Wie viel Aufmerksamkeit darf ein Verbrechen bekommen? Drei Menschen kostet dieses Verbrechen das Leben, und die Bundesrepublik schaut zu. Quasi in Echtzeit verfolgt sie im August 1988 in den Medien die Irrfahrt zweier Geiselnehmer. Für die Polizei ist der Verlauf des Verbrechens, das schnell den Namen Geiseldrama von Gladbeck bekommt, eine Blamage. Ein Lehrstück für zukünftige Polizeischüler, wie man es nicht machen sollte.

Doch auch Journalisten und deren Vorgesetzte müssen sich anschließend rechtfertigen: In einer Zeit, in der es weder Smartphones gibt noch das Internet eine Rolle spielt, halten ausgerechnet professionelle Reporter mit Kameras, Fotoapparaten und Mikrofonen minutiös jeden Schritt der Täter auf ihrer Flucht fest. Sie interviewen die Geiselnehmer, einer steigt sogar zu ihnen ins Auto. Und jeder, der nah genug drankommt, fotografiert die Bankräuber und ihre Geiseln. Zum 30. Mal jährt sich das Verbrechen in diesem August. Doch die Debatte über die Rolle der Medien, die damals folgte, könnte auch heute aktueller nicht sein. Denn es geht nicht nur darum, wie weit Journalistinnen und Journalisten für eine Geschichte gehen dürfen. Sondern auch um die Frage: Wie viel muss und soll die Öffentlichkeit in so einer Situation erfahren, und wie schnell muss das gehen?

Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski, damals 31 und 32 Jahre alt, kennen sich seit der Schulzeit. Sie haben schon mehrere krumme Dinger gedreht und wollen jetzt eine Bank überfallen. Es ist der 16. August 1988, ein Dienstagmorgen, Helmut Kohl ist Kanzler, Deutschland ist noch geteilt und in Gladbeck passiert normalerweise nicht viel. Rösner und Degowski tragen Waffen bei sich, als sie um 7.55 Uhr eine Filiale der Deutschen Bank betreten. Eine Kundenberaterin und ein Kassierer sind schon da, der Filialleiter nicht. Weil nur der den Schlüssel zum zweiten Tresor besitzt, warten die Täter.

In dieser Gladbecker Bankfiliale begann am 16. August 1988 das Verbrechen, dem eine zweitägige Irrfahrt folgte. Nach dem Banküberfall flüchteten Hans-Jürgen Rösler und Dieter Degowski zunächst mit zwei Bankangestellten, die später freikamen, nachdem die Täter einen Linienbus samt Insassen gekapert hatten. © Franz-Peter Tschauner/dpa

Dann geht die nächste Sache schief: Ein Passant bemerkt den Banküberfall und ruft die Polizei. Zwei Streifenwagen fahren los. Doch anstatt unbemerkt zu bleiben, fahren die Beamten direkt an den Fenstern der Bank vorbei und werden von den Tätern gesehen. Die warten jetzt nicht mehr auf den Filialleiter, sondern nehmen die zwei Bankangestellten als Geiseln.

Ihre Lösegeldforderungen richten sie in einem ersten Telefonat nicht an die Polizei, sondern an die Presse. Ein Journalist ruft direkt in der Bankfiliale an und hat auf einmal den Geiselnehmer Degowski am Telefon. 300.000 Mark will er, und ein Fluchtfahrzeug, in dem sie mit den Geiseln fliehen können. Es wird nicht das erste Mal sein, dass die Täter statt mit der Polizei direkt mit Journalisten reden. Journalisten sollen objektiv sein und Distanz wahren. Sie sollen aber auch genau hinsehen. Ein Widerspruch, der im Fall Gladbeck kollabiert.

Immer mehr Polizeibeamte und auch zahlreiche Pressevertreter versammeln sich vor dem Gebäude. Am Abend stellt nach langem Hin und Her die Polizei den Tätern ein Fluchtfahrzeug. Es ist mit Wanzen und Peilsendern ausgestattet, ein Beamter muss das Lösegeld, nur mit einer Unterhose bekleidet, vor den Eingang der Filiale legen. Reporter filmen, wie Geiseln und Täter die Bank verlassen.

Heute bittet die Polizei bei Verbrechen wie Amokläufen die Bevölkerung oft über Twitter, sich mit der Veröffentlichung von Fotos und Videos zurückzuhalten. Nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin und dem Amoklauf in München im Jahr 2016 hat sie zuletzt selbst Informationen auf Twitter gestellt. 1988, während der Flucht der Täter von Gladbeck, koordinieren Presse und Polizei sich kaum. Ein wichtiger Aspekt, glaubt der Kölner Historiker Jens Jäger, der sich mit medialer Öffentlichkeit und Öffentlichkeitsarbeit auseinandersetzt. "Die Kommunikation der Polizei mit den Medien ist professioneller geworden."

Die Freundin eines Täters steigt zu

Rösner und Degowski holen in Gladbeck auf ihrer Flucht noch die Freundin Rösners, die damals 34-jährige Marion Löblich, ab – unbehelligt von der Polizei, die noch hofft, dass die Täter ihre Geiseln freilassen werden. Gemeinsam fahren sie zunächst scheinbar ziellos durch das Ruhrgebiet und schlagen dann die Richtung nach Bremen ein.

"Skandale", sagt der Medienethiker Alexander Filipović, "sind heute fast immer auch Medienskandale." Filipović forscht an der Hochschule für Philosophie in München zu Digitalisierung, Internetethik und der Frage, wie Medienkonsumenten damit umgehen sollten, dass sie heute selbst Informationen in die ganze Welt hinaus senden können. Echtzeit-Öffentlichkeiten nennt Filipović das. "Wir befinden uns im Experimentiermodus, aber das muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein." Die Sensibilisierung nehme zu, Nutzerinnen und Nutzer reflektierten ihre Rolle. Im Experimentiermodus befinden sich 1988 auch die Medien, die die Gladbecker Geiselnehmer verfolgen: Das Privatfernsehen ist erst wenige Jahre alt. Eine neue Konkurrenzsituation.

So einen Moment kann man nicht üben
Christian Schicha, Medienethiker

Der Medienethiker Filipović sieht eine Parallele zu aktuelleren Fällen wie der Berichterstattung über den Germanwings-Absturz von Flug 9525 im Jahr 2015 oder auch über die G20-Proteste zwei Jahre später. "Die Grundstruktur ist gleich: Man hat eine wahnsinnig interessante Geschichte, eine Krise oder Katastrophensituation." Die Versuchung ist groß, solche Geschichten direkt zu veröffentlichen. Die Journalisten in Gladbeck tun es. Die Zeitungen drucken unverpixelte Fotos von Tätern und Geiseln. Auf einigen davon sieht man, wie sich Rösner eine Pistole in den Mund steckt.

Im Bus machen Fotografen Geiselbilder

In Bremen gehen die Geiselnehmer einkaufen. Jetzt appelliert die Polizei in einer Pressekonferenz an die Journalisten, nicht mehr zu berichten, bis die Täter festgenommen sind. Bringen wird es nichts. Um 19 Uhr an jenem Mittwochabend betreten Rösner und Degowski in Bremen einen Linienbus. Sie lassen die beiden Gladbecker Bankangestellten frei und nehmen 29 Businsassen als Geiseln, darunter den erst 15-jährigen Emanuele de Giorgi und seine kleine Schwester. Reporter gehen mit Kameras durch den Bus und machen Fotos von den Männern und Frauen, auch von dem Jungen, der die Arme schützend um seine Schwester legt. Schamlos, ohne Rücksicht auf die Todesangst der Geiseln.

"Man kann auch guten Boulevardjournalismus machen, ohne Grenzen zu überschreiten", findet der Medienethiker Christian Schicha. Er forscht zu Skandalen und Verfehlungen in den Medien und glaubt, dass in diesem Sommer 1988 eine Mischung aus Mut, Leichtsinn und Sensationsgier die Journalisten ergriffen haben muss. "Sie haben sich selbst in Lebensgefahr begeben." So einen Moment, sagt Schicha, kann man nicht üben.

Die Täter fahren mit dem Bus auf die Autobahn Richtung Hamburg. An einer Raststätte eskaliert die angespannte, unübersichtliche Situation. Als Marion Löblich den Bus verlässt, um auf die Toilette zu gehen, nehmen zwei Beamte aus Bremen sie fest. Rösner und Degowski drohen damit, Geiseln zu erschießen, und die Beamten lassen Löblich wieder frei. Doch noch bevor sie den Bus erreicht, schießt Degowski auf Emanuele de Giorgi. Ein Notarzt kommt erst 20 Minuten später an der Raststätte an. In der Nacht stirbt der Junge in einem Krankenhaus an der Verletzung. In derselben Nacht verunglückt eines der Polizeifahrzeuge. Der 31-jährige Polizist Ingo Hagen stirbt bei einem Zusammenstoß mit einem Lkw.