Kein Thema war dem wichtigsten britischen Staatsmann des vergangenen Jahrhunderts zu kompliziert, keines zu abseitig. Winston Chuchill führte nicht nur als Premier sein Land durch den Zweiten Weltkrieg, war begnadeter Historiker und Literaturnobelpreisträger, sondern auch forschungsbegeistert. Er diskutierte die Evolution, befasste sich mit der Zukunft der Zellforschung und wägte die Möglichkeit ab, Kernfusion zur Energieerzeugung zu nutzen. Progressive Politik ohne wissenschaftliche Basis? Für ihn undenkbar.

Einer der größten Fragen der Menschheit widmete er sich auch:  "Sind wir allein im Universum?" Das zeigt ein lange verschollener Aufsatz des Politikers. Bedenke man die Vielzahl an Sonnen und Planeten im Weltraum, schreibt er darin, ziehe man ihre Entstehung in Erwägung und erwäge man, wohin im All der Mensch künftig überall reisen werde, könne die Antwort nur "wahrscheinlich nicht" lauten. Irgendwo im Weltraum müsste es fremdes Leben geben, schreibt ChurchillAliens.

Jahrzehntelang war der Aufsatz in Vergessenheit geraten, obwohl die These für Diskussionen taugt. Rund 30 Jahre lang lag er wohl im Archiv des US National Churchill Museums in Fulton, Missouri. 1939 könnte er verfasst, in den fünfziger Jahren überarbeitet worden sein. 2016 schließlich entdeckte der Direktor des Museums den bislang wohl unveröffentlichten Aufsatz. Und gab diesen sofort dem Astrophysiker Mario Livio, der gerade zu Besuch war, zum Faktencheck – das Thema schien dem Direktor doch äußerst brisant. Churchill, der über fremdes Leben nachsinnt? Über Aliens auf dem Mars und zweite Erden außerhalb des Sonnensystems? Was ist davon zu halten?

"In Zeiten, in denen zahlreiche Politiker die Wissenschaft scheuen, halte ich es für angebracht, an einen Anführer zu erinnern, der sich so sehr für sie engagierte", schreibt Livio, der seine Analysen nun publiziert hat (Nature, 2017). Churchill sei ein visionärer Denker gewesen. Seine wissenschaftlich fundierte Argumentationskette sei bemerkenswert logisch und spiegle aktuelle Diskussionen in der heutigen Astrobiologie wider, schreibt der Astrophysiker.

Wer fremdes Leben finden will, sollte nach Wasser Ausschau halten

Gemessen an der Weite des Universums sei es äußerst unwahrscheinlich, dass wir Erdlinge einzigartig sind, argumentiert Churchill. Er stellt sich die Frage: Wie sieht außerirdisches Leben aus? Sich fortpflanzen und vermehren zu können, sind für Churchill entscheidende Eigenschaften. Dazu müssten auch Außerirdische in der Lage sein. Dabei sei zu bedenken, dass "alle Lebewesen, die wir kennen, Wasser benötigen", um existieren zu können. Zwar könne man keine anderen Flüssigkeiten ausschließen, aber "derzeit sei nichts bekannt, dass andere Annahmen zulassen würde". Wer fremdes Leben finden wolle, sollte also nach Planeten mit flüssigem Wasser im Weltraum Ausschau halten.

Noch heute sind Astrobiologen darauf fokussiert, wenn sie über Lebensformen auf dem Mars, den Monden von Saturn und Jupiter oder Planeten außerhalb unseres Sonnensystems nachdenken, den Exoplaneten.

Damit ein Himmelskörper flüssiges Wasser beherbergt, darf es in seiner Umgebung allerdings weder zu kalt noch zu warm sein. Auch der Druck muss stimmen. Was Astrobiologen heute als habitable, also bewohnbare Zone bezeichnen, definierte Churchill so: Nur dort, wo Temperaturen "zwischen ein paar Frostgraden und der Siedetemperatur von Wasser" liegen, können Organismen überleben. Diese Eigenschaft sei abhängig von ihrem Abstand zur Sonne. Außerdem müssten die entsprechenden Himmelskörper eine Atmosphäre besitzen. Von diesen Bedingungen für Leben gehen Astrobiologen bis heute aus.

"(Churchill) kommt zu dem Schluss, dass abgesehen von der Erde der Mars und die Venus die einzigen Planeten im Sonnensystem sind, die Leben beherbergen könnten", schreibt Livio. Die äußeren Planeten? Laut Churchill zu kalt. Merkur? Zu heiß auf der Sonnenseite, zu kalt auf der anderen, nahm er an. Monde und Asteroiden? Besitzen wohl nicht genug Anziehungskraft, um eine Atmosphäre zu haben.

Exoplaneten könnten Leben bergen

Tatsächlich scheint der Mars noch heute der vielversprechendste Kandidat, um fremde Lebensformen im Sonnensystem zu finden. 2013 hatte der dort herumfahrende Roboter Curiosity Analysen von Gesteinsproben zur Erde geschickt, die Wissenschaftler hoffen ließen. Sie zeigten unter anderem Spuren von Sauerstoff-, Kohlenstoff- und Wasserstoffverbindungen sowie Stickstoff, Phosphor und Schwefel – alles chemische Bausteine des Lebens (ZEIT ONLINE berichtete). Ein Beweis aber steht aus.

Ich bin nicht so von mir eingenommen, zu denken, meine Sonne wäre die einzige mit einer Planeten-Familie.
Winston Churchill, 1939

Wie gut, dass es theoretisch noch andere Kandidaten gibt. "Ich bin nicht so von mir eingenommen, zu denken, meine Sonne wäre die einzige mit einer Planeten-Familie", schrieb Churchill. Er sagte nicht nur die Entdeckung von Exoplaneten voraus, sondern zog sie auch als Heimat für fremdes Leben ernsthaft in Erwägung.

Vor etwas mehr als zwei Jahrzehnten fanden Forscher dann tatsächlich die ersten Planeten, die fernab unseres Systems sonnenähnliche Sterne umkreisen. Mit 51 Pengasi b entdeckten zwei Genfer im Jahr 1995 den ersten Exoplaneten. Mittlerweile sind mindestens 2.000 weitere Exemplare bekannt, regelmäßig machen sie Schlagzeilen wie zuletzt der Zwergplanet Proxima b. Eine ähnliche Zahl wartet auf Bestätigung. Und Daten des Kepler-Weltraumteleskops deuten darauf hin, dass es mehr als eine Milliarde Planeten in habitablen Zonen geben könnte. Doch der große Treffer war noch nicht dabei: ein Planet, auf dem außerirdisches Leben möglich wäre. Die meisten Objekte sind sogar ziemlich weit davon entfernt – zu heiß, zu instabil, zu giftig.

Ohne Forschung, kein Fortschritt

80 Jahre nach Churchills Aufsatz diskutieren Wissenschaftler die Frage nach Leben da draußen so aktuell wie nie. Reisen zum Roten Planeten sind in Planung, die Suche nach Leben auf dem Mars und anderswo im Universum geht weiter. "Simulationen vom Klima der Venus lassen vermuten, dass sie einst bewohnbar war", schreibt Livio (Geophysical Research Letters: Way et al., 2016). Und es sei nur wahrscheinlich, dass Astronomen in wenigen Jahrzehnten biologische Spuren von existierendem oder früherem Leben in der Atmosphäre von Exoplaneten entdecken (Physics: Livio & Silk, im Druck).

Schon als Staatsmann war Churchill für sein Vertrauen in die Wissenschaft bekannt. Als erster Premierminister stellte er einen wissenschaftlichen Berater ein. Churchill stellte klar: Ohne Forschung gibt es keinen Fortschritt. Weder für den einzelnen noch für ein gesamtes Land.