Solche Erfahrungen können traumatisieren. Zwischen 2009 und 2013 untersuchten die Psychologin Ilka Quindeau und ihre Kollegen von der Frankfurt University of Applied Sciences im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung die Generation der Kriegskinder. Eigentlich sollte sich ihre Studie um die Spätfolgen von Bombenangriffen und Flucht drehen. Doch nach den ersten Interviews mussten die Forscherinnen ihr Studiendesign abändern: In den Gesprächen kamen derart häufig Erfahrungen in der Familie zur Sprache, dass sie sich dazu entschieden, ein zusätzliches, mehrstündiges Interview zu diesem Thema anzuschließen. Am Ende halten die Wissenschaftlerinnen fest: "Diese Leute zeigten ein Muster auffällig starker Loyalität mit den Eltern. Dass in den Schilderungen überhaupt keine Konflikte angesprochen wurden, ist Zeichen einer Beziehungsstörung." Zudem weist Quindeau darauf hin, dass nirgendwo sonst in Europa ein so ausführlicher Kriegskinderdiskurs stattfinde wie in Deutschland – obwohl es auch in anderen Ländern Zerstörung und Bombenangriffe gegeben habe.

Die österreichisch-britische Psychoanalytikerin Anna Freud hatte 1949 entdeckt, dass Kinder, die eine gute Bindung zu ihren Eltern aufwiesen, den Krieg als weniger schlimm empfanden als jene, die keine gute Bindung hatten. Nähme man diese Erkenntnisse zusammen, stecke hinter den Gesprächen der Kriegskinder über Bombenangriffe und Vertreibung eigentlich eher Trauer über die Familienerfahrungen, glaubt Quindeau. Nur seien diese Erfahrungen so verletzend, dass sie unaussprechlich geworden seien.

Unfähig zu fühlen

Diese Interpretation ist allerdings schwierig zu belegen. Randomisiert-kontrollierte Studien, die den Einfluss von Haarers Erziehungsratschlägen experimentell untersuchen, sind aus ethischen Gründen nicht durchführbar. Doch auch Forschungsarbeiten, die sich nicht expliziert mit der Erziehung im Dritten Reich befassen, lieferten wertvolle Hinweise, meint Grossmann. "Alle Daten, die wir haben, deuten auf Folgendes hin: Wenn man einem Kind in den ersten ein oder zwei Lebensjahren eine feinfühlige Ansprache vorenthalten würde – so wie Johanna Haarer es propagiert hat –, bekäme man die eingeschränkten, emotions- und reflexionsunfähigen Kinder, die wir aus der Forschung kennen."

Der Bindungsforscher weist unter anderem auf eine Langzeitstudie hin, die ein Team um die Psychiaterin Mary Margaret Gleason von der Tulane University in New Orleans, Louisiana, 2014 in der Fachzeitschrift Pediatrics veröffentlichte. Gleason und ihre Kollegen hatten 136 rumänische Waisenkinder im Alter von einem halben Jahr bis zu vier Jahren in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Hälfte von ihnen blieb im Heim, die anderen wurden hingegen in Pflegefamilien gegeben. Als Kontrollgruppe fungierten Kinder aus der Region, die bei ihren leiblichen Eltern aufwuchsen. Dabei stießen sie unter anderem sowohl bei den Heim- als auch bei den Pflegekindern auf Probleme im Hinblick auf Sprache und Bindungsverhalten. Kam zum Beispiel während eines Experiments mit 89 der Probanden ein Fremder zur Tür herein und bat die Jungen und Mädchen anlasslos mitzukommen, folgten ihm von den Kindern aus der Kontrollgruppe 3,5 Prozent, bei den Kindern aus Pflegefamilien waren es 24,1 Prozent und bei den Heimkindern sogar 44,9 Prozent.

"Solche Kinder, die verführbar sind, nicht denken und nicht fühlen, sind praktisch für eine Kriegernation", sagt Karl-Heinz Brisch, Psychiater und Psychotherapeut am Dr.-von-Haunerschen-Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München. Auch im antiken Sparta seien die Kinder mit diesem Ziel erzogen worden. "Das Wesentliche bei Johanna Haarer ist, dass man dem Kind keine Zuwendung gibt, wenn dieses danach ruft. Doch jede Verweigerung bedeutet eine Zurückweisung", erklärt Grossmann. Einem Neugeborenen blieben als Kommunikationsmöglichkeit nur Mimik und Gestik. Folge darauf keine Reaktion, lerne es, dass seine Äußerungen nichts wert seien. Zudem erlebten Kleinkinder Todesangst, wenn sie Hunger oder Einsamkeit verspürten und dann nicht von ihrer Bezugsperson beruhigt werden. Im schlimmsten Fall könnten solche Erfahrungen dann zu einem Bindungstrauma führen, das es den Betroffenen auch im weiteren Leben schwer macht, Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen.

Erziehungstipps von der Lungenfachärztin

Haarer, die als Lungenfachärztin weder eine pädagogische noch eine pädiatrische Ausbildung hatte, wurde von den Nationalsozialisten gezielt gefördert. Die Ratschläge aus ihrem Werk Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind wurden in den sogenannten Reichsmütterschulungen gelehrt. Die Kurse sollten allen deutschen Frauen einheitliche Regeln zur Säuglingspflege vermitteln. Allein bis April 1943 nahmen mindestens drei Millionen Frauen an ihnen teil. Darüber hinaus war der Ratgeber die Grundlage für die Erziehung in Kindergärten und Heimen.

Schon bevor sie ihre Erziehungsbibel veröffentlichte, schrieb Johanna Haarer in Zeitungen über Säuglingspflege. Später erschienen weitere Bücher von ihr, unter anderem Mutter, erzähl von Adolf Hitler, eine Art Märchen, das kindgerecht Antisemitismus und Antikommunismus propagierte, sowie Unsere kleinen Kinder, ein weiterer Erziehungsratgeber. Nach der NS-Zeit wurde die Münchnerin anderthalb Jahre lang interniert. Begeisterte Nationalsozialistin blieb sie den Aussagen zweier ihrer Töchter zufolge bis zu ihrem Tod 1988. Und nicht nur ihre persönliche Einstellung überdauerte das Dritte Reich – auch ihr Hauptwerk Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind blieb noch lange verbreitet. Bis Kriegsende erreichte es, durch NS-Propaganda beworben, eine Auflage von 690.000 Stück. Aber auch nach dem Krieg wurde es – vom gröbsten Nazijargon bereinigt – bis 1987 noch einmal von fast genauso vielen Deutschen gekauft: am Ende insgesamt 1,2 Millionen Mal.