie, nach denen nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Gene aus einer früheren Auswanderungswelle in sich trägt.

Auswandern ging nur durch grüne Gebiete

Fakt ist: Die Vorfahren der Nicht-Afrikaner wanderten vor rund 120.000 Jahren langsam in Richtung des eurasischen Kontinents. Vor etwa 60.000 Jahren brachen sie dann in weit entfernte Gebiete auf: Zuerst nach Australien, später nach Europa, Nordasien und Amerika besiedelten die frühen Menschen zuletzt.

Wie der vierte Beitrag in Nature beweist, hat das Klima die Wanderung entscheidend beeinflusst (Timmermann & Friedrich, 2016). Wer Afrika verlassen wollte, musste Routen wählen, die durch vegetationsreiche Gebiete führten. Die veränderten sich mit dem Klima aber immer wieder über die Jahrtausende. Schon vor der aktuellen Studie hatten Bodenanalysen gezeigt, dass die Ausbreitung der Sahara auch den Bewohnern Äthiopiens das fruchtbare Land nahm.

Regenfälle machten den Weg frei

Das neue Klimamodell zeigt nun, wann auf welchen Wegen gute Wanderbedingungen herrschten. Dass die frühen Menschen vor 60.000 Jahren auf den eurasischen Kontinent vorrückten, erklären die Wissenschaftler etwa durch vermehrte Monsunregenfälle zu dieser Zeit. Auf Regen folgten starkes Pflanzenwachstum und gute Wanderbedingungen. Auch Vulkanausbrüche, Überschwemmungen oder Veränderungen der Gletscherlandschaft beeinflussten demnach die Routen.

Alle Fragen mögen die Studien somit nicht beantworten. Doch sie liefern starke Hinweise, warum die frühen Menschen Afrika zu bestimmten Zeiten verlassen haben. Immerhin ein kleines Stück im großen Puzzle der Evolution.