Diese Zahlen zeigen, wie viel Anklang Haarers Weltanschauung auch in der Nachkriegszeit noch fand. Doch warum setzten Mütter ein solch kontraintuitives Vorgehen überhaupt um? "Das kam nicht bei allen gut an", sagt Hartmut Radebold. Der Psychiater, Psychoanalytiker und Buchautor hat sich in seinen Forschungen intensiv mit der Generation der Kriegskinder auseinandergesetzt. Er geht davon aus, dass Haarers Erziehungsratgeber vor allem auf zwei Gruppen einen Einfluss hatte: auf Eltern, die sich besonders stark mit dem NS-Regime identifizierten, sowie auf junge Frauen, die – oft bedingt durch den Ersten Weltkrieg – selbst aus zerrütteten Familien kamen und deshalb gar nicht wussten, wie sich eine gute Beziehung anfühlt. Kämpften ihre Ehemänner zudem selbst an der Front und ließen sie allein, überfordert und verunsichert zurück, sei es durchaus vorstellbar, dass sie besonders anfällig für Haarers Erziehungspropaganda waren.

Zudem sei eine strenge Erziehung bereits vor 1934 in Preußen gang und gäbe gewesen. Nur eine Kultur, die ohnehin eine gewisse Neigung zu solchen Ideen von Härte und Drill besaß, habe so etwas umsetzen können, glaubt Grossmann. Dazu würden auch die Befunde von Studien aus den 1970er-Jahren passen, die beispielsweise darauf hindeuten, dass in Bielefeld damals etwa jedes zweite Kind ein unsicheres Bindungsverhalten aufwies, im süddeutschen Regensburg, das nie zum preußischen Einflussgebiet gehört hat, hingegen nicht einmal jedes dritte.

Um zu beurteilen, wie sicher die Bindung zwischen Mutter oder Vater und Kind ist, nutzen Grossmann und andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler häufig den Fremde-Situations-Test der US-amerikanischen Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth. Dabei betritt beispielsweise eine Mutter mit ihrem Kleinkind einen Raum und setzt es bei einem Spielzeug ab. Nach 30 Sekunden nimmt sie auf einem Stuhl Platz und liest eine Zeitschrift. Nach spätestens zwei Minuten erklingt ein Signal, das die Mutter daran erinnern soll, ihr Kind zum Spielen zu ermuntern, falls es dies noch nicht tut. In weiteren Abständen von ein bis drei Minuten spielen sich dann folgende Szenen ab: Eine fremde Frau erscheint in dem Raum und schweigt, die beiden Frauen sprechen miteinander, die Fremde beschäftigt sich mit dem Kind, die Mutter lässt ihre Handtasche auf dem Stuhl liegen und verlässt den Raum. Nach kurzer Zeit kehrt die Mutter wieder in den Raum zurück und die fremde Person geht. Wenig später geht auch die Mutter, das Kind bleibt allein zurück. Nach wenigen Minuten kehrt zuerst die fremde Frau in den Raum zurück und beschäftigt sich mit dem Kind, dann die Mutter.

Bindungsforscher beobachten dabei ganz genau, wie das Kind sich verhält. Ist es in der Trennungssituation kurz irritiert und weint, beruhigt sich jedoch bald wieder, wird es als sicher gebunden betrachtet. Jungen und Mädchen, die sich nicht mehr beruhigen – oder erst gar nicht auf das Verschwinden ihrer Bezugsperson reagieren –, gelten hingegen als unsicher gebunden. Grossmann hat den Test in verschiedenen Kulturen gemacht. Dabei entdeckte der Wissenschaftler, dass in Deutschland im Gegensatz zu anderen westlichen Ländern besonders viele Erwachsene positiv beeindruckt wären, wenn Kinder vom Verschwinden der Bezugsperson unbeeindruckt seien. Die Eltern nähmen das als "unabhängig" wahr.

Wie die Eltern, so die Kinder

Zudem deuten seine Befunde darauf hin, dass Kinder, wenn sie erwachsen werden und selbst Nachwuchs bekommen, ihr Bindungsverhalten an die nächste Generation weitergeben. Im Rahmen einer ihrer Untersuchungen erfassten Grossmann und seine Kollegen vier bis fünf Jahre nach dem Fremde-Situations-Test mit Hilfe von Interviews auch den Bindungsstil der Eltern ihrer Probanden in deren Kindheit. In ihre Auswertung bezogen die Wissenschaftler nicht nur den Inhalt der Antworten mit ein, sondern auch die Emotionen der Erwachsenen während der Befragung. So betrachteten die Forscher zum Beispiel, ob die Versuchspersonen häufig das Thema wechselten, nur einsilbige Antworten gaben oder übergeneralisierte Lobreden auf ihre eigenen Eltern hielten, ohne konkrete Situationen zu schildern. Das Ergebnis der Veröffentlichung aus dem Jahr 1988: Bei den 65 untersuchten Eltern und Kindern entsprach das Bindungsverhalten der Kinder in 80 Prozent der Fälle dem der Eltern. Eine 2016 veröffentlichte Metaanalyse von Forschern um Marije Verhage von der Universität Amsterdam, die die Daten von 4.819 Personen auswerteten, konnte den Effekt der Weitergabe von Bindungsverhalten über Generationen hinweg bestätigen.

Wie genau Eltern negative Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit gemacht haben, an ihre eigenen Kinder weitergeben, ist bislang noch Gegenstand verschiedener Theorien. Mittlerweile mehren sich allerdings die Hinweise darauf, dass dabei auch biologische Faktoren eine Rolle spielen könnten. Dahlia Ben-Dat Fisher von der Concordia University in Montreal und ihre Kollegen entdeckten 2007 zum Beispiel, dass der Nachwuchs von Müttern, die in ihrer Kindheit vernachlässigt worden waren, morgens regelmäßig einen niedrigeren Spiegel des Stresshormons Kortisol aufwies. Die Forscher werteten das als ein Zeichen für eine unnormale Stressverarbeitung.

Ein Team um Tobias Hecker von der Universität Zürich verglich 2016 in Tansania Kinder, die nach eigenen Angaben viel körperliche und seelische Gewalt erlebt hatten, mit solchen, die nur von wenigen Misshandlungen berichteten. Dabei stießen sie bei der ersten Gruppe nicht nur vermehrt auf medizinische Probleme, sondern auch auf eine abweichende Methylierung des Gens, das für das Protein Proopiomelanocortin kodiert. Dieses ist der Vorläufer für eine ganze Reihe von Hormonen, unter anderem für das Stresshormon Adrenocorticotropin, das in der Hirnanhangsdrüse gebildet wird. Veränderte DNA-Methylierungsmuster können die Aktivität eines Gens beeinflussen – und aller Wahrscheinlichkeit nach ebenfalls von Generation zu Generation weitergegeben werden. In Tierversuchen konnten Wissenschaftler dieses Phänomen bereits ausführlich beobachten, beim Menschen ist das Bild bislang noch weniger klar.

Auf der Verhaltensebene könne man nur das weitergeben, was man selbst an Erfahrungen kennt, erklärt Grossmann. Zwar können Eltern sich bewusst mit ihrer eigenen Bindungserfahrung auseinandersetzen und versuchen, ihre eigenen Kinder anders zu erziehen. "In stressigen Momenten verfällt man jedoch oft wieder in die gelernten, unbewussten Muster", meint Grossmann. Vielleicht wollte Gertrud Haarer, die jüngste von Johanna Haarers Töchtern, deshalb nie selbst Kinder haben. Sie hat sich öffentlich kritisch mit ihrer Mutter auseinandergesetzt und nach einer schweren Depression ein Buch über deren Leben und Vorstellungen verfasst. Lange sei sie selbst unnahbar gewesen, sagt sie, und an ihre Kindheit habe sie keine Erinnerung. "Offenbar hat mich das so traumatisiert, dass ich dachte, ich könnte nie Kinder erziehen", erklärte sie in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk.

Weitere Quellen: www.spektrum.de/artikel/1549585