Die Hoffnungen der bedrängten deutschen und österreichischen Juden in die Konferenz im französischen Kurort Évian-les-Bains am Genfer See im Juli 1938, die US-Präsident Roosevelt einberufen hatte, um die Flüchtlingskrise zu lösen, wurden enttäuscht. Kaum ein Land war bereit, die Einwanderungsquoten zu erhöhen und den Vertriebenen Zuflucht zu gewähren. Auch für das NS-Regime erfüllte sich dessen Kalkül nicht, bei der Vertreibung der Juden mit der Aufnahmebereitschaft anderer Länder rechnen zu können. Es blieb die Option der Gewalt.

Am Rand des Krieges

Wie von Hitler geplant, befand sich nach Österreich die Tschechoslowakei im Visier der NS-Führung. Deren Forderung nach der Annexion der Sudetengebiete brachte Europa im September an den Rand des Krieges. Doch gaben die Westmächte im letzten Moment nach und ließen – ohne die tschechoslowakische Regierung an den Verhandlungen zu beteiligen – mit dem Münchener Abkommen vom 30. September zu, dass tschechisches Territorium mit überwiegend sudetendeutscher Bevölkerung an Deutschland abgegeben wurde. Mit der Furcht innerhalb der deutschen Bevölkerung vor einem neuen Krieg wuchs die Gewaltbereitschaft gegen Juden. In einzelnen Kreisen begannen die lokalen NSDAP-Gruppen im Oktober, die Juden des Ortes zu zwingen, ihr Eigentum, ihre Häuser, Geschäfte, Grundstücke zu Schandpreisen zu verkaufen, und sie danach mit Gewalt aus den Orten zu vertreiben.

Im Oktober radikalisierte sich die Gewalt erneut. Als Reaktion auf die antisemitische Absicht der polnischen Regierung, den im Ausland lebenden polnischen Staatsangehörigen, vor allem den polnischen Juden, die Staatsangehörigkeit abzuerkennen und die Rückkehr nach Polen zu verwehren, erließ Himmler am 26. Oktober ein Aufenthaltsverbot für polnische Juden. In einer gezielten Großaktion nahm die Polizei in den folgenden Tagen etwa 17.000 polnische Juden fest und deportierte sie an die polnische Grenze. Da Polen die Einreise dieser Menschen verweigerte, irrten sie im Niemandsland und in den Grenzorten herum, ohne jede Hilfe, Lebensmittel und sanitäre Möglichkeiten.

Ein Attentat als Gelegenheit für den Schlag gegen die Juden

Es war diese kalt kalkulierte und brutale Maßnahme, die den jungen Herschel Grynszpan, dessen Eltern zu den Deportierten gehörten, aus Protest und Verzweiflung am 7. November 1938 zum Attentat auf den deutschen Botschaftsangehörigen in Paris, Ernst vom Rath, trieb. Für die NS-Führung war nun die erhoffte Gelegenheit für den Schlag gegen die deutschen Juden gekommen. Wie üblich saß die Parteispitze am Abend des 9. November in München zusammen, um den Jahrestag des Putschversuches von 1923 zu feiern. Goebbels gab mit einer aufpeitschenden Rede das Signal, die anwesenden Parteiführer telefonierten umgehend mit ihren regionalen Organisationen und noch in derselben Nacht begannen die Schlägertrupps aus Partei und SA ihre Zerstörungsaktionen.

Vor aller Augen zerschlugen die Trupps, unterstützt von zahlreichen ganz gewöhnlichen Deutschen, die Schaufensterscheiben jüdischer Läden, plünderten die Geschäfte, drangen in Wohnungen von Juden ein, verwüsteten die Einrichtung, misshandelten die Bewohner und schreckten selbst vor Mord nicht zurück. Es gibt bis heute keine genauen Zahlen über das ganze Ausmaß der Zerstörungen, Plünderungen, Vergewaltigungen, Körperverletzungen und Ermordungen in diesen Tagen. Allein auf dem Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalens, so stellte jüngst eine Studie fest, wurden über 100 Menschen getötet. In den folgenden Tagen wurden 36.000 jüdische Männer festgenommen und in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verschleppt, wo sie erneut brutaler Gewalt ausgesetzt waren. Der Begriff der "Kristallnacht" verharmlost daher das tatsächliche Geschehen bis zur Unkenntlichkeit.

Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet.
NS-Funktionär Hermann Göring

Die NS-Führung mühte sich, die Pogromgewalt unter Kontrolle zu bekommen. Noch am Morgen des 10. November gab das Propagandaministerium eine Presseanweisung heraus, dass keine Bilder von den Zerstörungen veröffentlicht werden sollten. Um 20 Uhr übertrugen alle Sender des Reichs einen Aufruf, die Aktionen einzustellen. Hermann Göring machte zwei Tage später aus seinem Unmut über die Zerstörungen keinen Hehl: "Mir wäre lieber gewesen, ihr hättet 200 Juden erschlagen und nicht solche Werte vernichtet." Er verfügte, dass die jüdischen Gemeinden alle Schäden zu bezahlen hätten. Als "Sühneleistung" für das Attentat legte Göring allen deutschen Juden eine Summe von einer Milliarde Reichsmark auf. Zehntausende flohen in panischem Schrecken nach der Erfahrung der Pogromgewalt.

Die Eskalation der Gewalt im Jahr 1938 radikalisierte die antisemitische Politik des NS-Regimes. Am 30. Januar 1939 drohte Hitler in einer Reichstagsrede den Juden, falls es zum Krieg käme, werde das Ergebnis nicht die "Bolschewisierung der Erde", sondern die "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" sein. Im März 1939 besetzte Deutschland unter Verletzung des Münchener Abkommens den restlichen Teil der Tschechischen Republik, ein halbes Jahr später überfiel es Polen. Im Schatten des Krieges nahm die "Lösung der Judenfrage" nunmehr die Form der physischen Vernichtung an.