Der österreichische Mediziner Hans Asperger war laut einer Studie an den Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt. So soll er behinderte Kinder in eine Tötungsanstalt überwiesen haben. Zu diesem Ergebnis kommt der Historiker Herwig Czech von der Medizinischen Universität Wien nach der Auswertung von bisher unbekanntem Archivmaterial. Das Ergebnis wurde am Donnerstag im Fachjournal Molecular Autism veröffentlicht (Czech, 2018).

Hans Asperger hatte seit den 1930er-Jahren als Kinderarzt in Wien gearbeitet, auch nachdem 1938 Österreich an Nazideutschland angeschlossen wurde. Nach ihm ist eine bestimmte Form des Autismus, das Asperger-Syndrom, benannt (siehe Kasten). Er starb im Jahr 1980.

Bisher waren Historiker davon ausgegangen, dass Asperger in Gegnerschaft zu den NS-Herrschern stand. Doch das ist möglicherweise eine Legende, die in erster Linie von Asperger selbst gestammt haben könnte. Zu diesem Schluss kommt zumindest der Historiker Czech. "Es geht darum, dass jemand, der in den letzten Jahren fast als Widerstandskämpfer gefeiert wurde, einer Prüfung anhand der Quellen nicht standhält", sagte Czech.

Inszenierte sich Asperger als Nazigegner?

In seiner Studie kam der Wissenschaftler zu dem Schluss, dass der Mediziner Asperger vielmehr am NS-Programm zur systematischen Ermordung von Behinderten und Kranken beteiligt gewesen sei. Die Nazis sprachen beschönigend von "Euthanasie", also dem Gnadentod.

Czech kommt zu dem Ergebnis, dass Asperger zwei schwer behinderte Kinder direkt an die Wiener Tötungsanstalt Am Spiegelgrund überwiesen hat. In dieser Klinik wurden etwa 800 Mädchen und Jungen ermordet. Zudem saß der Kinderarzt in einer Kommission, in der selektiert wurde, ob Kinder in Sonderschulen oder zum "Spiegelgrund" gebracht wurden.

Asperger habe nach Einschätzung Czechs zwar keine große Rolle in dem eigentlichen Euthanasieprogramm der Nazis gespielt. Aber er sei ein Opportunist gewesen. "Es ist eine kollektive und geteilte Verantwortung, wie so oft bei NS-Verbrechen."