Sie wolle ihre Kinder ja lieben – doch irgendwie schaffe sie es einfach nicht. Renate Flens kommt mit einer Depression in die Praxis der Psychotherapeutin Katharina Weiß. Die Expertin vermutet schon bald, dass hinter den Problemen ihrer Patientin im Grunde die Frustration steckt, Menschen nicht nah an sich heranlassen zu können.

Nach einer ausgiebigen Spurensuche in Flens' Vergangenheit glauben die beiden Frauen schließlich, eine Schuldige dafür gefunden zu haben: die Ärztin Johanna Haarer, die zur Zeit des Nationalsozialismus in Ratgebern erklärte, wie man Kinder für den Führer erzieht. Dabei ist Renate Flens, die in Wirklichkeit anders heißt, gerade einmal in den 1960ern – also erst nach dem Krieg geboren worden. Doch Haarers Bücher waren Bestseller. Auch im Deutschland der Nachkriegszeit fanden sich noch in fast jedem Haushalt Exemplare ihrer Werke. Von der Therapeutin darauf angesprochen, erinnerte sich auch Flens daran, ein Buch von Haarer im Regal ihrer Eltern gesehen zu haben.

Und ein besonders perfider Aspekt von Haarers Erziehungsphilosophie könnte sogar von Generation zu Generation weitergegeben worden sein: Um sie zu guten Soldaten und Mitläufern zu machen, forderte das NS-Regime Mütter dazu auf, die Bedürfnisse ihrer Babys gezielt zu ignorieren. Sie sollten emotions- und bindungsarm werden. Wenn eine ganze Generation systematisch dazu erzogen worden ist, keine Bindungen zu anderen aufzubauen, wie kann sie es dann ihren Kindern oder Enkelkindern beibringen?

"Unter Analytikern und Bindungsforschern ist das schon lange ein Thema – in der Öffentlichkeit wird es ignoriert", sagt Klaus Grossmann, der zuletzt an der Universität Regensburg forschte und bereits in den 1970er-Jahren Studien zu Mutter-Kind-Bindungen durchführte. Dabei konnte er im Labor immer wieder Szenen wie diese beobachten: Ein Baby weinte. Die Mutter ging auf das Kleine zu, doch kurz bevor sie bei ihm war, stoppte sie. Obwohl nur wenige Meter weiter ihr Kind schrie, machte sie keine Anstalten, es hochzuheben oder zu trösten. "Wenn wir die Mütter fragten, warum sie das taten, sagten sie: Sie dürften das Kind ja nicht verwöhnen."

Sätze wie dieser und Sprichwörter wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" sind bis heute verbreitet. Selbst der Bestseller Jedes Kind kann schlafen lernen von Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth deutet in eine ähnliche Richtung. Das Buch rät, Kinder mit Ein- oder Durchschlafproblemen allein in ein Zimmer zu legen und in immer länger werdenden Abständen zwar nach ihnen zu sehen und mit ihnen zu sprechen, sie aber nicht hochzuheben – selbst, wenn sie weinen.

"Am besten ist das Kind in einem eigenen Zimmer untergebracht, in dem es dann alleine bleibt", schrieb auch Johanna Haarer in ihrem 1934 veröffentlichten Ratgeber Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Beginnt das Kind zu schreien oder zu weinen, solle man es ignorieren: "Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unglaublich rasch, dass es nur zu schreien braucht, um eine mitleidige Seele herbeizurufen und Gegenstand solcher Fürsorge zu werden. Nach kurzer Zeit fordert es diese Beschäftigung mit ihm als ein Recht, gibt keine Ruhe mehr, bis es wieder getragen, gewiegt oder gefahren wird – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig!"

Das Baby als ein Quälgeist, dessen Wille es zu brechen gilt – so sah Johanna Haarer Kinder. Die Folgen dieser Sichtweise könnten auch heute noch spürbar sein. Ob es um die geringe Geburtenrate geht, die vielen Menschen, die geschieden sind oder allein leben, die starke Verbreitung von Burn-out, Depressionen oder psychischen Erkrankungen im Allgemeinen – manche Forscherinnen, Ärzte oder Psychologen spekulieren darüber, dass eine ganze Reihe von Phänomenen mit der antrainierten Bindungs- und Gefühlslosigkeit in Verbindung stehen könnte.

Dieser Artikel erschien zuerst in "Gehirn&Geist" 5/2018.

Nüchtern betrachtet sind die Gründe für diese gesellschaftlichen Umstände allerdings sicher vielfältig. Nachverfolgen lässt sich der Einfluss Haarers höchstens am klinischen Einzelfall, wie bei der Patientin von Katharina Weiß. "Meistens stehen in solchen Therapien ganz andere Themen im Vordergrund. Aber nach einiger Zeit hört man dann Hinweise auf Haarer: Ekel vor dem eigenen Körper, strenge Essensregeln oder Beziehungsunfähigkeit", sagt die Psychoanalytikerin.

Auch der Psychiater und Psychotherapeut Hartmut Radebold erzählt von einem Patienten, der mit schweren Beziehungs- und Identitätsschwierigkeiten zu ihm kam. Eines Tages fand dieser ein dickes Buch daheim, in dem seine Mutter unzählige Informationen über sein erstes Lebensjahr notiert hatte: Gewicht, Größe oder die Häufigkeit des Stuhlgangs – aber kein einziges Wort über Gefühle.

Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen.
Johanna Haarer in "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" (Elternratgeber von 1934)

"Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im Übrigen aber vollkommen in Ruhe gelassen", riet damals Johanna Haarer. Sie schilderte detailreich körperliche Aspekte, ignorierte aber alles Psychische – und warnte geradezu vor "äffischer" Zuneigung: "Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen." Gleich nach der Geburt sei es empfehlenswert, das Kind für 24 Stunden zu isolieren; statt in einer "läppisch-verballhornten Kindersprache" solle die Mutter ausschließlich in "vernünftigem Deutsch" mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.

Körperkontakt vermeiden

Haarers Ratschläge hatten einen modernen und wissenschaftlichen Anstrich, aber sie waren – was größtenteils schon damals bekannt war – falsch und darüber hinaus sogar schädlich. Kinder brauchen Körperkontakt, doch Haarer empfahl, diesen sogar beim Tragen möglichst gering zu halten. Sie riet zu einer unnatürlichen Haltung, die auf Bildern illustriert ist: Die Mütter halten ihre Kinder so, dass sie sie möglichst wenig berühren, und sie sehen sie an, blicken ihnen jedoch nicht in die Augen.