Nein, sie schämt sich nicht. Warum sollte sie auch? Es ist, wie es ist. Heike Schumacher* ist froh, dass sie sich nicht in Selbstvorwürfen zerfleischt, das würde auch nichts nützen. Stattdessen kämpft sie, hat sich ihren Lebensmut nicht nehmen lassen. Jetzt, da es ihr wieder besser geht, ist sie "nicht optimistischer als der Durchschnittsmensch". Aber als es hart auf hart kam, als sie nicht wusste, wie viel Zeit ihr noch zum Leben bleiben würde, als die Ärzte ihr höchstens noch ein Jahr gaben, da bejahte sie ihr Leben. Sie dachte: Jetzt erst recht.

Heike Schumacher ist 45. Die Diagnose: HIV-positiv. Mit 28 Jahren hatte sie den Test machen lassen; mehr aus Routine, denn aus Sorge: "Ich hab' doch sowieso nichts", dachte sie. Dann kam das Ergebnis. Und das Blutbild zeigte, dass sie sich schon vor einigen Jahren bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr angesteckt haben musste. Wann genau und bei wem, weiß sie nicht.

Ein Jahr ging es ihr noch gut. Das lebte sie auf der Überholspur: Gönnte sich keinen Schlaf, weil schlafen vergeudete Zeit war. Hing nicht mehr vor dem Fernseher ab, vergammelte keinen Sonntag mehr. Sie wurde hyperaktiv und offensiv. Zum Beispiel bei dem Mann, den sie kennen lernte. Sie sprach ihn einfach an, ohne darüber nachzudenken. Früher hätte sie sich das nicht getraut. Ihr neues Lebensmotto wurde: Was kostet die Welt? Ich nehm' sie mir! Weil sie wusste, sie würde nicht ewig Zeit haben.

Dann, ein Jahr nach der Diagnose, kamen die ersten Krankheiten: Durchfall, der nicht mehr aufhörte, 20 Kilogramm nahm sie in einem halben Jahr ab. Sie bekam NRT-Hemmer, Medikamente die die Viren daran hindern, sich in die Zellen einzuschleusen und sich so zu vermehren. Doch der Erfolg dieses Mittels ist begrenzt – irgendwann wird das Aids-Virus resistent dagegen.

Als Nebenwirkungen auf die HIV-Medikamente gingen Heike Schumachers Blutwerte in den Keller. Weil das Immunsystem geschwächt war, folgten Lungen- und Bauchspeicheldrüsenentzündungen, in Folge eines weiteren Virus erblindete sie auf dem rechten Auge. Schließlich wurde sie so schwach, dass sie nur noch zwischen dem Krankenhaus und ihrem Bett zu Hause pendelte, ständig Infusionen brauchte. Sie wog 35 Kilogramm.