Die frühere Sekretärin des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels ist tot. Brunhilde Pomsel sei im Alter von 106 Jahren in der Nacht auf Samstag in München gestorben, bestätigte der Filmemacher Christian Krönes, der den Dokumentarfilm Ein deutsches Leben über die Erinnerungen Pomsels produziert hat. Enge Freunde der Verstorbenen hatten ihn informiert.

Pomsel hatte 1942 im Propagandaministerium der Nationalsozialisten als Sekretärin begonnen. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 arbeitete sie in dem von Goebbels geleiteten Ministerium. Das Ende des Kriegs erlebte sie im Führerbunker in Berlin, wo sie sich bis zum Tod Adolf Hitlers am 30. April 1945 aufhielt. Ihre eigene Rolle im Nationalsozialismus bezeichnete Pomsel bis zum Ende als unbedeutend, von der Judenvernichtung wollte sie trotz ihrer Nähe zum engsten NS-Führungszirkel nichts mitbekommen haben. "Nichts haben wir gewusst, es ist alles schön verschwiegen worden und das hat funktioniert", sagte sie in dem Dokumentarfilm. Erst nach dem Krieg sei ihr das Ausmaß der Geschehnisse bewusst geworden.

Pomsel wurde am 11. Januar 1911 geboren. Sie wuchs in Berlin auf, ihre Eltern erzogen sie im damaligen Zeitgeist – streng, "preußisches Pflichtbewusstsein, ein bisschen auch dieses Sich-Unterordnen". Nach der Schule arbeitete sie bei einem jüdischen Rechtsanwalt, dann beim Rundfunk und ab 1942 im Propagandaministerium.

Ihren Chef Goebbels habe sie als gepflegten und angenehmen, wenn auch arroganten Mann erlebt. Dass die Nazis furchterregend waren, musste aber auch der Sekretärin gedämmert haben, spätestens als sie Goebbels 1943 in Berlin bei der Rede im Sportpalast erlebte, wo er die Masse aufpeitschte mit der Frage "Wollt ihr den totalen Krieg?". Ein Saal voller rasender, hysterischer Menschen, die nach Pomsels Einschätzung "behext" waren von diesem "tobenden Zwerg". Das, erinnerte sich Pomsel, sei "ein Naturereignis" gewesen. "Die ganze Menge konnte nichts dafür und er selber wahrscheinlich auch nicht."

Nach dem Krieg kam Pomsel in russische Gefangenschaft. Das sei unfair gewesen, erklärte sie den Filmemachern, "weil ich ja nichts getan hatte, als bei Herrn Goebbels getippt, und was dahinter steckte, wusste ich ja alles gar nicht". Als schuldig sehe sie sich nicht an, es sei denn, man werfe dem ganzen deutschen Volk vor, Hitler zur Macht verholfen zu haben. "Das sind wir alle gewiss gewesen, auch ich." 

Ganz unbefangen fühlte sie sich aber dennoch nicht. "Das hört ja nie auf, das weiß ich doch und das ist immer da so wie jeden Morgen die Sonne aufgeht", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. "Das hat sich natürlich in mein Leben eingefressen, was alles an Schrecklichem passiert ist."

Warnung an künftige Generationen

Der Dokumentarfilm ist so etwas wie ihr Vermächtnis. Er lief bislang auf Festivals, Anfang April kommt er ins Kino. Produzent Krönes, der mit drei anderen Regie geführt hat, spricht von einem zeithistorischen Dokument, vor allem für Schulen, Museen und Bildungseinrichtungen. Das war auch im Sinne von Pomsel. Vor allem junge Menschen sollten den Film sehen, hatte sie sich im Sommer gewünscht.

Krönes sagte, er habe zuletzt an ihrem 106. Geburtstag mit der nun am Holocaust-Gedenktag verstorbenen Pomsel gesprochen. Sie sei bis zuletzt "eine scharfe politische Beobachterin" gewesen und habe angesichts des wachsenden Nationalismus in Europa, des weltweit aufkommenden Rechtspopulismus und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten ihre Lebenserinnerungen als "Warnung an die heutige und künftige Generationen" bezeichnet.

Der Nachrichtenagentur AFP hatte Pomsel im vergangenen Jahr gesagt, sie finde das Erstarken der Rechtspopulisten "grauenvoll, ganz grauenvoll". Goebbels beschrieb sie als "sehr kalten Menschen" und "unpersönlich bis dort hinaus". Obwohl sie selbst im Führerbunker arbeitete, wollte sie Hitler hingegen nie persönlich kennengelernt haben. Sie habe ihm 1933 bei einer öffentlichen Veranstaltung zugejubelt – "da hat man ja aber auch noch nicht gewusst, was auf uns zukam".