Kurz vor dem Start im Juli 1969: die Saturn-V-Rakete auf dem Launchpad 39A in Cape Canaveral im US-Bundesstaat Florida © NASA/​Newsmakers/​Getty Images

Juli 1969, Millionen Menschen sitzen vor Flimmerkisten und Neil Armstrong hüpft auf den Mond. Wie groß war dieser Schritt für die Wissenschaft? Und müssen Menschen da wieder hin? Reisen Sie mit uns in die Geschichte und Zukunft in unserem Schwerpunkt "Zum Mond und zurück".

Es gibt tausend Möglichkeiten, mit einer Rakete zu scheitern. Aber nur eine, um erfolgreich zu sein: starten und ans Ziel gelangen. Der gigantischen Saturn V ist dies nicht nur einmal, sondern mehrfach gelungen. Unübertroffen in Größe und Gewicht ist das glänzende Ungetüm bis heute die mächtigste Maschine, die die Menschheit je gebaut hat. Dessen nicht genug: Es war eine Saturn V, die vor 50 Jahren Neil Armstrong und Edwin "Buzz" Aldrin als erste Menschen auf den Mond brachte.

In der Raketenforschung ist kaum eine Geschichte frei von Fehlschlägen. Im Durchschnitt scheitern 20 Prozent aller Versuche, von der Erde abzuheben; etwas, das in zahlreichen Videos anschaulich dokumentiert ist. Die Saturn V aber brillierte, jeder Start war erfolgreich. Zwar wurden Liftoffs mehrfach verschoben und in zwei Fällen kam es zu Triebwerksausfällen, doch der Serientyp brachte verlässlich zwei unbemannte Kapseln ins All sowie die Besatzungen der Missionen Apollo 8, 9 und 10, bevor sie mit Apollo 11 am 16. Juli 1969 unweigerlich begann, Mondlandungsgeschichten zu schreiben.

Um 15.32 Uhr deutscher Zeit schob sich die Rakete der Superlative von der Startrampe 39A in Cape Canaveral in Florida gen Mond. Mit der Apollo-11-Kapsel samt Aldrin, Armstrong und Michael Collins an Bord maß sie rund 111 Meter in der Höhe. Aus europäischer Sicht ist das ein Drittel Eiffelturm, aus amerikanischer in etwa eine Freiheitsstatue. Weil sie befürchteten, dass das Gefährt beim Aufrichten zerbrechen könnte, hatten die Ingenieure vorsorglich ein eigenes Gebäude entworfen, um es darin senkrecht zusammenzubauen.

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111 Meter hoch war die Saturn V mit dem Apollo-Raumschiff an der Spitze.

Die erste Raketenstufe war der größte Aluminiumzylinder, der je gefertigt wurde. "Die Ventile waren so groß wie Fässer, die Treibstoffpumpen größer als Kühlschränke", schrieb ein Journalist. Durch die Rohre hätten Männer hindurchklettern können und die Triebwerke seien so groß wie Trucks gewesen.

Insgesamt elf davon katapultieren die dreistufige Rakete aus der Erdatmosphäre ins All und weiter zum Mond. Zum Start wog sie mehr als 2.900 Tonnen. Mit jedem Meter, den sie sich von der Erde entfernte, wurde die Saturn V leichter. Vom Start bis zum Brennschluss der ersten Stufe verbrannten die fünf F1-Triebwerke pro Sekunde rund 12.000 Kilogramm Treibstoff. Das ist so viel, wie 1.500 Düsenjäger mit eingeschaltetem Nachbrenner in derselben Zeit verbrauchen würden.

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13 Starts absolvierten Saturn-V-Raketen zwischen November 1967 und Mai 1973.

All das macht die Saturn V zur größten, höchsten, schwersten und effizientesten Maschine, die die Menschheit je gebaut hat. Da hält keine russische Nositel 1 mit und auch keine Falcon Heavy. Die Raketen, die heute in Betrieb sind, müssen es auch gar nicht, weil sie andere Ansprüche erfüllen sollen.

Zivile Raketen statt Vernichtungswaffen

Allen voran der Ingenieur Wernher von Braun hat die Rakete der Superlative erdacht und gebaut. Eine umstrittene Figur: Während des Zweiten Weltkriegs hatte von Braun laut offizieller Version für die Nationalsozialisten jene V2-Raketen entwickelt, welche den Krieg doch noch zugunsten der Deutschen entscheiden sollten. Es kam anders. Zwei Jahre nachdem Deutschland die erste von mehr als 1.000 Raketen auf europäische Städte gefeuert hat, brachte die amerikanische Regierung von Braun samt Kollegen nach Kriegsende als Experten in die USA, damit er neue Pläne entwickeln und den USA so zum Vorteil gegenüber anderen Nationen verhelfen konnte. Was mit den V2 als Kriegswaffen begann, endete so mit den prachtvollen Raketen vom Typ Saturn V für bemannte Reisen ins All.

Es war unter anderem von Braun, der Ende 1957 betonte: Er sei "stark davon überzeugt", dass die USA in "tödlicher Gefahr" seien, wenn die Russen zuerst Kontrolle über den Weltraum erlangten. Diese hatten im Oktober als erste Nation einen Satelliten erfolgreich um die Erde kreisen lassen. Von Braun schlug vor, eine Nationale Raumfahrtagentur und ein Raumfahrtprogramm aufzubauen, das die Menschheit dauerhaft ins All bringen sollte. Er wollte eine Raumstation, die die Erde umkreist, er wollte zum Mond und weiter hinaus.

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1.730 Kilometer von der Erde entfernt sollte ein Weltraumhafen entstehen.

"Die Saturn V war die erste zivile Rakete der Welt und sie war perfekt für ihre Mission", sagt der Raketenforscher Ralf Hupertz vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Alle vorherigen Typen stammten aus dem militärischen Bereich und seien zweckentfremdet worden: "Die Redstone und Atlas für Mercury, die Titan 2 für das Gemini-Projekt." Die Saturn V aber diente nur einem Zweck: Amerikaner zum Mond zu bringen.

Dafür sei sie ideal konzipiert gewesen, "weil sie in der ersten Stufe Kerosin verbrannte und in den oberen zwei Stufen Wasserstoff, hatte der Koloss den zunächst notwendigen hohen Schub beim senkrechten Abheben, um sich von der Erde zu lösen. Zwar gab es gemessen an der Masse nur einen sehr geringen Schubüberschuss, aber man konnte dennoch auf Zusatzbooster verzichten", erklärt Hupertz. "In den späteren waagerechten Flugphasen sorgte der Wasserstoff als Brennstoff dann für den optimalen hohen spezifischen Impuls, um das Raumschiff in die Parkbahn um die Erde und schließlich zum Mond zu befördern." Doch was die Saturn V zu leisten vermochte, sei mit Apollo 17 ausgereizt gewesen, sagt Hupertz.

Andere halten die Rakete rückblickend für vollkommen überdimensioniert. Warum Wernher von Braun gleich ein Ungetüm schuf? Ihr Erbauer habe nicht nur zum Mond gewollt, sagen Beobachter. "Er wollte zum Mars", sagt etwa der Buchautor Stephen Petranek in dem Film Mars – Inside SpaceX. Letzteres zumindest stimmt.

Bereits 1948 hatte von Braun sein Buch Das Marsprojekt veröffentlicht. In dem Werk beschreibt er eine Expedition von 70 Menschen zum Roten Planeten: Um zum Mars zu fliegen, brauche es zunächst eine Art Weltraumhafen 1.730 Kilometer von der Erde entfernt. Dreistufige Raumschiffe würden dorthin den nötigen Treibstoff, das Equipment und die Crews bringen. Insgesamt 64 solcher Transportraumschiffe seien nötig, jedes mit einem Gewicht von zirka 6.400 Tonnen. "Als guter Ingenieur stellt von Braun seine Berechnungen in Gänze vor", hieß es Jahre später dazu in einem Artikel der New York Times. Nie zuvor hatte es eine vergleichbare Veröffentlichung gegeben. Noch immer gilt das Buch als ein äußerst einflussreiches Werk für die Geschichte der bemannten Marsmission.

Heute gibt es eine Internationale Raumstation, welche die Erde in rund 400 Kilometern Höhe umkreist, weitere Modelle sind in Planung. Zum Mond soll die Menschheit im Jahr 2024 erneut. Das zumindest wünschen sich der amerikanische Präsident und sein Vize. Bestenfalls gelingt das mit einer Rakete, die alle Rekorde bricht und mit der sich nicht nur zum Mond, sondern auch zum Mars fliegen lässt. Bis dahin jedoch bleibt die Saturn V die unangefochtene Nummer 1.