Es ist ein Montagnachmittag im Mai, als sich in Berlin-Mitte eine ungewöhnliche Szene abspielt: Eine Pfarrerin, ein Pfarrer und ein Rabbiner schreiten über den Dorotheenstädtischen Friedhof, gefolgt von einer Traube von Menschen in schwarzer Kleidung. Ganz vorn geht ein Mitarbeiter des Friedhofs, in den Händen eine Kiste aus Eichenholz. Ein Gebet wird gesprochen, die Kiste wird in die Erde gelassen und mit Erde bedeckt. In ihr befinden sich mehr als 300 auf Glasplatten konservierte Gewebepräparate. Überreste von Opfern schwerer Verbrechen im Nationalsozialismus.

Die Beisetzung ist das vorläufige Ende einer ungeheuerlichen Unrechtsgeschichte. Denn die Gewebeschnitte stammen aus den Organen von Menschen, die zwischen 1933 und 1945 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee ermordet wurden. Nicht nur wurden diese Menschen in den meisten Fällen durch linientreue "Volksgerichte" oder Sondergerichte der nationalsozialistischen Justiz verurteilt und später umgebracht. Im Anschluss an ihre Hinrichtung wurden ihr Körper auch noch zum Anatomischen Institut der Berliner Charité gebracht. Viele wurden dort vom leitenden Anatomen, einem Mann namens Hermann Stieve, seziert. Er nutzte die toten Körper, um Gewebeproben zu gewinnen, die der Forschung dienen sollten. Mehr als 300 solcher Präparate fand ein Enkel Stieves im Jahr 2016 und übergab sie der Charité, wo sie historisch untersucht wurden. Im Mai 2019 wurden die Überreste der Menschen, deren Körper ohne Einwilligung, ohne das Wissen Angehöriger und ohne Rechtsgrundlage zu Forschungszwecken missbraucht wurden, endlich bestattet. Mehr als 70 Jahre nach Kriegsende. Eine sehr lange Zeit.

Der Anatom Hermann Stieve – Dienstleister der Unrechtsjustiz

Die Bestattung und die Trauerfeier hat Johannes Tuchel organisiert, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Für ihn ist die Beisetzung, von der er in seinem geräumigen Büro Bilder zeigt, das Ende einer langen Geschichte. "Ich habe seit 30 Jahren mit Menschen zu tun, deren Väter und Mütter in Plötzensee ermordet wurden. In den letzten Jahren haben wir herausgefunden, was danach mit ihnen geschehen ist." Mehr als 2.800 Widerständler, Kriegsdienstverweigerer und wegen geringfügiger Delikte verurteilte Männer und Frauen wurden in Plötzensee durch das Fallbeil oder den Strang hingerichtet. Einige der Körper hat Hermann Stieve untersucht und ihnen Gewebeproben entnommen. Es waren vor allem Frauen, denn Stieve forschte zu Fortpflanzungsorganen und dem weiblichen Zyklus.

Andere Körper wurden ohne weitere Untersuchungen von der Anatomie-Abteilung in das Krematorium in Berlin-Wilmersdorf gebracht und dort verbrannt. Dann ging ihre Asche zurück in die Anatomie und von dort auf den Parkfriedhof Marzahn, wo die Urnen – nur mit einer Nummer versehen – beigesetzt wurden. Das, sagt Tuchel, sei geschehen, um Spuren zu verwischen. Stieve war daran beteiligt, indem er sich bereit erklärte, niemandem zu erzählen, wo die Leichname landeten. Indem es verschleierte, wo die Toten wirklich beigesetzt worden waren, wollte das Reichsjustizministerium verhindern, dass die Hingerichteten an ihren Grabstätten als Märtyrer verehrt werden können. "Stieve hat eng mit dem Reichsjustizministerium zusammengearbeitet – enger, als er gemusst hätte", sagt Tuchel. Auf seinem Tisch liegt ein frisch gedrucktes Buch. Hinrichtungen im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee 1933 bis 1945 und der Anatom Hermann Stieve heißt der Titel, der Autor ist Tuchel selbst.           

Dass Stieve mit seinem Handeln während der Zeit des Nationalsozialismus eher die Regel als eine Ausnahme gewesen ist, weiß die Medizingeschichte seit Langem. Viele Ärzte begrüßten die Machtergreifung der Nazis. "45 Prozent der Ärzte im Dritten Reich waren Mitglied der NSDAP – mehr als in jeder anderen Berufsgruppe", sagt Dominik Groß, Leiter des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Uniklinik in Aachen. "Viele Ärzte waren an den Tötungen von psychisch Kranken beteiligt, an Zwangssterilisationen, und haben die Rassenhygiene propagiert." Dennoch hat eine ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Themengebiet lange auf sich warten lassen.

Erste Forschungen wurden zwar in den 1980er-Jahren von Medizinstudierenden, Historikerinnen und Journalisten angestoßen. Bis aber wichtige medizinische Vereinigungen, wie die Fachgesellschaften und die Bundesärztekammer, aus eigenem Antrieb begannen, ihre Geschichte und ihr Verhältnis zum NS-Staat aufzubereiten, vergingen weitere 20 Jahre. Den Anfang machte 2009 die Psychiatrische Fachgesellschaft. Andere Verbände zogen nach. Die Aufarbeitungsprojekte drehten sich einerseits um die Geschichten derer, die sich dem Nationalsozialismus angedient hatten, etwa indem sie fragwürdige Experimente an Menschen durchführten. Andererseits nahmen sie die Opfer in den Blick und die Ärzte, die verfolgt wurden oder von ihren Positionen verdrängt.