Sigmund Jähn und der ESA-Astronaut Alexander Gerst © Jörg Carstensen/​dpa

Sigmund Jähn hat nach der Wiedervereinigung vor allem ein privates Leben geführt. Und er ist immer wieder auf Kollegen getroffen, die ihm geholfen haben, sich für ihn eingesetzt haben. Alexander Gerst zum Beispiel. Der Astronaut, der im Moment als erster Deutscher und zweiter Westeuropäer überhaupt eine ISS-Mission leitet, nennt Jähn seinen Freund. Als er im Jahr 2014 seinen ersten Weltraumflug antrat, hat Gerst ein Abzeichen, das er irgendwo in einem verstaubten Andenkenladen in Sibirien gefunden hatte und auf dem Waleri Bykowski und Sigmund Jähn zu sehen sind, als eine Art Talisman mit ins All genommen, in ein Fenster der Raumstation gelegt und ein Foto gemacht, das er dem älteren Kosmonautenkollegen hinterher geschickt hat. Zu Weihnachten hat er ihm dann geschrieben: "Es war mir eine große Ehre und Freude, auf deinen Schultern in den Weltraum zu fliegen! Dein Freund Alex". Gerst also scheint ganz bewusst eine Traditionslinie zwischen sich und Sigmund Jähn zu ziehen, eine Linie, die es offiziell eigentlich nicht geben darf und die deshalb umso wichtiger ist. Jähn jedenfalls zeigt mir stolz das Foto von Gerst und auch sein Schreiben. Ich kann ihm ansehen, wie glücklich ihn die Gesten des Jüngeren machen. Der in Franken geborene Gerst war zwei Jahre alt, als Jähn flog; er war 13, als die Mauer fiel.

Ulf Merbold darf man nicht vergessen. Der erste Westdeutsche im All ist in Wahrheit nämlich auch ein Vogtländer. Merbold wurde nur 40 Kilometer von Morgenröthe-Rautenkranz entfernt in Greiz geboren. 1960, als 19-Jähriger, verließ Merbold, weil man ihn nicht studieren ließ, die DDR und ging in die Bundesrepublik. Nach dem Mauerfall hat er sich dafür eingesetzt, dass Jähn in der europäischen Weltraumagentur ESA und dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR als Berater unter Vertrag genommen wird. Beinahe 15 Jahre hat Jähn daraufhin in Russland gearbeitet. Und dort hat er, das hat er mir mehrmals erzählt, genauso viel verdient wie seine westdeutschen Kollegen.  

Die Biografien der beiden Männer könnten unterschiedlicher nicht sein. Merbold, der Republikflüchtling, und Jähn, die Ikone des Sozialismus. Merbold fasst das so zusammen: "Sigmund würde sagen, die DDR hat Fehler gehabt, aber im Kern war sie gut. Ich dagegen sage, nicht alles war schlecht, aber im Kern war die DDR ein Unrechtsstaat." Ausgerechnet die beiden verbringen den Abend des Mauerfalls gemeinsam in einem Hotelzimmer in Saudi-Arabien, weil dort gerade ein Kongress stattfindet, und wieder beschreibt Merbold die Szenarie mit einem beinahe allegorischen Satz: "Wir hatten an diesem Abend beide Tränen in den Augen, wahrscheinlich aber aus unterschiedlichen Gründen." Dass aber einer wie er Sigmund Jähn im wiedervereinigten Deutschland zu einer neuen Arbeit und damit einer Art zweitem Leben verhilft, gehört zu jenen Anekdoten, die zeigen, wie wenig ideologische Schablonen mitunter das normale Leben erklären können. Im Zweifelsfall schlägt das Leben der Ideologie ein Schnippchen.

Immer wieder schließt Sigmund Jähn die Augen, wenn ich ihn am Tisch in seinem Wohnzimmer nach seiner Kindheit frage. Ich kann beinahe selber sehen, wie er noch einmal den Flur in der Wohnung seiner Eltern betritt, wie er versucht zu hören, was sein Vater als Kind zu ihm gesagt hat. Er ist in solchen Momenten gar nicht mehr richtig da, sondern tief in den Vierzigerjahren des letzten Jahrhunderts versunken.

Eine Kindheit voller Nazis

Eine der frühesten Kindheitserinnerungen, von denen er berichtet, ist, wie sein Vater ihn, so 1943 muss das gewesen sein, Jähn war sechs alt, mit in das Sägewerk nahm, in dem er arbeitete. In einer Baracke waren die sowjetischen Kriegsgefangenen untergebracht, die, so drückt er es aus, dieselben Bretter wie sein Vater schleppen mussten. Dem Kind haben sie manchmal Spielzeug geschnitzt und als er also um die Mittagszeit diese Baracke betritt und ein Stück Zucker auf einem Tisch liegt, will er nach dem Zucker greifen und ihn sich in den Mund schieben. Der Vater sieht das und staucht das Kind zusammen: Lass das liegen, die haben selber nichts, die armen Hunde.

Eine andere Erinnerung ist, wie sein erster Lehrer, ein richtiger Nazi, sagt Jähn, ein wirklicher Sadist, sagt er, den Jungen so sehr ins Gesicht schlägt, weil er wohl unsauber geschrieben habe, dass ihm das Blut aus der Nase läuft. Und welche Befreiung es für ihn gewesen ist, als nach dem Krieg die ersten Neulehrer an die Schule gekommen sind. Diese Lehrer, die alle an den Sozialismus glaubten, hätten ihn richtig beflügelt, hätten ihm Bücher zu lesen gegeben. Diese Zeit sei ein wirklicher Aufbruch gewesen. Und tatsächlich, das erwachende politische Bewusstsein des Jungen fällt in diese ersten Jahre nach dem Krieg, in die ersten Jahre der DDR. Er beginnt auch an diesen Sozialismus zu glauben, hält ihn für die richtige Antwort auf die Verbrechen des Krieges und des Nationalsozialismus. Die Neulehrer waren es dann auch, die ihn auf die Oberschule schicken wollten, allein sein Vater konnte mit so etwas nichts anfangen, der Junge sollte erst einmal einen richtigen Beruf lernen. Deshalb wird Jähn Buchdrucker. Dann holt er das Abitur nach, wird Pionierleiter, tritt in die SED ein und so weiter. Es ist eine sozialistische Bilderbuchkarriere, die nun beginnt. Und die ihn weit, weiter als jeden anderen DDR-Bürger, schließlich bis ins Weltall bringt.

Sigmund Jähn war ein Protagonist der DDR, er stand zwar nicht in der ersten Reihe, aber jene, die das taten, konnten sich auf ihn verlassen. Angela Merkel wird ihm deshalb wahrscheinlich keine Blumen zum 40. Jahrestag seines Fluges schicken und auch die Bundeswehr wird wohl nie eine Kaserne nach ihm benennen. Das ist für viele Ostdeutsche eine bittere Einsicht. Es kann gut sein, dass Gerhard Kowalski sich einfach irrt, dass sein Wunsch nach der Anerkennung des Lebenswerkes von Jähn nicht erfüllt werden wird, weil er schlicht nicht zu erfüllen ist. Weil es einfach noch nicht möglich ist, als Held der DDR auch im Westen Anerkennung zu bekommen. Vielleicht ändert sich das eines Tages, aber wer weiß das schon.

Aber ab und an kann man fragen: Warum ist das eigentlich so? Ab und zu kann man daran erinnern, dass ein Mensch wie Sigmund Jähn auch dem Westen gut zu Gesicht stehen würde, weil sein Lebenslauf in vielem ebenfalls eine exemplarisch deutsche Biografie des 20. Jahrhunderts ist. Und wenigstens alle paar Jahre hilft es vielleicht, den Ostdeutschen anzumerken, dass unsere Erinnerungskultur sehr wahrscheinlich zu westdeutsch ist.

"Ich bin am Ende meines Lebens angekommen, ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken", hat Sigmund Jähn zu mir gesagt. Aber ich habe dabei in seine wachen Augen geschaut und gewusst: Er sagt nicht die Wahrheit. Einer wie Sigmund Jähn hat sich sein Leben lang Gedanken gemacht und einer wie er wird auch am Ende seines Lebens nicht damit aufhören.