Die Kritik kommt aus den eigenen Reihen. Immer mehr niedergelassene Mediziner, so klagt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), lassen sich von der Pharmaindustrie für Arzneistudien an ihren Patienten bezahlen. Allein im vergangenen Jahr wurden in deutschen Arztpraxen 85.000 sogenannte Anwendungsbeobachtungen registriert. Die Zahl der verwendeten Präparate lag bei 235, die der Studienteilnehmer stieg um fast fünf Prozent. Diese Entwicklung sei besorgniserregend, heißt es bei der KBV, viele dieser Studien dienten offenbar allein dem Ziel der Verkaufsförderung.

Es handle sich um "das meistverbreitete Marketinginstrument der Industrie", sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Tagesspiegel. Die gut honorierten Studien seien nichts anderes als eine "legale Form der Korruption". Wenn Mediziner die Verschreibung bestimmter Arznei honoriert bekämen, bevorzugten sie diese natürlich gegenüber gleichwertigen anderen Mitteln – "und womöglich sogar dann, wenn sie sich für den Patienten leicht nachteilig auswirken".

Das Ziel einer schnelleren Umsatzsteigerung ist sicher nicht von der Hand zu weisen
Carl-Heinz Müller, KBV-Vorstand

In abgeschwächter Form erheben diesen Vorwurf auch die Arzt-Funktionäre. "Das Ziel einer schnelleren Umsatzsteigerung ist sicher nicht von der Hand zu weisen", sagte KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller der FAZ. Aus wissenschaftlicher Sicht sei wohl jede zweite Anwendungsstudie überflüssig. Den Herstellern aber bringen sie Umsatz. Und den Ärzten Geld: Bis zu 1000 Euro Aufwandsentschädigung erhalten sie pro Beobachtung, im Schnitt sind es 190 Euro. Auf diese Weise könnten Mediziner "pro Jahr leicht 20.000 bis 30.000 Euro zusätzlich generieren", so Lauterbach. Als Arbeitsleistung werde von ihnen "oft nur verlangt, ein Din-A4-Formular auszufüllen und es aufs Fax zu legen".

Nach KBV-Schätzungen hat sich 2008 jeder vierte Kassenarzt an einer oder mehreren solcher Studien beteiligt. Genaueres weiß man nicht, denn der Abgleich ist schwierig. Zwar muss die Industrie die Studien und deren Teilnehmer gemäß Arzneimittelgesetz neuerdings "unverzüglich anzeigen". Häufig aber, so sagt KBV-Sprecher Roland Stahl, seien die Angaben unvollständig. Und die Ergebnisse behalten die Pharmafirmen auch für sich. Beobachtet haben die Funktionäre nur, dass auffällig viele teure Mittel für chronisch Kranke zum Zuge kommen.