Vor 75 Jahren, im Februar 1945 warfen britische und amerikanische Alliierte des Zweiten Weltkriegs Bomben auf Dresden. Berühmte Bauten wie Zwinger, Schloss und Frauenkirche brannten völlig aus, die Altstadt wurde fast vollständig zerstört, bis zu 25.000 Menschen starben. In Dresden erinnert man sich jedes Jahr an die Zerstörung der Stadt und den Tod Tausender Menschen. Die Erinnerung wird bis heute von unterschiedlichen Gruppen für die eigenen Zwecke benutzt – und ist noch immer ein Politikum, sagt der Historiker Henning Fischer.

ZEIT ONLINE: Herr Fischer, was ist am 13. Februar 1945 passiert?

Henning Fischer: An dem Tag und den beiden Folgetagen passierte unter anderem das, was als sogenannter Feuersturm berühmt wurde. Es war das sechste Jahr des Zweiten Weltkriegs, den das Deutsche Reich begonnen hatte. Und in dieser letzten Phase des Krieges wurde Dresden, eine normale Stadt im Nationalsozialismus, zum Ziel der Luftangriffe der Alliierten. Zwischen 18.000 und 25.000 Menschen starben – und insbesondere darüber wird bis heute gestritten.

ZEIT ONLINE: Zuletzt bezweifelte etwa der AfD-Bundesvorsitzende Tino Chrupalla diese Zahl und stellte damit etablierte Erkenntnisse infrage. Warum?

Fischer: In dieser Zahl steckt die Symbolik des Todes. Direkt nach den Angriffen 1945 begannen die Nationalsozialisten, das Ereignis entsprechend zu nutzen. Und je höher die Zahlen, die man zirkulieren lassen kann, desto eindrücklicher wird das Grauen. Es brach ein Wettkampf der schrecklichen Kriegsereignisse aus. Wächst die Zahl derjenigen, die das Verbrechen betroffen hat – also hier die Menschen in Dresden –, werden sie alle zu größeren Opfern. Der Vorsitzende der Historikerkommission Rolf-Dieter Müller hat als Reaktion auf Chrupalla kürzlich detailliert erklärt, was in Dresden passiert ist und wie damit Politik gemacht wird.

Dresden - "Es waren die schrecklichsten Stunden meines Lebens“ Nora Lang war 13, als sie sich im Keller vor den Bomben der Alliierten versteckte. Zum 75. Jahrestag der Angriffe auf Dresden schildert die 88-Jährige ihre Erinnerungen. © Foto: Gett

ZEIT ONLINE: Der Angriff auf Dresden war nicht der einzige auf ein Stadtzentrum oder eine Zivilgesellschaft. Auch andere Städte, etwa Hamburg, Pforzheim oder Würzburg wurden teils schwer zerstört, ebenfalls in den letzten Kriegswochen. Was ist das Besondere an der Zerstörung von Dresden, sodass sie bis heute immer wieder derart aufgegriffen wird?

Fischer: Singulär ist nicht das Ereignis. Sondern seine Erinnerungsgeschichte. Es geht nicht darum, kleinzureden, dass die Luftangriffe schreckliche Folgen hatten. Von Hamburg wissen wir etwa, dass 10.000 Menschen mehr getötet wurden. Trotzdem spielt das in Deutschland, im Osten und im Westen, und im Ausland eine wesentlich kleinere Rolle. 

ZEIT ONLINE: Was ist passiert?

Fischer: Die Ereignisse von Dresden wurden immer wieder propagandistisch genutzt. Und das traf in ganz verschiedenen Phasen auf fruchtbaren Boden. Im Kalten Krieg etwa hat man die Erzählung der Angriffe in der DDR genutzt, um eine politische Front gegen die Westalliierten aufzubauen. Sie haben eine derartige symbolische Kraft bekommen, sind ein Teil der Lebensgeschichten in Dresden und der Stadtöffentlichkeit geworden wie sonst nirgendwo in Deutschland.

Es ist wichtig, den Angriff als Reaktion auf den deutschen Vernichtungskrieg zu verstehen. Der bestand aus einer endlosen Reihe von Kriegsverbrechen, und es gab keine Absicht, zu kapitulieren.
Henning Fischer, Historiker

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet Dresden und Hamburg also?

Fischer: Die Zahl der Toten in Dresden wurde nach oben verändert und der Unterschied liegt im Kern der Nazipropaganda: Es sei eine unschuldige Kunst- und Kulturstadt zerstört worden. Die Dresdner Opfererzählung sagt, dass hier aus purer Rache gehandelt wurde, Dresden keinen militärischen Zweck gehabt habe, keine Verwaltung und keine Infrastruktur, die man hätte zerstören müssen. Nur ist das historisch falsch. Die Stadt war einer der letzten Infrastrukturpunkte des Deutschen Reiches, sie spielte eine Rolle für die Ostfront, da Bahnverbindungen hinter die Front führten. Diese historischen Fakten zu kennen ist entscheidend dafür, um zu verhindern, dass diese Legenden erzählt und weitererzählt werden.

ZEIT ONLINE: Auch richtig ist, dass der Angriff im vollen Bewusstsein geschah, dass ein Flächenbombardement zivile Ziele und eine große Zahl an Flüchtlingen treffen würde. Waren die Luftangriffe auf Dresden ein Kriegsverbrechen?

Fischer: Damit hat sich etwa der britische Historiker und Spezialist für den Zweiten Weltkrieg Richard Overy beschäftigt. Er sagt, dass der Angriff barbarisch war, aber strategisch sinnvoll. Es ist wichtig, den Angriff als Reaktion auf den deutschen Vernichtungskrieg zu verstehen. Der bestand aus einer endlosen Reihe von Kriegsverbrechen, und es gab keine Absicht, zu kapitulieren. Um die Dimensionen zu begreifen: Der Luftangriff auf Dresden tötete etwa so viele Menschen wie allein durch die Herstellung der V-Waffen, der "Vergeltungswaffen" der deutschen Wehrmacht, starben. Darunter viele Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge.