Dieser Text ist Teil unserer Reihe #D18. Alle Texte der Serie finden Sie hier.

Warum ist dieser Mann kein Held? © ZEIT ONLINE

Wir sitzen schon wieder im Auto und sind auf dem Rückweg. Sigmund Jähn hatte mich vom Bahnhof in Strausberg abgeholt, und nun will er mich, weil man das einfach so macht, wie er sagt, auch dorthin zurückbringen, damit ich mit der S-Bahn wieder nach Berlin fahren kann. Mehr als zwei Stunden haben wir in seinem Wohnzimmer gesessen und geredet.

Nein, dort haben keine Bilder von ihm als Kosmonaut an der Wand gehangen. Es war das ganz normale Wohnzimmer eines älteren Ehepaars, mit wuchtigen Sesseln und viel dunklem Holz. Ab und zu ist der 81-Jährige aufgestanden und hinüber in die Küche gegangen, um Kaffee zu machen. Ich habe am Türrahmen gelehnt und ihm zugesehen, wie er die Kaffeetasse mit dem Unterteller ein wenig umständlich vor die Maschine stellte, wie er seinen Finger in eine Dose mit Salz steckte, um zu probieren, ob es nicht doch Zucker sei. Wie er den Zucker in eine kleine Tasse schüttete und sich entschuldigte, dass er keinen Kuchen da habe.

Sigmund Jähn hat mir in der Küche auch von den grünen Klößen erzählt, die er sich zum Mittagessen aufgewärmt hat, und ich habe mich an die grünen Klöße erinnert, die meine Mutter immer zu Weihnachten macht. Die von meiner Mutter sind Thüringer, seine sind Vogtländer, da gibt es einen Unterschied, aber worin der genau besteht, wusste er in diesem Moment auch nicht zu sagen. Dann haben wir gelacht, und weil wir gerade beim Thema waren, habe ich ein extra breites Sächsisch geredet und ihm erzählt, dass ich als Kind oft im Ferienlager im Vogtland gewesen bin und wir immer in seinen Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz gewandert sind, um dort ins Sigmund-Jähn-Museum zu gehen. Daraufhin hat er angefangen, ein vogtländisches Wanderlied zu singen. Den Text habe ich nicht verstanden, weil diese Texte nicht wirklich zu verstehen sind, aber die Melodie hat mich an früher erinnert. An irgendein fernes, ziemlich verschwommenes Früher. Ein Früher, das man nicht richtig sehen, sondern nur fühlen kann. 

Sigmund Jähn, aufgenommen nach seinem Flug mit dem Raumschiff Sojus 31, August 1978 © DPA

Im Lachen ist Jähn leicht vor und zurück getänzelt und ich konnte sehen, wie agil und sportlich dieser Mann noch ist. Vor genau 40 Jahren, am 26. August 1978, ist er vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur in den Weltraum geflogen. Als erster und einziger DDR-Bürger, aber auch als erster Deutscher. Gemeinsam mit dem sowjetischen Kommandanten Waleri Bykowski hatte er in sieben Tagen, 20 Stunden, 49 Minuten und vier Sekunden 125-mal die Erde umkreist. Ländergrenzen sollen von dort oben gar nicht zu erkennen sein. 

Der ehemalige Kosmonaut läuft inzwischen leicht gebeugt, aber noch immer geht er morgens, wenn er kann, in den See, der an sein Grundstück grenzt, und schwimmt ein wenig. Früher hat er das auch im Winter gemacht. Ob ich den See sehen wolle, hat er mich nach dem Gespräch auf dem Weg zum Auto gefragt. Wollen Sie denn noch einmal zum See, habe ich ihm geantwortet. Nein, ich will nicht, aber wenn Sie wollen, gehen wir.

Ich will ihm aber nicht noch mehr Zeit stehlen. Sigmund Jähn hat so viele Briefe auf seinem Schreibtisch liegen, die noch immer unbeantwortet sind. Großeltern, die ein Autogramm für ihre Enkel wollen zum Beispiel, obwohl die Enkel sich doch gar nicht für ihn interessieren, wie er glaubt. Aber er will sie alle beantworten. Weil man das einfach so macht, wie er wieder sagt. Weil die Leute sich freuen, wenn sie mitunter auch nach zwei Jahren noch Post von ihm bekommen. Auf dem Weg zum Bahnhof reden wir dann noch einmal über jene Tagung in einem Schöneberger Gymnasium, auf der ich ihm ein paar Wochen zuvor zum ersten Mal begegnet bin.

Eine Tagung zu seinen Ehren, aus Anlass des bevorstehenden 40. Jahrestages seines Fluges. Jähn ist dorthin auch mit der S-Bahn gefahren. Aber Tagung ist eigentlich das falsche Wort. Eher war es ein Treffen einer Gruppe pensionierter oder, besser gesagt, vor vielen Jahren größtenteils ausrangierter DDR-Wissenschaftler. Die alten Männer hatten alle beigefarbene Anzüge und helle Schuhe an. Honecker-Look, wie mir einer selbstironisch gleich am Eingang zuraunte. Von einem wissenschaftlichen Interesse schien das Ganze nicht, es war eher eine Art Ehemaligentreffen. Auch die Direktorin der Sigmund-Jähn-Grundschule in Fürstenwalde/Spree war dort. Sie hatte extra einen Teddybären in einem Kosmonautenanzug mitgebracht, den sie Sigmund Jähn in die Hand drückte, weil sie die beiden zusammen fotografieren wollte. Danach hat sie ihn in ihre Schule eingeladen, unbedingt solle er einmal vorbeikommen. Das sagte sie mehrmals.

Ob er inzwischen einmal dort gewesen wäre, frage ich ihn. Die Einladung hätte so nett geklungen. Nein, sagt Sigmund Jähn. Er hätte einmal in seinem Leben erlebt, wie die Schilder mit seinem Namen über Nacht abgehängt wurden, nun müsse er sich am Ende seines Lebens nicht noch einmal anschauen, wie sie wieder aufgehängt würden. Danach schaut er vom Steuer zu mir herüber und seinen Gedanken hinterher. Es hört sich nicht an, als sage er solche Sätze oft.

Wenn Länder untergehen, verschwinden zuerst ihre Helden

Sigmund Jähn mit DDR-Journalisten, 1978, Archiv Gerhard Kowalski © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Es gibt diese Szene am Schluss von Good Bye, Lenin!, in der die überlebensgroße Leninstatue von einem Helikopter durchs Bild geflogen und ins Nichts abtransportiert wird. Wahrscheinlich auf den großen Müllhaufen der Geschichte. Genau so fühlte es sich für Sigmund Jähn offenbar auch an. Wenn Länder untergehen, sind es ihre Helden, die als Erste verschwinden müssen. Die Guten und die Bösen. Und als die DDR in den Herbsttagen des Jahres 1989 zu versinken begann, musste auch er verschwinden. Jähn war damals 52 Jahre alt.

Alle ehemaligen DDR-Bürger wissen, wer Sigmund Jähn ist

Bis heute kennen den ersten Deutschen im Weltraum viele Westdeutsche nicht. Die Westdeutschen sind für die Ostdeutschen wichtig, ob das auch umgekehrt gilt, ist nicht so sicher. "Sigmund Jähn ist im Orkus der marginalisierten DDR-Geschichte verschwunden", sagt der Soziologe und Elitenforscher Raj Kollmorgen. An Juri Gagarin, den ersten Menschen im All, erinnern sich im Westen viele. An Neil Armstrong, der als Erster auf dem Mond war, viel mehr. Umgekehrt aber gilt: Alle ehemaligen DDR-Bürger wissen, wer Sigmund Jähn ist. Wirklich alle.

Einen größeren Helden nämlich gab es in dem eingemauerten Land nicht. Auch weil er geschafft hatte, was vor ihm keinem Westdeutschen gelungen war. "Der erste Deutsche im All ein Bürger der DDR", das titelte am Sonntag, den 27. August 1978, einen Tag nach seinem Flug, sogar das Neue Deutschland in einer Sonderausgabe. In großen roten Buchstaben, obwohl ein Wort wie Deutscher normalerweise auf dem Index stand. Die Bundesrepublik kam in DDR-Zeitungen nur als Abkürzung vor, die Deutschen hießen BRD-Bürger und DDR-Bürger. Aber am Tag nach Jähns Flug war das egal, der sozialistische Staat wollte Geschichte schreiben. Wahrscheinlich die größte Geschichte, die er je hatte.

Die Titelseite des Neuen Deutschland am Tag nach dem Start Sigmund Jähns ins All © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Zwei Jahre lang hatten sich Kommandant Bykowski und Jähn im sogenannten Sternenstädtchen bei Moskau in unzähligen Tests darauf vorbereitet. Eine der größten Herausforderungen: der Test in der sogenannten Zentrifuge, in der die Beschleunigungskräfte beim Start simuliert werden. Ein Sojus-Raumschiff beschleunigt in knapp zehn Minuten von null auf 28.000 Kilometer in der Stunde, ein menschlicher Körper muss dabei das Achtfache seines eigenen Körpergewichts aushalten. In einer Zentrifuge, in der die Testperson in einer Kabine auf einem Sessel festgeschnallt wird und wie auf einem Karussell mit großer Geschwindigkeit herumgeschleudert wird, lässt sich das 25-Fache simulieren. Unter diesem enormen Druck allein die Augen offen zu behalten und normal zu atmen, erfordert beinahe übermenschliche Kräfte. Oder anders gesagt: Kräfte, über die nur sehr wenige Menschen verfügen.

Der NVA-Jagdflieger Sigmund Jähn, der vier Jahre in Moskau an der Militärakademie für Luftstreitkräfte studiert hatte, besaß diese Kräfte, hatte ausreichend Flugerfahrung – und außerdem sprach er sehr gut Russisch. Deshalb und auch weil er ein Arbeiterkind war, an den Sozialismus glaubte und früh in die SED eingetreten war, durfte der damals 41-Jährige fliegen. Dass er der DDR sehr viel zu verdanken habe, hat Sigmund Jähn auch noch wiederholt, als das Land schon längst nicht mehr eingemauert war. Als man solche Sätze eigentlich nicht mehr sagte. "Im Westen hätte ich nie Kosmonaut werden können", glaubt er. "Meine Eltern waren einfache Leute." Jähns Vater hat in einem Sägewerk gearbeitet, seine Mutter war Hausfrau.

Gerhard Kowalski hat das Neue Deutschland für mich aus einer Kiste hervorgeholt. Die Zeitung ist größer als eine Ausgabe der ZEIT; es fühlt sich an, als würde man eine Tischdecke auseinanderfalten, wenn man sie öffnet. Sein Keller ist vollgestellt mit Kisten und Ordnern über die sozialistische Raumfahrt. Kowalski, der sich heute Raumfahrtjournalist nennt und ein Blog betreibt, würde all das gern jemandem geben, es irgendwo archivieren, aber niemand will den alten Kram haben. Wir sitzen auf seinem Balkon in Pankow, unweit des Majakowskirings. In den Fünfzigerjahren wohnte hier die Führungsriege der DDR. Lotte und Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck, Johannes R. Becher. Auch heute ist das Wohnen hier wieder etwas Besonderes: Die Mieten sind in der Gegend fast unbezahlbar. Kowalski arbeitete einst für die DDR-Nachrichtenagentur ADN, der 76-Jährige war als junger Journalist einer der wenigen, die schon früh in die Tatsache eingeweiht waren, dass die Sowjetunion nun nach einem Polen und einem Tschechen bald auch einen DDR-Bürger mit ins All nehmen würde. Unter Bruderländern machte man das damals so, das hatte nicht zuletzt finanzielle Gründe.

Wie einst Karl May über die Rocky Mountains

Niemandem aber durfte Gerhard Kowalski davon erzählen. Wochenlang hat er sich akribisch auf das Ereignis vorbereitet, alle möglichen Informationen über Sigmund Jähn gesammelt, sicherlich sind die Ergebnisse seiner Recherchen auch der Staatssicherheit vorgelegt worden. Sogar eine Reportage über den Start hat er geschrieben, die er schon Wochen vorher abgeben musste. Obwohl Kowalski noch nie in seinem Leben in Baikonur gewesen war. Er versuchte, sich alles vorzustellen, und schrieb dann über Baikonur wie einst Karl May über die Rocky Mountains: "Die Abendsonne strahlt über dem Kosmodrom. Im Wind, der den Duft der Halbwüste herüberweht, wehen die Fahnen der UdSSR und der DDR. Umgeben von den Bedienungsbühnen und Kabelmasten reckt sich die Rakete 50 Meter hoch in den wolkenlosen kasachischen Himmel. Sojus 31 wartet, einen langen Schatten werfend, auf seine Besatzung." So stand es am Morgen nach Sigmund Jähns Abflug jedenfalls auf der zweiten Seite im Neuen Deutschland.

Gerhard Kowalski in der Nähe des Weltraumbahnhofs Baikonur, 1978 © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Beim Start war Gerhard Kowalski dann wirklich dabei, und auch bei der Landung am 3. September 1978. Waleri Bykowski, ein starker Raucher, wurde am Boden mit einer brennenden Zigarette erwartet, Sigmund Jähn hingegen zeigte man als Erstes ein Foto seines Enkels, der kurz vor dem Start auf die Welt gekommen war. Jähn soll da Tränen in den Augen gehabt haben. Aber über all das durfte Kowalski natürlich nicht schreiben, weder ein Raucher noch ein Opa eigneten sich für jene heroischen Schlagzeilen, die man brauchte. Die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 hatte jede Hoffnung auf eine Veränderung des real existierenden Sozialismus brutal zunichtegemacht; nachher würde keine heranwachsende Generation mehr wirklich an diesen angeblich besseren Staat auf deutschem Boden glauben. Jähns Flug fiel bereits in die bleiernen Jahre; zwei Jahre zuvor war 1976 der Liedermacher Wolf Biermann ausgebürgert worden. Man hungerte geradezu nach positiven Nachrichten, etwas, an dem man sich aufrichten konnte.

Deutschland soll lernen, wer Jähn ist

Nun, im Jahre 2018, hat sich Gerhard Kowalski in den Kopf gesetzt, dass auch das wiedervereinigte Land endlich zur Kenntnis nehmen soll, wer Sigmund Jähn gewesen ist. Vielleicht weil im Osten Deutschlands wieder eine Art bleierne Zeit angebrochen ist, weil es wichtiger als je zuvor nach Wiedervereinigung wäre, der guten Helden von einst stärker zu gedenken. Kowalski will jedenfalls, dass sich alle Deutschen an Jähns Flug erinnern. Aber darf einer wie er das eigentlich, ein ehemals systemtreuer Journalist? Und hat einer wie Sigmund Jähn eigentlich ein Recht darauf, dass wir uns heute noch an ihn erinnern?

Warum gratuliert die Kanzlerin nicht?

Gerhard Kowalski © Lena Mucha für ZEIT ONLINE

Nach der Wende hat Gerhard Kowalski bei der Nachrichtenagentur ddp gearbeitet, als einer der wenigen ehemaligen ADN-Mitarbeiter wurde er übernommen. Sogar in der Münchner Redaktion war er, lange Jahre hat er dort nur Nachtschichten gemacht, weil er seine westdeutschen Chefs nicht ertragen hat. Bis zur Rente. Kowalski sagt von sich, ein Ekelpaket zu sein, aber im Gespräch ist er liebenswürdig und charmant. Natürlich kämpft er, der als Korrespondent in Algier, Warschau, Moskau und Budapest gearbeitet hat, wenn er sich für Sigmund Jähns Lebenswerk einsetzt, auch für sein eigenes, obwohl er das so nie zugeben würde.

Kein Glückwunschschreiben der Bundeskanzlerin

Schon im Frühjahr hat sich Kowalski in einem Brief an die Bundeskanzlerin gewandt: "Als der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn, im vergangenen Jahr 80 Jahre alt wurde, habe ich vergeblich auf einen Glückwunsch oder Gruß der Regierung an ihn gewartet. In diesem Jahr nun jährt sich sein Flug zum 40. Mal. Bisher sieht es so aus, als werde er wieder vergessen", schreibt er Angela Merkel in strengem Ton. "Ich hoffe sehr, dass die Vernachlässigung der historischen Leistung dieses Mannes nicht dem Umstand geschuldet ist, dass er aus der DDR stammt", heißt es weiter. "Mit vorzüglicher Hochachtung, Gerhard Kowalski". Tatsächlich sei er, sagt er, lange Zeit ein Bewunderer von Angela Merkel gewesen.

Eine Mitarbeiterin aus dem Referat Koordinierung in Angelegenheiten der neuen Länder im Kanzleramt antwortet ihm nur wenige Tage später: "Ich möchte Ihnen versichern, dass die Herkunft von Herrn Sigmund Jähn aus der DDR nicht das Kriterium für die Entscheidung darstellte, ihm kein Glückwunschschreiben der Bundeskanzlerin im letzten Jahr zu übersenden. Ich wünsche Ihnen für Ihre Zukunft weiterhin alles Gute." Das ist nett gesagt, aber man fragt sich natürlich, was dann eigentlich der Grund gewesen sein soll. Auch Kowalski zuckt mit den Schultern.

Nicht traditionswürdig

Daraufhin wendet er sich an das Verteidigungsministerium. Sigmund Jähn ist am 2. Oktober 1990 im Rang eines Generalmajors, dem fünfthöchsten Dienstgrad, den es in der DDR gab, aus der NVA entlassen worden, deshalb ist Ursula von der Leyen offiziell irgendwie doch für seinen Fall zuständig. Obwohl der sogenannte Traditionserlass der Bundeswehr, der im Frühjahr gerade erneuert und um die NVA ergänzt wurde, klar festlegt: "Die NVA begründet als Institution und mit ihren Verbänden und Dienststellen keine Tradition der Bundeswehr. In ihrem eigenen Selbstverständnis war sie Hauptwaffenträger einer sozialistischen Diktatur." Zwar wird die NVA in diesem Traditionserlass ausdrücklich nicht mit der Wehrmacht in ihrer historischen Bedeutung gleichgestellt, aber dennoch gilt für beide: Sie sind für die Bundeswehr nicht traditionswürdig.

Es sind aber, das steht auch in diesem Erlass, sowohl für Wehrmachts- als auch NVA-Angehörige nach sorgfältiger Prüfung Ausnahmen gestattet. Wer Widerstand gegen den Nationalsozialismus oder das SED-Regime geübt hat oder wer außerordentliche Verdienste um die Deutsche Einheit errungen hat, könnte auch weiterhin geehrt werden. Könnte man nicht auch für Jähn, dessen Leistung als Raumfahrer unbestritten ist, eine Ausnahme machen? Oder war er dafür doch zu sehr Teil des Systems?

Es geht um Respekt

Auch von einem Mitarbeiter des Bundesverteidigungsministeriums bekommt Gerhard Kowalski rasch Antwort. Diesmal sind es nicht wenige Zeilen, sondern ein zweiseitiger Brief, in dem ihm freundlich, aber sehr bürokratisch noch einmal dargelegt wird, was bereits in dem Traditionserlass steht. Mit der folgenden Ergänzung: "Im Fall des ehemaligen Generalmajors der NVA Dr. Sigmund Jähn stellt sich die Frage seiner Traditionswürdigkeit erst, wenn er von den Angehörigen der Bundeswehr an einem Standort vorgeschlagen werden würde … Für diesen Fall wäre eine wissenschaftliche Kriterien erfüllende historische Überprüfung der Person und seiner Traditionswürdigkeit im Sinne des Traditionsverständnisses der Bundeswehr unbedingte Voraussetzung … Ich danke Ihnen für Ihr Interesse an der Bundeswehr und wünsche Ihnen alles Gute." Kowalski ist mit dieser Antwort, die ihn zwar nicht wirklich weiterbringt, zufrieden. Er hat den Eindruck, man habe sich mit seinem Anliegen angemessen befasst hat. Einer, der gegen Windmühlen kämpft, ist Kowalski nicht. Es geht ihm eher um Respekt.

Sigmund Jähn selbst freilich geht das ganze Theater, das Gerhard Kowalski für ihn veranstaltet, ein bisschen auf die Nerven. Man darf sich ihn nicht als einen verbitterten älteren Herrn vorstellen. Im Gegenteil, Jähn warnt mich öfter, mit meinem Text nicht zu übertreiben, wie er sagt, nicht dass sie noch anfangen, ihm zum Jahrestag die Bude einzurennen. "Wenn die Leute mich in Ruhe lassen, habe ich auch meine Ruhe", sagt er und lächelt.

Held der DDR

Vielleicht aber will er sich auch vor Enttäuschungen schützen. Als das 20. Jubiläum seines Fluges im Jahr 1998 bevorstand, hat er so gut wie alle Interviews abgesagt. Ursprünglich hatte er auch mich nicht treffen wollen, ich musste ihm erst noch eine zweite, sehr lange Mail schreiben, auf die hat er dann geantwortet: Na gut, kommen Sie eben, aber ich weiß gar nicht, worüber wir reden wollen. Das klang ziemlich misstrauisch.

Nach seinem Flug im Jahr 1978 bekam Jähn offiziell den Titel "Held der DDR" verliehen. Er wurde herumgezeigt wie ein bunter Hund, wie eine Trophäe auf öffentlichen Veranstaltungen ausgestellt und in die Betriebe geschickt. Es sollten die Menschen ihn überall, wo er auftauchte, auch anfassen dürfen. Er hat das alles mitgemacht, weil man das einfach so macht. Auf die vorgeschriebenen Reden allerdings, auf all die sozialistischen Floskeln hat er versucht zu verzichten, wo er konnte, erzählt er mir. "Die hat man mir zu Hause nicht beigebracht. Ich habe immer versucht, mit den normalen Leuten auch normal zu reden."

"Ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken"

Sigmund Jähn und der ESA-Astronaut Alexander Gerst © Jörg Carstensen/dpa

Sigmund Jähn hat nach der Wiedervereinigung vor allem ein privates Leben geführt. Und er ist immer wieder auf Kollegen getroffen, die ihm geholfen haben, sich für ihn eingesetzt haben. Alexander Gerst zum Beispiel. Der Astronaut, der im Moment als erster Deutscher und zweiter Westeuropäer überhaupt eine ISS-Mission leitet, nennt Jähn seinen Freund. Als er im Jahr 2014 seinen ersten Weltraumflug antrat, hat Gerst ein Abzeichen, das er irgendwo in einem verstaubten Andenkenladen in Sibirien gefunden hatte und auf dem Waleri Bykowski und Sigmund Jähn zu sehen sind, als eine Art Talisman mit ins All genommen, in ein Fenster der Raumstation gelegt und ein Foto gemacht, das er dem älteren Kosmonautenkollegen hinterher geschickt hat. Zu Weihnachten hat er ihm dann geschrieben: "Es war mir eine große Ehre und Freude, auf deinen Schultern in den Weltraum zu fliegen! Dein Freund Alex". Gerst also scheint ganz bewusst eine Traditionslinie zwischen sich und Sigmund Jähn zu ziehen, eine Linie, die es offiziell eigentlich nicht geben darf und die deshalb umso wichtiger ist. Jähn jedenfalls zeigt mir stolz das Foto von Gerst und auch sein Schreiben. Ich kann ihm ansehen, wie glücklich ihn die Gesten des Jüngeren machen. Der in Franken geborene Gerst war zwei Jahre alt, als Jähn flog; er war 13, als die Mauer fiel.

Der westdeutsche Kosmonaut Ulf Merbold (Vordergrund) in der US-Raumfähre "Columbia", November 1983 © NASA/UPI

Ulf Merbold darf man nicht vergessen. Der erste Westdeutsche im All ist in Wahrheit nämlich auch ein Vogtländer. Merbold wurde nur 40 Kilometer von Morgenröthe-Rautenkranz entfernt in Greiz geboren. 1960, als 19-Jähriger, verließ Merbold, weil man ihn nicht studieren ließ, die DDR und ging in die Bundesrepublik. Nach dem Mauerfall hat er sich dafür eingesetzt, dass Jähn in der europäischen Weltraumagentur ESA und dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR als Berater unter Vertrag genommen wird. Beinahe 15 Jahre hat Jähn daraufhin in Russland gearbeitet. Und dort hat er, das hat er mir mehrmals erzählt, genauso viel verdient wie seine westdeutschen Kollegen.  

Die Biografien der beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein. Merbold, der Republikflüchtling, und Jähn, die Ikone des Sozialismus. Merbold fasst das so zusammen: "Sigmund würde sagen, die DDR hat Fehler gehabt, aber im Kern war sie gut. Ich dagegen sage, nicht alles war schlecht, aber im Kern war die DDR ein Unrechtsstaat." Ausgerechnet die beiden verbringen den Abend des Mauerfalls gemeinsam in einem Hotelzimmer in Saudi-Arabien, weil dort gerade ein Kongress stattfindet, und wieder beschreibt Merbold die Szenarie mit einem beinahe allegorischen Satz: "Wir hatten an diesem Abend beide Tränen in den Augen, wahrscheinlich aber aus unterschiedlichen Gründen." Dass aber einer wie er Sigmund Jähn im wiedervereinigten Deutschland zu einer neuen Arbeit und damit einer Art zweitem Leben verhilft, gehört zu jenen Anekdoten, die zeigen, wie wenig ideologische Schablonen mitunter das normale Leben erklären können. Im Zweifelsfall schlägt das Leben der Ideologie ein Schnippchen.

Sigmund Jähn und Ulf Merbold, April 1990 © Wilhlem Leuschner/dpa

Immer wieder schließt Sigmund Jähn die Augen, wenn ich ihn am Tisch in seinem Wohnzimmer nach seiner Kindheit frage. Ich kann beinahe selber sehen, wie er noch einmal den Flur in der Wohnung seiner Eltern betritt, wie er versucht zu hören, was sein Vater als Kind zu ihm gesagt hat. Er ist in solchen Momenten gar nicht mehr richtig da, sondern tief in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts versunken.

Eine Kindheit voller Nazis

Eine der frühesten Kindheitserinnerungen, von denen er berichtet, ist, wie sein Vater ihn, so 1943 muss das gewesen sein, Jähn war sechs alt, mit in das Sägewerk nahm, in dem er arbeitete. In einer Baracke waren die sowjetischen Kriegsgefangenen untergebracht, die, so drückt er es aus, dieselben Bretter wie sein Vater schleppen mussten. Dem Kind haben sie manchmal Spielzeug geschnitzt und als er also um die Mittagszeit diese Baracke betritt und ein Stück Zucker auf einem Tisch liegt, will er nach dem Zucker greifen und ihn sich in den Mund schieben. Der Vater sieht das und staucht das Kind zusammen: Lass das liegen, die haben selber nichts, die armen Hunde.

Eine andere Erinnerung ist, wie sein erster Lehrer, ein richtiger Nazi, sagt Jähn, ein wirklicher Sadist, sagt er, den Jungen so sehr ins Gesicht schlägt, weil er wohl unsauber geschrieben habe, dass ihm das Blut aus der Nase läuft. Und welche Befreiung es für ihn gewesen ist, als nach dem Krieg die ersten Neulehrer an die Schule gekommen sind. Diese Lehrer, die alle an den Sozialismus glaubten, hätten ihn richtig beflügelt, hätten ihm Bücher zu lesen gegeben. Diese Zeit sei ein wirklicher Aufbruch gewesen. Und tatsächlich, das erwachende politische Bewusstsein des Jungen fällt in diese ersten Jahre nach dem Krieg, in die ersten Jahre der DDR. Er beginnt auch an diesen Sozialismus zu glauben, hält ihn für die richtige Antwort auf die Verbrechen des Krieges und des Nationalsozialismus. Die Neulehrer waren es dann auch, die ihn auf die Oberschule schicken wollten, allein sein Vater konnte mit so etwas nichts anfangen, der Junge sollte erst einmal einen richtigen Beruf lernen. Deshalb wird Jähn Buchdrucker. Dann holt er das Abitur nach, wird Pionierleiter, tritt in die SED ein und so weiter. Es ist eine sozialistische Bilderbuchkarriere, die nun beginnt. Und die ihn weit, weiter als jeden anderen DDR-Bürger, schließlich bis ins Weltall bringt.

Sigmund Jähn war ein Protagonist der DDR, er stand zwar nicht in der ersten Reihe, aber jene, die das taten, konnten sich auf ihn verlassen. Angela Merkel wird ihm deshalb wahrscheinlich keine Blumen zum 40. Jahrestag seines Fluges schicken und auch die Bundeswehr wird wohl nie eine Kaserne nach ihm benennen. Das ist für viele Ostdeutsche eine bittere Einsicht. Es kann gut sein, dass Gerhard Kowalski sich einfach irrt, dass sein Wunsch nach der Anerkennung des Lebenswerkes von Jähn nicht erfüllt werden wird, weil er schlicht nicht zu erfüllen ist. Weil es einfach noch nicht möglich ist, als Held der DDR auch im Westen Anerkennung zu bekommen. Vielleicht ändert sich das eines Tages, aber wer weiß das schon.

Aber ab und an kann man fragen: Warum ist das eigentlich so? Ab und zu kann man daran erinnern, dass ein Mensch wie Sigmund Jähn auch dem Westen gut zu Gesicht stehen würde, weil sein Lebenslauf in vielem ebenfalls eine exemplarisch deutsche Biografie des 20. Jahrhunderts ist. Und wenigstens alle paar Jahre hilft es vielleicht, den Ostdeutschen anzumerken, dass unsere Erinnerungskultur sehr wahrscheinlich zu westdeutsch ist.

"Ich bin am Ende meines Lebens angekommen, ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken", hat Sigmund Jähn zu mir gesagt. Aber ich habe dabei in seine wachen Augen geschaut und gewusst: Er sagt nicht die Wahrheit. Einer wie Sigmund Jähn hat sich sein Leben lang Gedanken gemacht und einer wie er wird auch am Ende seines Lebens nicht damit aufhören.