Der Besucher klingelte an einer Wohnungstür im Haus Kurfürstendamm 140. Hier, im Herzen West-Berlins, hatte der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) seine Zentrale, es war der 11. April 1968, Gründonnerstag. Ein Student öffnete die Tür. Er sah, dass der Besucher eine hellbraune Lederjacke und eine Tasche trug. Den belgischen Schreckschussrevolver mit durchbohrtem Lauf und die 49 Schuss Weichbleimunition sowie Gas- und Schreckschusspatronen in der Tasche sah er nicht.

"Ist Rudi Dutschke da?", fragte der Fremde. Der Student nickte. Dutschke, der charismatische Wortführer der Studentenbewegung, sammelte in der SDS-Zentrale Material für einen Artikel, den er schreiben wollte. Der Besucher verließ das Haus wortlos. Fünf Minuten später trat auch Dutschke auf die Straße, er wollte Nasentropfen für seinen Sohn Hosea-Che holen. Plötzlich trat der junge Mann mit der hellbraunen Lederjacke auf ihn zu und fragte: "Sind Sie Rudi Dutschke?"

Dutschke zögerte kurz, sagte dann "ja", und Sekundenbruchteile später knallten Schüsse. Während er "Du dreckiges Kommunistenschwein" brüllte, schoss Josef Bachmann dreimal auf Dutschke, in den Kopf, in den Hals und in die Brust. Dutschke brach zusammen.

Ein Attentat in einem Klima, das die Presse befeuert hatte

Josef Bachmann, der 23-jährige vorbestrafte Hilfsarbeiter, der ein selbst gemaltes Hitlerbild in seinem Schlafzimmer hängen hatte, schoss auf dem Kurfürstendamm nicht bloß den Wortführer rebellischer Studenten zusammen, er löste mit seinem Attentat auch die größten Straßenschlachten aus, die es bis dahin in der Bundesrepublik gegeben hatte.

Dutschke war nicht bloß ein wortgewaltiger Student. Er war für viele das Symbol des Protests einer Generation junger Menschen, die den Staat nur noch als reaktionär empfanden. Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, erschossen von einem Polizisten bei Protesten, der Vietnamkrieg, die wenig aufgearbeitete Zeit des Nationalsozialismus, die Große Koalition in Bonn, die eine außerparlamentarische Opposition auf der Straße provozierte, in diesem Reizklima fielen die Schüsse.

Und dieses Reizklima hatten maßgeblich Zeitungen des Springer-Konzerns befeuert, allen voran Bild. "Stoppt den Terror der Jungroten jetzt", forderte sie. Die Springer-Zeitung Berliner Morgenpost war ebenfalls nicht zimperlich: "Störenfriede ausmerzen". Publizistisch geschossen wurde gegen "die rote SA", "FU-Chinesen" und "Polit-Gammler". Das Gesicht dieser Attacken war Dutschke. Er redete zwar in verquastem Soziologen-Deutsch, er war in der linken Szene keineswegs unumstritten, aber seine wilde Leidenschaft, sein stechender Blick gaben ihm enorme Ausstrahlung. Wortführer für die einen, Hassfigur für die anderen.

Die Bundesrepublik in Aufruhr

Der Angriff auf Dutschke, der war für Zehntausende junger, zorniger Leute deshalb auch ein Angriff auf ihre Generation. Mit Dutschke sollten auch ihre Ideen und Forderungen sterben. So empfanden es viele.

Doch Dutschke überlebte, allerdings mit bleibenden Schäden. Auch Bachmann landete auf dem OP-Tisch. Kurz nach der Tat, aus seinem Versteck auf einer Baustelle in der Nestorstraße 54, schoss er um sich. Polizeikugeln trafen ihn in Brust und Arm. Auch er überlebte.

Während Täter und Opfer ums Überleben kämpften, herrschte in vielen Städten Aufruhr. In 27 Städten gab es über die Ostertage Demonstrationen mit jeweils 5.000 bis 18.000 Teilnehmern, in 50 Städten blockierten Demonstranten den Verkehr. In München starben ein Pressefotograf und ein Student, der tödlich von Steinen getroffen wurde; mehr als 400 Demonstranten und 54 Polizisten wurden insgesamt verletzt. Und nicht bloß Studenten protestierten auf den Straßen, auch Schüler, Angestellte, Arbeiter, Lehrlinge. Die Welle hatte alle erfasst.

Aber am heftigsten waren die Proteste in Berlin. Unmittelbar nach dem Attentat saßen SDS-Funktionäre mit weiteren Rebellen zusammen und berieten über angemessene Antworten. Schnell waren sich alle einig, "dass etwas geschehen muss".