Das waren noch paradiesische Zustände, als Gott ganz schmerzfrei eine Rippe aus Adams Körper entfernte. "Da ließ der Herr einen tiefen Schlaf fallen auf den Menschen, und er schlief ein. Und er nahm seiner Rippen eine und schloss die Stätte mit Fleisch zu", erzählt uns die Schöpfungsgeschichte des Alten Testaments.

Die erste Narkose (von griechisch "Narkos", der Schlaf) war zugleich für lange Zeit auch die letzte. Nach der Vertreibung aus dem Paradies mussten die Menschen nicht nur ihr Brot im Schweiße ihres Angesichts verdienen, sondern auch Kinder unter Schmerzen gebären. Der Körper musste aufgeschnitten werden, um eine Geschwulst zu entfernen. Ein nach einer Verletzung lebensgefährlich infiziertes Bein musste amputiert werden.

Diese Prozeduren waren so schmerzhaft, dass sie lange Zeit dem äußersten Notfall vorbehalten blieben. Neben Blutverlust und Infektionen, gegen die es noch keine Transfusionen und keine Antibiotika gab, fehlte vor allem eines: zuverlässige Abhilfe gegen den mörderischen Schmerz. Deshalb wurde, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ, meist in Windeseile operiert, während mehrere starke Männer den Kranken mit aller Kraft festhielten.

Schmerzen bei Operationen zu vermeiden, ist eine Schimäre, die man heute nicht mehr weiter verfolgen darf
Chirurg Velpeau im Jahr 1839

An Linderungsversuchen fehlte es dabei nicht. Schon in der Antike wurde aus der Alraune gewonnener Wein und pulverisierter Hanfsamen eingesetzt, früh verfiel man auch auf das Mittel der Vereisung mit Schnee und Eisstückchen. Trotzdem blieb zum Beispiel das Zähneziehen eine entsetzliche Qual. Entdeckungen des 19. Jahrhunderts änderten das nach und nach. 1806 wurde zum ersten Mal Morphin aus Opium gewonnen.

Schon früher, seit 1775, konnte man Lachgas herstellen, dessen erheiternde Wirkung auf den Jahrmärkten schnell zur Sensation wurde. Die Demonstration des Arztes Horace Wells, der das Lachgas vor Kollegen der Harvard-Universität beim Zahnziehen einsetzte, war zunächst jedoch kein voller Erfolg. "Schmerzen bei Operationen zu vermeiden, ist eine Schimäre, die man heute nicht mehr weiter verfolgen darf", urteilte der französische Chirurg Velpeau im Jahr 1839.

Auch als sein Kollege William Morton im Massachusetts General Hospital sechs Jahre später zum ersten Mal vor einer größeren Operation Äther einsetzte, blieben die europäischen Mediziner skeptisch, sogar von "Yankee-Bluff" soll die Rede gewesen sein. Der berühmte Chirurg John Warren hingegen, der dank dieser Narkose einen Hals-Tumor in Ruhe entfernen konnte, war sofort Feuer und Flamme. "Gentlemen, this is no humbug", soll er gesagt haben.

Ob die wirkungsvollen neuen Formen der Schmerzlinderung auch in der Geburtshilfe Einzug halten sollten, blieb lange umstritten. Skeptisch waren nicht zuletzt Kirchenvertreter, die den Geburtsschmerz als Preis für die Vertreibung aus dem Paradies betrachteten. Als die sittenstrenge englische Königin Viktoria sich bei der Geburt ihres achten Kindes 1853 Chloroform verabreichen ließ, wurde diese "Narcose à la reine" aber gesellschaftsfähig.