Amerika erlebt derzeit eine Welle von immer aggressiveren rechtsextremen und neofaschistischen Bewegungen. Der Faschismus wird häufig als eine der amerikanischen Gesellschaft fremde Ideologie angesehen. Er ist jedoch tiefer in der amerikanischen Geschichte verwurzelt, als viele von uns wahrhaben wollen. 

Nehmen wir die Zwischenkriegszeit. Die Krisenjahre der 1920er und 1930er Jahre ließen nicht nur in ganz Europa faschistische Bewegungen entstehen – ein Moment, den Ernst Nolte in seinem Klassiker Der Faschismus in seiner Epoche festgehalten hat –, sondern auf der ganzen Welt. Die Vereinigten Staaten waren keine Ausnahme.

Im ganzen Land schossen faschistische und protofaschistische Gruppen aus dem Boden. Die bedeutendste unter ihnen war die 1933 von William Dudley Pelley, einem radikalen Journalisten aus Massachusetts, gegründete paramilitärische Silver-Shirts-Bewegung.

Besessen von Fantasien über eine jüdisch-kommunistische Weltverschwörung und Ängsten vor einem verderblichen afroamerikanischen Einfluss auf die amerikanische Kultur, propagierten ihre Anhänger Rassismus, extremen Nationalismus, Gewalt und das Ideal einer aggressiven Männlichkeit. Sie konkurrierten mit verschiedenen anderen militanten Randgruppen, von der Khaki-Shirts-Bewegung, welche den Aufbau einer militärischen Organisation von Armeeveteranen zur Durchführung eines Putsches anstrebte, bis zur paramilitärischen Black Legion, gefürchtet für ihre Attentate, Bombenanschläge und Brandstiftungen.

Eine wichtige Rolle in dieser Geschichte spielten radikalisierte Teile der italienisch- und deutschstämmigen amerikanischen Bevölkerung. Begeistert vom Aufstieg Mussolinis gründeten viele italienischstämmige Amerikaner zahlreiche faschistische Gruppen, die sich schließlich unter der Fascist League of North America vereinten.  

Nazi-Kundgebungen in New York

Noch größer war Fritz Julius Kuhns 1936 gegründeter German-American Bund ("Amerikadeutscher Bund"). Seine Mitglieder sahen sich selbst als patriotische Amerikaner. Bei ihren Veranstaltungen stand die amerikanische Flagge neben dem Hakenkreuzbanner. Am 20. Februar 1939 jubelte eine Menge von 20.000 Menschen Kuhn bei einer Kundgebung im Madison Square Garden in New York zu, als dieser Präsident Franklin D. Roosevelt angriff, ihn "Frank D. Rosenfeld" nannte und seinen New Deal als "Jew ("jüdischen") Deal" bezeichnete.

David Motadel ist Professor für internationale Geschichte an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er forscht vor allem zum modernen Europa und dessen Beziehungen zur außereuropäischen Welt. © privat

Die Versammlung endete mit gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Protestierenden und Teilnehmern. An der Westküste kam es zu ähnlichen Unruhen. Die New York Times berichtete: "Das Chaos im Zusammenhang mit den Nazi-Kundgebungen in New York und Los Angeles rückte erneut die Nazi-Bewegung in den Vereinigten Staaten in den Blickpunkt und löste Mutmaßungen bezüglich ihrer Stärke und ihres Einflusses aus."

Zweifelsohne waren die meisten dieser Gruppen nicht mehr als ein Randphänomen. Historiker haben jedoch gezeigt, dass der Zuspruch, den der Faschismus von vielen Amerikanern in der Zwischenkriegszeit bekam, nicht unterschätzt werden sollte. Die Ideologie fand prominente Unterstützer, vom Schriftsteller Ezra Pound, der die Amerikaner von Italien aus zur Unterstützung Mussolinis aufrief, zum Fliegerass Charles Lindbergh, der sich in den 1940er Jahren gegen den Eintritt Washingtons in den Krieg einsetzte.

Faschistische Agitatoren veröffentlichten auflagenstarke Zeitungen und strahlten Radiosendungen aus, die Millionen erreichten und einen erbitterten Antisemitismus, Nativismus und Antikommunismus predigten. Viele von ihnen hatten keine offensichtlichen Verbindungen zu ihren faschistischen Pendants in Europa und verbanden ihre Botschaften mit amerikanischem Nativismus und christlicher Frömmigkeit.