Die unter dem Namen "Schweinegrippe" bekannt gewordene H1N1-Grippe ist in Russland ein Thema unter vielen – neben der Einführung der Militärpolizei, der auf neun Prozent gestiegenen Arbeitslosigkeit und dem Polizeimajor aus Noworossijsk, der öffentlich in einem Videoblog seine Vorgesetzten getürkter Fälle für eine bessere Aufklärungsstatistik beschuldigt.

Von Hysterie ist nur wenig zu spüren. Dass viele Schulen für eine zusätzliche Herbstferienwoche geschlossen bleiben und Universitäten in manchen östlichen Landesteilen in Zwangsferien gehen, freut die Kinder und Studenten. Angst kommt kaum auf. Zumal das Gesundheitsministerium an Journalisten die unzweideutige Anweisung ausgibt: Keine Panik säen!

Tatsächlich liegt nach offizieller Verlautbarung die Erkrankungsrate bei Atemwegserkrankungen und Grippe landesweit nicht höher als in früheren Jahren. Bisher sind in Russland 25 Menschen an Schweinegrippe gestorben. Zu den letzten Todesfällen zählen eine 32-jährige Moskauerin, bei der die Krankheit nach der Geburt ihres Kindes im Krankenhaus ausbrach, und eine Schülerin. Die Gesamtzahl der bestätigten Schweinegrippefälle beläuft sich auf 4560.

Viele Russen begegnen der Influenza mit einem Gleichmut, der auf der Mischung aus Desinteresse, naivem Optimismus und der Grunderkenntnis beruht, dass das Leben in jedem Fall ein gefährdetes Etwas sei. Immerhin, argumentieren manche, sterben in Russland täglich 110 Menschen an Alkoholvergiftung und 93 Menschen bei Autounfällen. Das nimmt der Grippe, und sei es der "normalen", die täglich statistisch bis zu 40 Tote fordern kann, ein Stück ihrer Bedrohlichkeit.