"Deutschland wird den Krieg gewinnen – Insch'Allah!" – Seite 1

Der folgende Gastbeitrag basiert auf dem Buch des Historikers David Motadel "Für Prophet und Führer: Die islamische Welt und das Dritte Reich". Es ist kürzlich im Klett-Cotta-Verlag erschienen.

In den letzten Tagen vor seinem Selbstmord 1945 kam Hitler im Berliner Bunker wiederholt auf die islamische Welt zu sprechen. "Die islamische Welt bebte in Erwartung unserer Siege", erklärte er seinem Sekretär Martin Bormann. "Wir hätten alles tun müssen, ihnen zu helfen, um ihren Mut zu stärken, wie es unser Vorteil und unsere Pflicht verlangten." Hitlers Bemerkungen kamen nicht von ungefähr.

Auf dem Höhepunkt des Krieges, in den Jahren 1941 bis 1942 – als Hitlers Truppen in muslimisch bevölkerte Gebiete auf dem Balkan, in Nordafrika, auf der Krim und im Kaukasus einmarschierten und sich dem Nahen Osten und Zentralasien näherten –, begann man in Berlin, den Islam als politisch bedeutsam wahrzunehmen. Das NS-Regime unternahm nun zunehmend Anstrengungen, Muslime als Verbündete zu gewinnen und sie zum Kampf gegen angeblich gemeinsame Feinde aufzustacheln – gegen das Britische Empire, die Sowjetunion, Amerika und die Juden.

Der Grund für diese Politik war jedoch nicht nur, dass deutsche Truppen in vielen Gebieten, in denen sie kämpften, mit einer islamischen Bevölkerung konfrontiert waren, sondern auch, und wohl noch entscheidender, dass sich gleichzeitig die militärische Lage verschlechterte. Die Strategie des Blitzkriegs war in der Sowjetunion gescheitert. Die deutschen Truppen gerieten zunehmend unter Druck. Berlin bemühte sich daher aus kurzfristigem militärischem Kalkül heraus, neue Verbündete zu gewinnen.

In Berlin hatte man sich bereits seit dem späten 19. Jahrhundert zunehmend mit dem Islam befasst. Das Kaiserreich herrschte über beachtliche muslimische Bevölkerungsgruppen in den Kolonien – in Togo, Kamerun, und Deutsch-Ostafrika. Deutsche Kolonialbeamte versuchten regelmäßig, den Islam in ihre Kolonialpolitik einzubinden. Sie erkannten Scharia-Gerichte, die frommen Stiftungen (Waqf) und Koranschulen an und herrschten mit Hilfe islamischer Geistlicher, die, im Gegenzug für religiöse Autonomie, dem Kolonialstaat Legitimität verschafften. Darüber hinaus wurde der Islam in Berlin zunehmend im Kontext der wilhelminischen Weltpolitik relevant. Besonders deutlich wurde dies während der Nahostreise von Wilhelm II. im Jahr 1898, als er sich im Anschluss an den Besuch des Saladin-Grabes in Damaskus in einer spektakulären Rede zum "Freund" der "300 Million Mohammedaner" der Welt erklärte. Diese Politik mündete schließlich in den Versuchen Berlins, während des Ersten Weltkriegs Muslime im britischen, französischen und russischen Reich zu mobilisieren. Obwohl 1914 alle Versuche gescheitert waren, Muslime zum Dschihad aufzuwiegeln, zeigten deutsche Außenpolitiker und Politikexperten auch in der Zwischenkriegszeit ein Interesse für den Islam.

Muslime sollten die Front stärken

David Motadel ist Professor für internationale Geschichte an der London School of Economics and Political Science (LSE). Er forscht vor allem zum modernen Europa und dessen Beziehungen zur außereuropäischen Welt. © privat

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dem Einmarsch deutscher Truppen in muslimisch-bevölkerte Regionen begann man in Berlin, die strategische Rolle des Islam erneut zu diskutieren. Eine systematische Instrumentalisierung des Islam wurde erstmals Ende 1941 in einer Denkschrift des Diplomaten Eberhard von Stohrer angeregt, Hitlers ehemaligem Botschafter in Kairo. Stohrer schlug ein "umfassendes deutsches Islam-Programm" vor, das auch eine Stellungnahme über die "allgemeine Einstellung des Dritten Reiches gegenüber dem Islam" beinhalten sollte. Zwischen Ende 1941 und Ende 1942 entwarf das Auswärtige Amt eine umfassende Islampolitik, welche unter anderem die Anwerbung religiöser Persönlichkeiten zum Ziel hatte. Die bekannteste war der Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, der Ende 1941 nach Berlin kam. Am 18. Dezember 1942 wurde das Islamische Zentralinstitut in Berlin eingeweiht. Es sollte ein Zentrum der deutschen Propaganda in der islamischen Welt werden. Der Völkische Beobachter titelte dazu: "Dieser Krieg kann dem Islam die Freiheit bringen!" Als sich der Krieg weiter ausweitete und deutsche Truppen in muslimisch bevölkerte Gebiete auf dem Balkan und in der Sowjetunion einmarschierten, schlossen sich andere Teile des Regimes dieser Politik an.   

Die deutschen Stellen neigten dazu, muslimische Bevölkerungsgruppen als Islam zusammenzufassen. Tatsächlich wurden Begriffe wie "Islam" und "Muslime" zentrale bürokratische Kategorien in amtlichen und militärischen deutschen Dokumenten. Im Gegensatz zu ethnisch-nationalen Kategorien hatte der Bezug auf den Islam den Vorteil, dass er Berlin ermöglichte, sensible Fragen über nationale Unabhängigkeit zu vermeiden. Darüber hinaus schien Religion ein nützliches Politik- und Propagandainstrument gegenüber ethnisch, linguistisch und sozial heterogenen Bevölkerungen zu sein. Gemeinhin betrachtete man den Islam als eine Quelle von Autorität, die genutzt werden konnte, um eine Beteiligung von Muslimen im Krieg zu legitimieren.

Die Nazis scheiterten in Nordafrika, aber mobilisierten anfangs im Osten

Rassistische Bedenken wurden dabei mit erstaunlichem Pragmatismus beiseitegeschoben. (Nichtjüdische) Türken, Iraner, und Araber wurden bereits in den Dreißigerjahren explizit von jeglicher offiziellen rassistischen Diskriminierung ausgenommen. Nachdem die Regierungen in Teheran, Ankara und Kairo interveniert hatten. Und während des Krieges bewiesen die Deutschen ähnlichen Pragmatismus gegenüber Muslimen vom Balkan und den Türk-Minderheiten der Sowjetunion. Muslime – das war jedem deutschen Offizier von der Sahara bis zum Kaukasus klar – waren als Verbündete zu behandeln.

Die deutsche Politik gegenüber Muslimen gestaltete sich in den verschiedenen Frontgebieten recht unterschiedlich. In den meisten Teilen Nordafrikas etwa stand der Großteil der muslimischen Bevölkerung unter europäischer imperialer Herrschaft. Das faschistische Italien hatte in Libyen ein repressives Kolonialregime aufgebaut. Frankreich beherrschte Algerien und die Protektorate in Tunesien und Marokko, mit Ausnahme des Küstenstreifens von Spanisch-Marokko. Großbritannien kontrollierte Ägypten.

Die Engländer, Amerikaner, Juden, und ihre Verbündeten sind die größten Feinde des Islam!
Flugblatt, das 1942 in Libyen verteilt wurde

Kurz nach Rommels Landung in Libyen Anfang 1941 begannen die Deutschen damit, sich um die muslimische Bevölkerung zu bemühen. Deutsche Propagandisten politisierten religiöse Texte wie den Koran und religiöse Imperative wie das Konzept des Dschihad, um Muslime zur religiösen Gewalt gegen die Alliierten anzustacheln. Ein Flugblatt, das 1942 in Libyen verteilt wurde, erklärte: "Die Engländer, Amerikaner, Juden, und ihre Verbündeten sind die größten Feinde des Islam!", und ergänzte: "Deutschland wird den Krieg gewinnen – Insch'Allah!" Ein anderes rief die Gläubigen dazu auf, die "Religion des Propheten" zu verteidigen und versprach: "Wenn ihr kämpft, wird Gott euch Hilfe senden." Millionen solcher Flugblätter wurden verteilt.

Die Achsenmächte auf muslimischem Gebiet

Im Jahr 1942 kontrollierten die Verbündeten Deutschland und Italien riesige Grenzgebiete rund um Europa. Dabei waren sie besonders im Süden und Osten auf die Unterstützung der muslimischen Bevölkerung angewiesen.

In den nordafrikanischen Frontzonen versuchten die Wehrmachtskommandeure im täglichen Kontakt mit der muslimischen Bevölkerung, Konflikte zu vermeiden. Bereits 1941 verteilte die Wehrmacht die Tornisterschrift Der Islam, um die Soldaten für den Umgang mit Muslimen zu instruieren. In der libyschen und ägyptischen Wüste suchten die Deutschen Kontakt zu religiösen Geistlichen, vor allem zu den Führern der einflussreichen Sufi-Bruderschaften. Ein Problem war, dass die größte religiöse Macht der Region – der Sanusi-Orden – die Speerspitze des antikolonialen Widerstands gegen die italienische Herrschaft war. Der Orden kämpfte mit den Briten gemeinsam gegen die Achse. Darüber hinaus standen Berlins Behauptungen, die Muslime zu befreien, im krassen Gegensatz zur Gewalt und Zerstörung, die der Krieg in Nordafrika verursachte. Am Ende gelang es den Deutschen nicht, die muslimische Bevölkerung Nordafrikas zu mobilisieren.

Im Osten hoffte die Bevölkerung auf ein Ende der Sowjetherrschaft

An der Ostfront war die Lage völlig anders. Die muslimische Bevölkerung der Krim und vor allem des Kaukasus hatte seit der zaristischen Eroberung im 18. und 19. Jahrhundert immer wieder Widerstand gegen die Zentralregierung geleistet. Die Machtübernahme der Bolschewisten hatte die Situation weiter verschärft. Unter Stalin litten die Muslime unter einer nie da gewesenen politischen und religiösen Verfolgung. Islamische Schriften wurden zensiert. Das Eigentum der frommen Stiftungen – der Waqf – wurde verstaatlicht. Parteikader besetzten Moscheen, schmierten sowjetische Parolen an die Wände, hissten rote Fahnen auf den Minaretten und jagten Schweineherden durch die Gebetshallen. Und dennoch konnte die Religiosität weiter Teile der Bevölkerung nicht gebrochen werden. Im Gegenteil – in Teilen der Bevölkerung stärkten die Angriffe auf islamische Institutionen eher den Glauben.

Achtung vor den religiösen Gebräuchen der mohammedanischen Tataren muß verlangt werden
Aus einem Befehl von General Erich von Manstein, Krim, 1941

Nach der Besatzung des Nordkaukasus und der Krim nutzte die deutsche Militärführung die Gelegenheit, sich als Befreier des Islam zu präsentieren. Man war darauf angewiesen, lokale Kollaborateure zu gewinnen, um die Frontzonen zu stabilisieren. General Ewald von Kleist – Kommandeur von Heeresgruppe A, die den Nordkaukasus besetzte – ermahnte seine Offiziere gleich zu Beginn, die Muslime der Region zu respektieren. Die Truppe solle sich die panislamischen Implikationen ihrer Handlungen vor Augen führen: "Die Heeresgruppe A ist von allen deutschen Heeresgruppen die am weitesten vorgeschobene. Wir stehen an den Türen der islamischen Welt. Was wir hier tun und wie wir uns hier verhalten, das strahlt weit hinein nach dem Irak, nach Indien, ja bis an die Grenzen von China. Wir müssen uns der Fernwirkung unseres Tuns und Lassens [stets] bewußt sein."

Ähnliche Befehle wurden auch von General Erich von Manstein auf der Krim erlassen. Am 20. November 1941 ordnete er an: Das "jüdisch-bolschewistische System muß ein für allemal ausgerottet werden". Der Befehl diente nach dem Krieg seinen Anklägern in Nürnberg als Schlüsseldokument. Darin ermahnte Manstein gleichzeitig seine Truppen, die muslimische Bevölkerung gut zu behandeln und den Islam zu respektieren: "Achtung vor den religiösen Gebräuchen der mohammedanischen Tataren muß verlangt werden."

Über dem Pappmaschee-Koran hing der Reichsadler

In der Besatzungspraxis machten die deutschen Stellen weitreichende religiöse Zugeständnisse. Sie ordneten den Wiederaufbau von Moscheen und Koranschulen und die Wiedereinführung religiöser Feste an. Im Kaukasus organisierten sie große Feiern am Ende des Ramadan 1942. Am bedeutendsten war die in der karatschaischen Stadt Kislowosk. Unter Stalin hatten die Muslime von Kislowosk das Uraza Bayram nicht begehen können, und so wurden die Feierlichkeiten zu einem Symbol des Endes der Sowjetherrschaft. An ihnen nahm eine große Delegation hochrangiger Wehrmachtsgeneräle teil. Das Fest bestand aus Gebeten, Reden und dem Austausch von Geschenken. Die Deutschen brachten Waffen und Korane.

Im Stadtzentrum schauten die Gäste einer Parade Karatschaier Reiter zu. Hinter der Ehrentribüne für muslimische Führer und die deutschen Offiziere war ein großer, geöffneter Pappmaschee-Koran angebracht, der zwei fromme Zitate in arabischer Schrift zeigte. Auf der rechten Seite stand die Schahāda, das Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen Gott außer Gott / Und Muhammad ist sein Prophet" (La ilaha illa Allah/Muhammadan rasul Allah). Auf der linken Seite der berühmte Vers 13 aus Sure 61: "Hilfe [kommt] von Gott/und ein naher Sieg" (Nasr min Allah/Wa fath qarib). Über dem Koran war ein großer hölzerner Reichsadler mit Hakenkreuz befestigt. Auf der Krim bauten die Deutschen sogar eine religiöse Verwaltung auf, deren Kern die "Mohammedanischen Komitees" bildeten.

Auf dem Balkan eskalierten Wehrmacht und SS den Hass unter der Bevölkerung

Am Ende wurden die Hoffnungen, die viele Muslime in die deutsche Besatzung gesetzt hatten, enttäuscht. Die promuslimische deutsche Politik wurde allzu oft überschattet von der Gewalt der deutschen Besatzungspraxis. Das Verhältnis der deutschen Stellen gegenüber der muslimischen Bevölkerung kühlte sich ab, je länger die Besatzung andauerte. Einfache Soldaten, beeinflusst durch Untermensch-Propaganda, folgten oft nicht Befehlen, die muslimische Bevölkerung zu respektieren. Aber es kam noch schlimmer. Nach dem deutschen Rückzug bezichtigte Stalin die muslimischen Minderheiten der Region der Kollaboration mit dem Feind und deportierte sie nach Zentralasien.

Wiederum anders war die Lage auf dem Balkan. Als die Deutschen 1941 in das Königreich Jugoslawien einmarschierten und es zerschlugen, hatten sie zunächst kein Interesse an den muslimisch-bevölkerten Gebieten. Vor allem beschäftigten sie sich nicht mit Bosnien und Herzegowina, die unter die Hoheit des neu gegründeten kroatischen Ustascha-Staates fielen. Das Ustascha-Regime, geführt von Hitlers Marionettendiktator Ante Pavelić, bemühte sich offiziell, die muslimische Bevölkerung zu umwerben – während es Juden ermordete und die orthodoxen Serben verfolgte.

Seit Anfang 1942 versank die Region jedoch zunehmend in einem Bürgerkrieg zwischen dem kroatischen Regime, Titos kommunistischen Partisanen und den orthodoxen serbischen Tschetniks. Die Partisanen kämpften sowohl gegen die Ustascha als auch gegen die Tschetniks. Die Tschetniks kämpften gegen die Ustascha und Titos Partisanen. Und die muslimische Bevölkerung war zunehmend Angriffen von allen drei Seiten ausgesetzt. Das Ustascha-Regime setzte muslimische Armeeeinheiten ein, um sowohl Titos Partisanen als auch Tschetnik-Milizen zu bekämpfen. Bald schon wurden muslimische Dörfer Ziel von Vergeltungsangriffen. Schätzungen der Zahlen muslimischer Opfer gingen in die Zehntausende. Schließlich wandten sich führende muslimische Repräsentanten an die Deutschen und baten um muslimische Autonomie unter deutscher Schutzherrschaft. In einer Denkschrift vom 1. November 1942 bekundeten sie ihre "love and loyalty" für Hitler und boten an, die Achse im Kampf gegen "Judaism, Freemasonry, Bolshevism, and the English exploiters" zu unterstützen. Berlin war nun offen für eine Kooperation. 

Mehr als 250.000 Muslime kamen am Balkan ums Leben

Als der Bürgerkrieg auf dem Balkan mehr und mehr außer Kontrolle geriet, griffen die Deutschen zunehmend in den muslimisch-bevölkerten Gebieten ein. Bei dem Versuch, die Region zu befrieden, sahen die Wehrmacht und, wichtiger noch, die SS die Muslime als willkommene Verbündete. Sie erklärten Deutschland zum Schutzherrn des Islam in Südosteuropa. Diese Kampagne begann im Frühjahr 1943, als die SS den Mufti von Jerusalem auf eine Rundreise nach Zagreb, Banja Luka, und Sarajevo schickte, wo er islamische Führer traf und in Reden zum Bündnis mit Hitler aufrief. Bei seinem Besuch der großen Gazi-Husrev-Beg-Moschee in Sarajevo hielt er eine so emotionale Rede über das Leiden der Muslime, dass Teile der Zuhörerschaft in Tränen ausbrachen.

In den folgenden Monaten überzogen die Deutschen die Region mit religiös aufgeladener Propaganda und begannen, enger mit islamischen Geistlichen zusammenzuarbeiten. Sie glaubten, dass diese unter der Bevölkerung am meisten Autorität besäßen. Die Muslime unterstanden offiziell der Autorität des höchsten religiösen Rats, der Ulema-Majles. Deutsche Stellen konsultierten wiederholt dessen Mitglieder und versuchten, sie zur Kollaboration zu bewegen. Viele Angehörige der Ulema hofften, dass die Deutschen ihnen helfen würden, einen muslimischen Staat zu gründen. Schon bald wurde jedoch klar, dass Wehrmacht und SS nicht in der Lage waren, die Region militärisch zu befrieden. Gleichzeitig befeuerte die deutsche Unterstützung der Muslime den Hass gegen sie bei den Partisanen und Tschetniks. Die Gewalt eskalierte. Am Ende kamen eine Viertelmillion Muslime in dem Konflikt ums Leben.

Muslime mussten an alle Fronten

Und zuletzt rekrutierten sowohl die Wehrmacht als auch die SS ab 1941 Zehntausende Muslime, vor allem, um die Verluste an der Ostfront auszugleichen. Muslimische Soldaten wurden an allen Fronten eingesetzt. Sie kämpften in Stalingrad, Warschau und sogar bei der Verteidigung Berlins. Den Rekruten wurden zahlreiche religiöse Zugeständnisse gemacht: Islamische Rituale und Praktiken, wie etwa das Gebet oder das Schächten wurden gestattet. Letzteres war eigentlich durch das 1933 erlassene antisemitische Reichstierschutzgesetz verboten worden. Eine besondere Rolle in den Einheiten spielten Militärimame, die nicht nur für die religiöse Betreuung der Rekruten verantwortlich waren, sondern auch für deren politische Indoktrinierung.

Ich muss sagen, ich habe gegen den Islam gar nichts (...). Eine für Soldaten praktische und sympathische Religion!
Heinrich Himmler, Reichsführer SS

Der Reichsführer der SS und Befehlshaber des Ersatzheeres, Heinrich Himmler, erklärte 1944 in einer Rede vor Parteifunktionären, dass die Rekrutierung von Muslimen in seine Bosnische SS-Division vor allem pragmatische Gründe habe: "Ich muss sagen, ich habe gegen den Islam gar nichts, denn er erzieht mir in dieser Division seine Menschen und verspricht ihnen den Himmel, wenn sie gekämpft haben und im Kampf gefallen sind. Eine für Soldaten praktische und sympathische Religion!" Die meisten der Soldaten hatten allerdings keine religiösen Beweggründe. Viele wurden in Kriegsgefangenenlagern rekrutiert – ihnen ging es vor allem darum, dem Hunger und den Seuchen in den Lagern zu entkommen. Viele hofften einfach, dass sie dank einer deutschen Uniform den Krieg überleben würden. Etwa auf dem Balkan oder der Krim, wo die Wehrmacht und SS Freiwillige aus der Zivilbevölkerung rekrutierten, wollten viele schlicht ihre Familien vor Partisanen und marodierenden Milizen beschützen. Gegen Kriegsende kämpften Tausende muslimische Soldaten in Deutschland, und viele von ihnen blieben auch nach Kriegsende dort. Sie gründeten in den späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren die ersten islamischen Gemeinden der Bundesrepublik.

Muslime bekamen eine "Sonderbehandlung", weil man sie für Juden hielt

Trotz aller Versuche, die muslimische Bevölkerung als Verbündete zu gewinnen, war die deutsche Politik in der Praxis keineswegs gradlinig. So wie sie von Bürokraten in Berlin entworfen wurde, hatte sie häufig wenig mit den Realitäten in den Frontzonen zu tun. In den ersten Monaten nach dem Überfall auf die Sowjetunion erschossen SS-Einsatzgruppen Tausende Muslime, insbesondere Kriegsgefangene. Die Männer waren beschnitten, weshalb die SS sie für Juden hielt. Bei einem Treffen hochrangiger Vertreter von Wehrmacht, Sicherheitsdienst und Ostministerium im Sommer 1941 stritten sich Generalmajor Erwin von Lahousen und Gestapo-Chef Heinrich Müller über diese Hinrichtungen. Insbesondere kam ein Fall zur Sprache, in dem Hunderte muslimische Tataren einer "Sonderbehandlung" zugeführt wurden, weil sie für Juden gehalten worden waren. Müller räumte ruhig ein, dass die SS in dieser Hinsicht einige Fehler gemacht habe. Es sei das erste Mal, dass er höre, dass auch Muslime beschnitten seien. Ein paar Wochen später erließ Reinhard Heydrich, der Leiter des SS-Reichssicherheitshauptamts, dass die Einsatzgruppen vorsichtiger sein sollten: "Die Beschneidung und das jüdische Aussehen stellen nicht ohne weiteres den Beweis einer jüdischen Abstammung dar." Muslime seien nicht mit Juden zu verwechseln. In muslimisch-besiedelten Gebieten seien andere Charakteristika wie Namen oder Stammbäume zu berücksichtigen.

Juden konvertierten zum Islam, um sich zu retten

In der südlichen Sowjetunion konnten deutsche Einsatzgruppen dennoch häufig Muslime nicht von Juden unterscheiden. Als die Einsatzgruppe D damit begann, die jüdische Bevölkerung des Kaukasus und der Krim zu ermorden, stieß sie auf drei jüdische Bevölkerungsgruppen, die lange eng mit der muslimischen Bevölkerung zusammengelebt hatten. Diese waren stark islamisch beeinflusst: die Karaimen (Krim-Karäer) und Krimtschaken auf der Krim und die Judeo-Taten (auch als "Bergjuden" bekannt) im Nordkaukasus.

Auf der Krim reagierte die SS zunächst unschlüssig, als sie auf die Türk-sprechenden Karäer und Krimtschaken traf. Nach einem Treffen mit Otto Ohlendorf, zu der Zeit Kommandant von Einsatzgruppe D, in Simferopol im Dezember 1941 berichteten die beiden Wehrmachtsoffiziere Fritz Donner und Ernst Seifert: "Dabei ist die Feststellung interessant, dass ein grosser Teil dieser Juden auf der Krim mohammedanischen Glaubens ist. Ferner wurde das Vorhandensein vorderasiatischer Volksbestandteile nicht semitischen Charakters festgestellt, die merkwürdigerweise den jüdischen Glauben angenommen haben." Die Verwirrung der Deutschen über die Klassifizierung der Karäer und Krimtschaken, bei denen es sich um jüdische Gemeinschaften handelte, war groß. Am Ende wurden die Karäer als turkstämmig eingestuft und verschont, während die Krimtschaken als jüdisch klassifiziert und umgebracht wurden. Walter Groß, Leiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, notierte, dass die Karäer wegen ihrer engen Beziehungen zu den verbündeten muslimischen Tataren verschont worden seien.

Im Kaukasus wandten sich Vertreter der Judeo-Taten, einer jüdischen Minderheit iranischer Abstammung, direkt nach der Besatzung an die deutschen Militärbehörden. Die SS begann Nachforschungen anzustellen – SS-Männer besuchten Häuser, Feste und untersuchten die Sitten, Rituale und Gebräuche der Taten. SS-Oberfüher Walther Bierkamp, zu der Zeit Kommandeur von Einsatzgruppe D, besuchte persönlich ein Dorf der "Bergjuden" in der Nähe von Naltschik. Während des Besuches waren die Taten extrem gastfreundlich. Bierkamp stellte daraufhin fest, dass, abgesehen von der Religion, keine Gemeinsamkeiten mit den Juden vorlagen. Gleichzeitig wies er auf islamische Einflüsse hin, da die Taten ebenfalls polygame Ehen praktizierten. Bierkamp gab umgehend den Befehl, dass die Taten nicht umgebracht werden dürften und dass anstatt des Begriffs "Bergjude" der Begriff "Tate" verwendet werden müsse. 

David Motadel: "Für Prophet und Führer. Die islamische Welt und das Dritte Reich" Klett-Cotta Verlag, 568 Seiten, 30 Euro, ISBN: 978-3-608-98105-6 © Klett-Cotta Verlag

Auch in anderen Frontzonen hatten die deutschen Behörden und ihre lokalen Verbündeten Schwierigkeiten, Juden von Muslimen zu unterscheiden – vor allem auf dem Balkan. In Bosnien und Herzegowina sahen Juden in der privilegierten Position von Muslimen eine Möglichkeit, der Verfolgung zu entgehen. Viele versuchten, der Deportation durch "Konvertierung" zum Islam zu entkommen. Allein in Sarajevo sind zwischen April und Oktober 1941 etwa 20 Prozent der jüdischen Bevölkerung zum Islam oder zum Katholizismus "konvertiert". Im Herbst 1941 intervenierten die Ustascha-Behörden schließlich und verboten die Glaubensübertritte. Und auch die bereits Konvertierten waren oft nicht sicher, da es Rasse, nicht Religion war, die in den Augen der Ustascha-Bürokraten das Jüdischsein definierte. Und dennoch gelang es einigen konvertierten und nichtkonvertierten Juden, als Muslime verkleidet zu flüchten; manche – Frauen und Männer – versteckten sich dabei unter einem islamischen Schleier.

Muslimische Roma auf der Krim blieben nicht verschont

Auch der Mord an Europas Roma betraf Muslime unmittelbar. Als die SS damit begann, die besetzten Ostgebiete nach der Roma-Bevölkerung zu durchsuchen, stieß sie bald auch auf viele muslimische Roma. Tatsächlich war die Mehrheit der Roma auf der Krim islamisch. Sie hatten seit Jahrhunderten eng mit den Tataren zusammengelebt, die sich nun mit ihnen solidarisierten. Muslimische Vertreter schickten der Militärverwaltung zahlreiche Petitionen, um den Schutz der muslimischen Roma zu erbitten. Mit Hilfe der Tataren versuchten viele muslimische Roma, sich als Tataren auszugeben. Einige nutzten den Islam. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Deportation der Roma von Simferopol im Dezember 1941, da hier die Verhafteten versuchten, religiöse Symbole zu nutzen, um die Deutschen davon zu überzeugen, dass ihre Festnahme ein Irrtum sei.

Ein Augenzeuge notierte in seinem Tagebuch: "Die Zigeuner trafen in Massen auf Fuhrwerken beim Talmud-Thora-Gebäude ein. Aus irgendeinem Grunde richteten sie eine grüne Fahne, das Symbol des Mohamedismus auf und setzten einen Mullah an den Kopf ihrer Prozession. Die Zigeuner versuchten, die Deutschen davon zu überzeugen, dass sie keine Zigeuner seien. Einige gaben sich als Tataren aus, andere als Turkmenen. Aber ihre Proteste wurden nicht beachtet und man brachte alle in das große Gebäude." Am Ende wurden viele muslimische Roma ermordet. Aber da die SS Probleme hatte, muslimische Roma von muslimischen Tataren zu unterscheiden, überlebten einige – die meisten Schätzungen gehen von 30 Prozent aus. Während seines Verhörs beim Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess erklärte Kommandant Ohlendorf, dass die Selektion durch die Tatsache erschwert worden sei, dass viele Roma und Krimtataren die gleiche Religion gehabt hätten: "Das war das Problem – weil einige der Zigeuner – wenn nicht sogar alle – Moslems waren. Und aus diesem Grund haben wir der Sache ein hohes Gewicht beigemessen, um nicht in Schwierigkeiten mit den Tataren zu geraten; und daher wurden Leute eingestellt die die Orte und die Leute kannten."

Auch auf dem Balkan waren Muslime von der Verfolgung der Roma betroffen, da viel Roma dem islamischen Glauben angehörten. Als der Ustascha-Staat begann, die Roma-Bevölkerung zu verfolgen, nahm sie die sesshaften muslimischen Roma in Bosnien und Herzegowina – die sogenannten weißen Zigeuner – aus. Ihr Schutz führte zu einer Welle an Konvertierungen von christlichen Roma zum Islam; und diese wurden ebenfalls – wie im Falle der jüdischen Konvertierungen – schließlich offiziell verboten.

Am Ende siegten auch Muslime über das Deutsche Reich

Die Versuche des NS-Regimes, Muslime als Verbündete zu gewinnen, bestimmte die deutsche Politik an vielen Fronten des Kriegs, darunter in Metropolen wie Sarajevo, Simferopol und Tunis. Ziel der deutschen Islampolitik war es, die Frontgebiete zu befrieden und zu kontrollieren und auf der anderen Seite, Muslime zum Kampf gegen die Alliierten zu mobilisieren. Am Ende waren die deutschen Versuche, muslimische Verbündete zu gewinnen, weniger erfolgreich als in Berlin erhofft. Allzu oft wurde die promuslimische deutsche Politik von der Gewalt der deutschen Kriegsführung und Besatzungspraxis überschattet.

Auch basierte die Politik auf zu vielen Fehlvorstellungen über Muslime und den Islam. Hinzu kam, dass es Berlins Behauptungen, die Muslime zu beschützen, an Glaubwürdigkeit fehlte. Und schließlich bemühten sich auch die Alliierten massiv um die Unterstützung von Muslimen. Briten, Charles de Gaulles Freie Franzosen und Stalin rekrutierten ebenfalls Muslime in ihre Armeen: Hunderttausende kämpften gegen Hitlers Deutschland. Allein aus Nordafrika kämpfte eine Viertel Million Muslime in der Freien Französischen Armee und half dabei, Europa zu befreien.