Der folgende Gastbeitrag basiert auf dem Buch des Historikers David Motadel "Für Prophet und Führer: Die islamische Welt und das Dritte Reich". Es ist kürzlich im Klett-Cotta-Verlag erschienen.

In den letzten Tagen vor seinem Selbstmord 1945 kam Hitler im Berliner Bunker wiederholt auf die islamische Welt zu sprechen. "Die islamische Welt bebte in Erwartung unserer Siege", erklärte er seinem Sekretär Martin Bormann. "Wir hätten alles tun müssen, ihnen zu helfen, um ihren Mut zu stärken, wie es unser Vorteil und unsere Pflicht verlangten." Hitlers Bemerkungen kamen nicht von ungefähr.

Auf dem Höhepunkt des Krieges, in den Jahren 1941 bis 1942 – als Hitlers Truppen in muslimisch bevölkerte Gebiete auf dem Balkan, in Nordafrika, auf der Krim und im Kaukasus einmarschierten und sich dem Nahen Osten und Zentralasien näherten –, begann man in Berlin, den Islam als politisch bedeutsam wahrzunehmen. Das NS-Regime unternahm nun zunehmend Anstrengungen, Muslime als Verbündete zu gewinnen und sie zum Kampf gegen angeblich gemeinsame Feinde aufzustacheln – gegen das Britische Empire, die Sowjetunion, Amerika und die Juden.

Der Grund für diese Politik war jedoch nicht nur, dass deutsche Truppen in vielen Gebieten, in denen sie kämpften, mit einer islamischen Bevölkerung konfrontiert waren, sondern auch, und wohl noch entscheidender, dass sich gleichzeitig die militärische Lage verschlechterte. Die Strategie des Blitzkriegs war in der Sowjetunion gescheitert. Die deutschen Truppen gerieten zunehmend unter Druck. Berlin bemühte sich daher aus kurzfristigem militärischem Kalkül heraus, neue Verbündete zu gewinnen.

In Berlin hatte man sich bereits seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend mit dem Islam befasst. Das Kaiserreich herrschte über beachtliche muslimische Bevölkerungsgruppen in den Kolonien – in Togo, Kamerun, und Deutsch-Ostafrika. Deutsche Kolonialbeamte versuchten regelmäßig, den Islam in ihre Kolonialpolitik einzubinden. Sie erkannten Scharia-Gerichte, die frommen Stiftungen (Waqf) und Koranschulen an und herrschten mit Hilfe islamischer Geistlicher, die, im Gegenzug für religiöse Autonomie, dem Kolonialstaat Legitimität verschafften. Darüber hinaus wurde der Islam in Berlin zunehmend im Kontext der wilhelminischen Weltpolitik relevant. Besonders deutlich wurde dies während der Nahostreise von Wilhelm II. im Jahr 1898, als er sich im Anschluss an den Besuch des Saladin-Grabes in Damaskus in einer spektakulären Rede zum "Freund" der "300 Million Mohammedaner" der Welt erklärte. Diese Politik mündete schließlich in den Versuchen Berlins, während des Ersten Weltkriegs Muslime im britischen, französischen und russischen Reich zu mobilisieren. Obwohl 1914 alle Versuche gescheitert waren, Muslime zum Dschihad aufzuwiegeln, zeigten deutsche Außenpolitiker und Politikexperten auch in der Zwischenkriegszeit ein Interesse für den Islam.

Muslime sollten die Front stärken

David Motadel ist Professor für internationale Geschichte an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er forscht vor allem zum modernen Europa und dessen Beziehungen zur außereuropäischen Welt. © privat

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dem Einmarsch deutscher Truppen in muslimisch-bevölkerte Regionen begann man in Berlin, die strategische Rolle des Islam erneut zu diskutieren. Eine systematische Instrumentalisierung des Islam wurde erstmals Ende 1941 in einer Denkschrift des Diplomaten Eberhard von Stohrer angeregt, Hitlers ehemaligem Botschafter in Kairo. Stohrer schlug ein "umfassendes deutsches Islam-Programm" vor, das auch eine Stellungnahme über die "allgemeine Einstellung des Dritten Reiches gegenüber dem Islam" beinhalten sollte. Zwischen Ende 1941 und Ende 1942 entwarf das Auswärtige Amt eine umfassende Islampolitik, welche unter anderem die Anwerbung religiöser Persönlichkeiten zum Ziel hatte. Die bekannteste war der Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, der Ende 1941 nach Berlin kam. Am 18. Dezember 1942 wurde das Islamische Zentralinstitut in Berlin eingeweiht. Es sollte ein Zentrum der deutschen Propaganda in der islamischen Welt werden. Der Völkische Beobachter titelte dazu: "Dieser Krieg kann dem Islam die Freiheit bringen!" Als sich der Krieg weiter ausweitete und deutsche Truppen in muslimisch bevölkerte Gebiete auf dem Balkan und in der Sowjetunion einmarschierten, schlossen sich andere Teile des Regimes dieser Politik an.   

Die deutschen Stellen neigten dazu, muslimische Bevölkerungsgruppen als Islam zusammenzufassen. Tatsächlich wurden Begriffe wie "Islam" und "Muslime" zentrale bürokratische Kategorien in amtlichen und militärischen deutschen Dokumenten. Im Gegensatz zu ethnisch-nationalen Kategorien hatte der Bezug auf den Islam den Vorteil, dass er Berlin ermöglichte, sensible Fragen über nationale Unabhängigkeit zu vermeiden. Darüber hinaus schien Religion ein nützliches Politik- und Propagandainstrument gegenüber ethnisch, linguistisch und sozial heterogenen Bevölkerungen zu sein. Gemeinhin betrachtete man den Islam als eine Quelle von Autorität, die genutzt werden konnte, um eine Beteiligung von Muslimen im Krieg zu legitimieren.