Die Ständige Impfkommission am Robert-Koch-Institut sah eine klare Rangfolge vor: Die Warnung der Weltgesundheitsorganisation vor einer Pandemie im Ohr, würde sich das deutsche Volk in Massen gegen die so genannte Schweinegrippe impfen lassen. Feuerwehrleute, Polizisten und das Personal des Gesundheitssektors sollten als Vorbilder vorangehen, dann chronisch Kranke, Schwangere und ab Mitte November schließlich die breite Masse folgen. Durch je zwei Dosen von 0,5 Milliliter eines eiligst entwickelten High-Tech-Wirkstoffs entsprechend immunisiert, könnten die Deutschen der drohenden Schweinegrippe-Pandemie widerstehen.

Doch schon der in Ministerien und Amtsstuben erdachte Plan hat unbekannte Nebenwirkungen. Es sieht danach aus, dass eine Vielzahl der von den Bundesländern georderten 50 Millionen Impfdosen in den Kühlschränken der Gesundheitsbehörden verdirbt, statt in den Oberarmen von Impfwilligen zu landen. Zudem überschattet ein Streit um die Kosten des schützenden Stichs die Vorbereitung der Impfkampagne. 

In Berlin eskalierte der Konflikt: Die Kassenärztliche Vereinigung kündigte dem Land die Zusammenarbeit auf. Der Stab von Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) muss seither im Alleingang Praxen ausfindig machen, die bereit sind, Impfungen durchzuführen – was schwer werden dürfte. Denn niedergelassene Mediziner sind auch Unternehmer und müssen Geld verdienen. Gewinn macht aus deren Sicht aber vor allem der Hersteller des Impfstoffes Pandemrix, Glaxo-Smith-Kline. Für seine Arbeit dürfte Europas größter Arzneimittelkonzern den Ländern geschätzte 400 Millionen Euro berechnen – egal, ob geimpft wird oder nicht.

Im Berliner Stadtteil Friedrichshain arbeitet Angelika Prehn, Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Berlins. Würde die Allgemeinmedizinerin ihre Patienten auch gegen H1N1 impfen, wäre eine lange Liste abzuarbeiten: die Impfstoffbestellung, das Lagern im Kühlschrank sicherzustellen (2 bis 8 Grad Celsius laut Vorschrift), das Mischen des Zweikomponenten-Impfstoffes, die Aufklärung der Patienten durch die Sprechstundenhilfen. Eine Einverständniserklärung ist auszufüllen, jede Impfung schriftlich zu dokumentieren und schließlich in Listenform abzurechnen – auch nicht verbrauchter Impfstoff ist dabei anzugeben.

Im Prinzip ist das ein Verlustgeschäft.
Ärztin Angelika Prehn über die Schweinegrippe-Impfung

Für ärztlichen Unmut sorgt unter anderem, dass die föderale Struktur Deutschlands zu unterschiedlichen Vergütungssätzen führte. In Berlin gibt es 5,50 Euro für das Verabreichen der ersten Dosis gegen "pandemische Influenza H1N1v" und wenige Wochen später 4,50 Euro für die zweite. Das decke keineswegs den Aufwand, beklagt Prehn. "Im Prinzip ist das ein Verlustgeschäft", sagt sie. Hessische Ärzte handelten dagegen 6,50 Euro aus. Das Honorar für die Immunisierung gegen die saisonale Grippe fällt mit 7,10 Euro noch üppiger aus – dabei ist diese Einfachimpfung ein Routinevorgang.

Für die Schweinegrippe-Kampagne legte der Bund mit den Kassen ein Budget von 28 Euro pro Patient fest. Wie Berlins Gesundheitssenatorin Lompscher einräumt, kassiert davon 16,66 Euro der Hersteller, was den Spielraum für das Ärztehonorar stark einschränkt. Die Gesundheitsminister der Länder hätten den Impfstoffpreis schlecht verhandelt, kritisiert Prehn und führt die Schweiz an, die den Immunisierer für mehr als ein Drittel weniger eingekauft habe.