Das Jahr, in dem alles eskalierte

Deutschland, 9. November 1938: In der sogenannten Reichspogromnacht beteiligen sich zahlreiche Menschen an Gewalttaten gegen Juden. Um die brutalen Übergriffe zu analysieren, muss man das ganze Jahr in den Blick nehmen. Eine Zeit, in der das NS-Regime begann, seine Expansionspläne umzusetzen; in der es die systematische Deportation von Zehntausenden Menschen organisierte und den Terror als Mittel forcierte, um die Juden außer Landes zu treiben. Darüber schreibt hier der Historiker Michael Wildt.

Der "Anschluss" Österreichs

Ein Jahr vor den Novemberpogromen, am 5. November 1937, erklärte Hitler der militärischen Führungsspitze, dass er zum Krieg entschlossen sei. Ziel der deutschen Politik sei, so Hitler, "die Sicherung und die Erhaltung der Volksmasse und deren Vermehrung". Nötig sei die "Gewinnung eines größeren Lebensraumes", der nicht in fernen Kolonien als vielmehr in Europa gesucht werden müsse. Zur Lösung der deutschen Frage könne es nur den "Weg der Gewalt" geben. Zunächst müssten Österreich und Tschechien annektiert werden, um vor allem die Ressourcen der beiden Länder auszubeuten.

Michael Wildt ist Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin. © Cordia Schlegelmilch

Konsequent bedrängte Hitler die österreichische Regierung immer stärker und entschied schließlich, die Wehrmacht am 12. März in Österreich einmarschieren zu lassen, um das Land an das Deutsche Reich "anzuschließen". In den Krisentagen vor dem Einmarsch flammten in Wien und anderswo antisemitische Pogrome auf. Jüdische Geschäfte wurden geplündert, Juden willkürlich verhaftet, aus ihren Wohnungen getrieben und misshandelt, persönliche Bereicherungen waren an der Tagesordnung. Bis zum Frühjahr 1939 verließ etwa die Hälfte aller rund 190.000 österreichischen Juden ihr Land, darunter Tausende, die von SA und SS mit Gewalt illegal über die Grenzen abgeschoben wurden.

Adolf Eichmann, der von Berlin nach Wien gesandt worden war, um für den Sicherheitsdienst der SS (SD) Dokumente zu beschlagnahmen, zentralisierte die antisemitische Politik unter seiner Leitung. Von der jüdischen Kultusgemeinde erpresste er mehrere Hunderttausend Reichsmark und demonstrierte damit, dass es dem SD in Kontrast zu den umständlichen devisenwirtschaftlichen Debatten der Ministerialbürokratie mit genügend gewalttätiger Energie gelang, die Vertreibung der Juden von diesen selbst finanzieren zu lassen. Eichmanns Zentralstelle für jüdische Auswanderung wurde zum Vorbild für die SS-Führung.

Raub des jüdischen Vermögens

Ausplünderung und Vertreibung bestimmten auch die Politik in Deutschland. Im Mai 1938 erging Görings Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens. Anfang Juli verbot das Gesetz zur Änderung der Gewerbeordnung den Juden zahlreiche Berufe, vor allem den Hausierhandel, mit dessen Hilfe sich noch manche über Wasser zu halten suchten. In Berlin forderte Gauleiter Goebbels Polizei wie NSDAP auf, "sich ständiger Eingriffe gegen die Juden zu befleißigen". Den ganzen Sommer attackierten SA, SS und HJ jüdische Geschäfte und Cafés, misshandelten die Gäste, zerschlugen das Mobiliar, plünderten die Waren. In Nürnberg, München und Dortmund wurden die Synagogen mit großem öffentlichen Spektakel niedergerissen, wobei die jüdischen Gemeinden die Abrisskosten bezahlen mussten.

Reichspogromnacht - »Die Bevölkerung stand ringsherum und gaffte« Vor 80 Jahren zerstörten Menschen in ganz Deutschland jüdische Einrichtungen. Hunderte wurden getötet. Im Video erinnert sich der Schoah-Überlebende Zvi Aviram. © Foto: OFF/AFP/Getty Images

Von den im Januar 1933 existierenden jüdischen Unternehmen gehörten bereits zwei Drittel nicht mehr ihren einstmaligen jüdischen Eigentümern. Besonders der Einzelhandel war von der Enteignung betroffen. Das Jahr 1938, schreibt der Wirtschaftshistoriker Avraham Barkai, war das Jahr des "Endspurts" im Wettlauf um die "Arisierung" jüdischer Betriebe. Unzählige Partei- und Volksgenossen, die bislang noch leer ausgegangen waren, traten nun auf den Plan, um die verbleibenden Objekte zum Billigtarif zu erwerben. Der eigentliche Profiteur des Raubs an den jüdischen Vermögen aber war der NS-Staat, der durch die Enteignungen, antisemitischen Steuern und zahlreiche Zwangsabgaben für Juden Millionen Reichsmark einnahm.

"Aktion Arbeitsscheu im Reich"

Auch die Verfolgung sogenannter "Arbeitsscheuer", "Asozialer" und "Gemeinschaftsfremder" erfuhr 1938 einen Höhepunkt. Reinhard Heydrich ordnete an, dass in der Woche zwischen dem 13. und 18. Juni jede Kriminalpolizeileitstelle mindestens 200 männliche sogenannte "asoziale" Personen verhaften und in ein Konzentrationslager bringen sollte. Mit der Juni-Aktion wurden über 10.000 Menschen, darunter rund 1.500 Juden, interniert und die Polizei lernte, wie Tausende Menschen systematisch verhaftet und deportiert werden konnten.

Der Begriff der "Kristallnacht" verharmlost das tatsächliche Geschehen

Die Hoffnungen der bedrängten deutschen und österreichischen Juden in die Konferenz im französischen Kurort Évian-les-Bains am Genfer See im Juli 1938, die US-Präsident Roosevelt einberufen hatte, um die Flüchtlingskrise zu lösen, wurden enttäuscht. Kaum ein Land war bereit, die Einwanderungsquoten zu erhöhen und den Vertriebenen Zuflucht zu gewähren. Auch für das NS-Regime erfüllte sich dessen Kalkül nicht, bei der Vertreibung der Juden mit der Aufnahmebereitschaft anderer Länder rechnen zu können. Es blieb die Option der Gewalt.

Am Rand des Krieges

Wie von Hitler geplant, befand sich nach Österreich die Tschechoslowakei im Visier der NS-Führung. Deren Forderung nach der Annexion der Sudetengebiete brachte Europa im September an den Rand des Krieges. Doch gaben die Westmächte im letzten Moment nach und ließen – ohne die tschechoslowakische Regierung an den Verhandlungen zu beteiligen – mit dem Münchener Abkommen vom 30. September zu, dass tschechisches Territorium mit überwiegend sudetendeutscher Bevölkerung an Deutschland abgegeben wurde. Mit der Furcht innerhalb der deutschen Bevölkerung vor einem neuen Krieg wuchs die Gewaltbereitschaft gegen Juden. In einzelnen Kreisen begannen die lokalen NSDAP-Gruppen im Oktober, die Juden des Ortes zu zwingen, ihr Eigentum, ihre Häuser, Geschäfte, Grundstücke zu Schandpreisen zu verkaufen, und sie danach mit Gewalt aus den Orten zu vertreiben.

Im Oktober radikalisierte sich die Gewalt erneut. Als Reaktion auf die antisemitische Absicht der polnischen Regierung, den im Ausland lebenden polnischen Staatsangehörigen, vor allem den polnischen Juden, die Staatsangehörigkeit abzuerkennen und die Rückkehr nach Polen zu verwehren, erließ Himmler am 26. Oktober ein Aufenthaltsverbot für polnische Juden. In einer gezielten Großaktion nahm die Polizei in den folgenden Tagen etwa 17.000 polnische Juden fest und deportierte sie an die polnische Grenze. Da Polen die Einreise dieser Menschen verweigerte, irrten sie im Niemandsland und in den Grenzorten herum, ohne jede Hilfe, Lebensmittel und sanitäre Möglichkeiten.

Ein Attentat als Gelegenheit für den Schlag gegen die Juden

Es war diese kalt kalkulierte und brutale Maßnahme, die den jungen Herschel Grynszpan, dessen Eltern zu den Deportierten gehörten, aus Protest und Verzweiflung am 7. November 1938 zum Attentat auf den deutschen Botschaftsangehörigen in Paris, Ernst vom Rath, trieb. Für die NS-Führung war nun die erhoffte Gelegenheit für den Schlag gegen die deutschen Juden gekommen. Wie üblich saß die Parteispitze am Abend des 9. November in München zusammen, um den Jahrestag des Putschversuches von 1923 zu feiern. Goebbels gab mit einer aufpeitschenden Rede das Signal, die anwesenden Parteiführer telefonierten umgehend mit ihren regionalen Organisationen und noch in derselben Nacht begannen die Schlägertrupps aus Partei und SA ihre Zerstörungsaktionen.

Vor aller Augen zerschlugen die Trupps, unterstützt von zahlreichen ganz gewöhnlichen Deutschen, die Schaufensterscheiben jüdischer Läden, plünderten die Geschäfte, drangen in Wohnungen von Juden ein, verwüsteten die Einrichtung, misshandelten die Bewohner und schreckten selbst vor Mord nicht zurück. Es gibt bis heute keine genauen Zahlen über das ganze Ausmaß der Zerstörungen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Körperverletzungen und Ermordungen in diesen Tagen. Allein auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens, so stellte jüngst eine Studie fest, wurden über 100 Menschen getötet. In den folgenden Tagen wurden 36.000 jüdische Männer festgenommen und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt, wo sie erneut brutaler Gewalt ausgesetzt waren. Der Begriff der "Kristallnacht" verharmlost daher das tatsächliche Geschehen bis zur Unkenntlichkeit.

Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet.
NS-Funktionär Hermann Göring

Die NS-Führung mühte sich, die Pogromgewalt unter Kontrolle zu bekommen. Noch am Morgen des 10. November gab das Propagandaministerium eine Presseanweisung heraus, dass keine Bilder von den Zerstörungen veröffentlicht werden sollten. Um 20 Uhr übertrugen alle Sender des Reichs einen Aufruf, die Aktionen einzustellen. Hermann Göring machte zwei Tage später aus seinem Unmut über die Zerstörungen keinen Hehl: "Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet." Er verfügte, dass die jüdischen Gemeinden alle Schäden zu bezahlen hätten. Als "Sühneleistung" für das Attentat legte Göring allen deutschen Juden eine Summe von einer Milliarde Reichsmark auf. Zehntausende flohen in panischem Schrecken nach der Erfahrung der Pogromgewalt.

Die Eskalation der Gewalt im Jahr 1938 radikalisierte die antisemitische Politik des NS-Regimes. Am 30. Januar 1939 drohte Hitler in einer Reichstagsrede den Juden, falls es zum Krieg käme, werde das Ergebnis nicht die "Bolschewisierung der Erde", sondern die "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" sein. Im März 1939 besetzte Deutschland unter Verletzung des Münchener Abkommens den restlichen Teil der Tschechischen Republik, ein halbes Jahr später überfiel es Polen. Im Schatten des Krieges nahm die "Lösung der Judenfrage" nunmehr die Form der physischen Vernichtung an.