"Todesfabrik", "Industrieller Massenmord": Meist werden diese Metaphern und Bilder verwendet, um den Holocaust zu beschreiben. Oft wird dieser mit Auschwitz und Konzentrationslagern gleichgesetzt, auch wenn die meisten Opfer nie in einem KZ waren. Der Historiker Frank Bajohr plädiert für eine Erinnerung ohne Klischees und blickt auf die vielen vergessenen Tatorte des Holocaust, wo Täter ihre Opfer von Angesicht zu Angesicht ermordeten.

Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945, befreiten sowjetische Truppen rund 8.000 Überlebende des bereits größtenteils geräumten Lagerkomplexes Auschwitz. Im Jahre 2005 erhob die Generalversammlung der Vereinten Nationen diesen 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens für die Opfer des Holocausts.

Seit Langem ist der Ort Auschwitz zum Symbol, ja zum Synonym für den Massenmord an den europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg geworden. In diesem Sinne wird das Lager auch als entsprechende Metapher im politischen Diskurs verwendet. So bekannte Bundesaußenminister Heiko Maas nach seinem Amtsantritt, "wegen Auschwitz" in die Politik gegangen zu sein; einer seiner Amtsvorgänger, Joschka Fischer, hatte 1999 die deutsche Beteiligung am Nato-Einsatz im Kosovo unter anderem mit Auschwitz gerechtfertigt.

Für die Synonymität von Auschwitz und Holocaust gibt es durchaus plausible Gründe: An keinem Ort kamen mehr jüdische Opfer ums Leben, insgesamt rund eine Million Menschen, die nach Auschwitz deportiert und in den Gaskammern ermordet wurden. Diese Frauen, Männer und Kinder stammten zudem aus nahezu sämtlichen europäischen Ländern, sodass kein anderer Ort das europaweite Mordgeschehen in ähnlicher Weise symbolisiert.

Allerdings hat die Gleichsetzung von Auschwitz mit dem Holocaust für die Wahrnehmung des Massenmordes weitreichende Folgen: In der Öffentlichkeit dominiert bis heute das Bild einer industriellen und fabrikmäßigen Maschinerie des Tötens, eines von oben gesteuerten Systems, bürokratisch exekutiert von angeblichen Schreibtischtätern im Reichssicherheitshauptamt wie Adolf Eichmann. Die Sozialphilosophin Hannah Arendt hatte deshalb sogar von einem "Verwaltungsmassenmord" gesprochen.

Dem entspricht die Vorstellung eines mechanischen, anonymen, fast klinischen Tötungsvorgangs in den Gaskammern, durchgeführt von wenigen Tätern und ohne unmittelbare Konfrontation zwischen Mordenden und Ermordeten. Da vor allem jüdische Sonderkommandos die Leichen beseitigten und verbrannten, kann bisweilen sogar der Eindruck entstehen, die Opfer seien während dieses Massenmordes weitgehend unter sich geblieben. Nur wenig bekannt ist jedoch, dass allein in Auschwitz insgesamt knapp zehntausend SS-Wachmänner ihren Dienst verrichteten und dort eingesetzt waren, um den ausgedehnten Lagerkomplex zu bewachen.

Die Gleichsetzung von Auschwitz und Holocaust hat überdies dazu beigetragen, dass der Massenmord an den europäischen Juden vor allem mit Konzentrationslagern assoziiert wird. So definierte beispielsweise die Tageszeitung Die Welt den Holocaust als "millionenfachen Mord von Juden in Konzentrationslagern", der eine "historische Tatsache" sei. In Wirklichkeit hatte jedoch die große Mehrheit der Holocaust-Opfer nie ein Konzentrationslager von innen gesehen: Nicht die rund zwei Millionen Jüdinnen und Juden – vor allem aus Osteuropa – die bei Massenerschießungen hingerichtet wurden; nicht die mindestens 1,3 Millionen Menschen, die in Bełżec, Treblinka und Sobibór ermordet wurden, den Vernichtungsstätten der Aktion Reinhardt; nicht einmal das Gros der nach Auschwitz Deportierten, die gar nicht erst im Lager registriert, sondern unmittelbar nach der Ankunft in die Gaskammern getrieben worden waren. Die berüchtigte Inschrift "Arbeit macht frei" hatten sie nicht zu Gesicht bekommen.

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Die historische Forschung hat deshalb ihren Fokus schon seit Längerem auf die Tausenden von Tatorten des Holocaust jenseits von Auschwitz gerichtet, vor allem nach 1989, als viele der osteuropäischen Archive der Forschung zum ersten Mal offenstanden.

In Osteuropa waren rund zwei Millionen Juden von Einsatzgruppen, Polizeibataillonen und Einheiten der Waffen-SS und der Wehrmacht erschossen worden, meist unter Mithilfe einheimischer Mordschützen, vor allem von Balten und Ukrainern. Hier standen sich Täter und Opfer, unter denen ältere Menschen, Frauen und Kinder überproportional vertreten waren, von Angesicht zu Angesicht gegenüber. In einzelnen Fällen kam es sogar vor, dass Täter und Opfer einander kannten – so bei einem Massaker am 24. Juni 1941 im litauischen Gargždai, als ein jüdischer Mann unter den Schützen seinen ehemaligen Nachbarn, einen Polizisten aus dem Memelland, erkannte und ihm ein "Gustav, schieß gut!" zurief. 

Es war kein anonymes Morden

Meist wateten die Täter buchstäblich im Blut ihrer Opfer, waren ihre Uniformen vom Blut und der Hirnmasse der Getöteten bespritzt. Von einer Anonymität des Mordens konnte keine Rede sein, fanden die Exekutionen doch oft in aller Öffentlichkeit statt. Hier war keine bürokratische Maschinerie am Werk, hier regierten eher Chaos und Improvisation. Die Entscheidungen für die einzelnen Mordaktionen fielen meist nicht zentral in Berlin, sondern wurden an der Peripherie vor Ort getroffen von örtlichen und regionalen Verantwortlichen. Zahlreiche Personen und Institutionen waren am Morden mittelbar und unmittelbar beteiligt: Inzwischen gehen Historikerinnen und Historiker von 200.000 bis 250.000 allein deutschen und österreichischen Tätern aus.

Nur wenige der zahlreichen Tatorte sind einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden. Dazu zählt vor allem Babyn Jar am Stadtrand von Kiew, wo Ende September 1941 nach vorheriger Absprache zwischen Wehrmacht und SS mehr als 33.000 Männer und Frauen erschossen worden waren. Andere Orte des Massenmordes wie  Paneriai (Litauen), Kamjanez-Podilskyj (Ukraine) oder Maly Traszjanez (Belarus), wo ebenfalls Zehntausende Opfer auf gleiche Weise ums Leben kamen, kennen nur noch Spezialisten der Holocaust-Geschichte. Diese und andere Ortsnamen stehen überdies für eine komplexe Gewaltlandschaft im Osten, eng verzahnt mit dem deutschen Vernichtungskrieg in Osteuropa, der nicht nur sechs Millionen jüdische, sondern auch eine gleich große Zahl nichtjüdischer Getöteter forderte.