Er gilt als einer der aufwendigsten Kriegslügen überhaupt: der inszenierte Überfall auf den Rundfunksender Gleiwitz. In der Nacht vom 31. August auf den 1. September 1939 besetzen deutsche SS-Männer den Sender der Stadt nahe der deutsch-polnischen Grenze, geben sich als polnische Aufständische aus und fingieren so einen Angriff Polens auf das Großdeutsche Reich. "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!", verkündet Adolf Hitler vor dem Berliner Reichstag. Hitler vertut sich dabei um eine Stunde, der Angriff erfolgt schon um 4.45 Uhr. Der Zweite Weltkrieg beginnt.

Die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland beiden sind bis heute geprägt von Kriegs- und Besatzungserfahrungen, Vorurteilen und einem unterschiedlichen Umgang mit der gemeinsamen Geschichte. Wie diese Geschichte gedeutet werden soll, wird auch heute noch diskutiert. Anders als in Polen, spielt die Erinnerung an den deutschen Überfall auf Polen in Deutschland bislang nur eine geringe Rolle. Sie steht im Schatten der darauffolgenden Eroberungs- und Vernichtungskriege. Geprägt durch die NS-Propaganda, dominieren zudem Erinnerungsbilder von einem "schnellen, sauberen Blitzkrieg". In Zusammenarbeit mit dem Masterstudiengang Public History möchte die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz (GHWK) helfen, dieses Bild zu korrigieren.

Mit dem Projekt Stumme Zeugnisse 1939 – Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten sollen verschiedene Perspektiven auf den Kriegsbeginn 1939 zusammengetragen werden, um eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den Ereignissen vor 80 Jahren anzustoßen. ZEIT ONLINE unterstützt dieses Projekt und hilft bei einem Aufruf:

Senden Sie uns Fotos und Dokumente!

Wonach wird mit diesem Sammelaufruf gesucht? In einer Onlineausstellung zeigt die GHWK beispielhaft etwa Fotografien und Aufzeichnungen des deutschen Soldaten Kurt Bruno Seeliger. Als Hauptmann und Batterieführer der motorisierten Beobachtungsabteilung 13 nahm er am deutschen Überfall auf Polen 1939 teil. Dabei nahm er 96 Fotografien auf, die er in einer kommentierten Fotoserie zusammenstellte. Einige seiner Bilder zeigen wir hier:

Unterschiedliche Quellen aus Deutschland und Polen können Alltagsgeschichte und individuelle Wahrnehmungen erzählen. Solche Hinterlassenschaften sind von großer historischer Bedeutung und lassen sich zu einem Kaleidoskop von Ereignissen, Wahrnehmungen und Haltungen zusammenfügen, aus denen ein neues Bild der Geschichte entstehen kann. Die historische Einordnung solcher Quellen ist jedoch eine wichtige Voraussetzung, um sie zum Sprechen zu bringen. Sonst bleiben sie nur begrenzt aussagekräftig – also stumm. Studentinnen und Studenten der Freien Universität Berlin werden unbekanntes Quellenmaterial aus privatem Besitz erforschen und kontextualisieren, um so Geschichte zu erzählen.

Das Projekt Stumme Zeugnisse 1939 – Der deutsche Überfall auf Polen in Bildern und Dokumenten wird die Ergebnisse des Sammelaufrufs und der Recherchen zum 80. Jahrestag des Kriegsbeginns in einer Onlineausstellung veröffentlichen. Auch ZEIT ONLINE wird gegebenenfalls nach Prüfung durch Historikerinnen und Historiker Material aus dem Sammelaufruf veröffentlichen. Zudem können Sie den Fortschritt des Projekts auch auf Facebook, Twitter und Instagram begleiten.

Der Auftakt zum Vernichtungskrieg

Der Historiker Jochen Böhler hat den deutschen Überfall auf Polen als "Auftakt zum Vernichtungskrieg" bezeichnet. Denn der Angriff zeigte bereits eine Radikalisierungs- und Gewaltdynamik, die im späteren millionenfachen Morden kulminierte. Wehrmachtsoldaten sowie Polizei- und SS-Einheiten begingen in Polen schon im September 1939 zahlreiche Verbrechen an der Zivilbevölkerung und den gegnerischen Soldaten. Die wahllose Zerstörung von Dörfern und Städten, Gewalthandlungen gegen die zivile Bevölkerung, aber auch die Erschießung von Kriegsgefangenen und Geiseln waren an der Tagesordnung. Die jüdische Bevölkerung wurde vielerorts Opfer von "Blitzpogromen" und Massakern, die als "Vergeltungsmaßnahmen" inszeniert wurden. Nach Ende der Militärverwaltung am 26. Oktober 1939 wurden im Zuge einer mörderischen Besatzungspolitik bis Kriegsende weitere fünf Millionen Menschen, darunter etwa drei Millionen polnische Jüdinnen und Juden, umgebracht.

Die Wehrmacht setzte in Polen auf einen schnellen Bewegungskrieg. Zahlenmäßig überlegen und technisch besser ausgestattet, gelang es der deutschen Armee, die polnischen Truppen zum Rückzug zu zwingen. Der Einmarsch der mit Deutschland verbündeten sowjetischen Truppen am 17. September 1939 besiegelte die polnische Niederlage. Ein Teil der polnischen Armee kapitulierte nach heftigen Kämpfen am 27. September in Warschau. Östlich der Weichsel ergaben sich die letzten polnischen Truppen am 6. Oktober 1939 nach der Schlacht bei Kock.