Haiti versinkt in Angst und Verzweiflung. Die Hauptstadt Port-au-Prince ist zerstört. Über eine Woche nach dem verheerenden Beben liegt der beißende Geruch des Todes in der Luft. Unter den Trümmern der Häuser, Supermärkte, Kirchen und Krankenhäuser sind noch Tausende Menschen verschüttet. Und eine Meldung taucht wieder und wieder auf: Die Gefahr von Seuchen. Eine Welle von Krankheitskeimen würde weitere Tote fordern, jetzt da die verletzten, hungernden und teils unterernährten Überlebenden um ihre letzten Kräfte ringen. Auch von der Cholera ist die Rede.

"Es hat sich bei den Menschen eingeprägt, dass Cholera etwas Unkontrollierbares sei", sagt Peter Schmitz, der Leiter des ärztlichen Dienstes beim Deutschen Entwicklungsdienst. "Den Begriff Seuche verbinden viele mit ganz archaischen Vorstellungen und mit der Pest." Es wundere ihn nicht, dass die Medien sich darauf stürzen. Doch erzeugen eben solche Berichte auch Panik unter den Überlebenden. Dabei ist Cholera längst kein medizinisches Problem mehr, sondern ein logistisches. "Wenn ich Tausende Erkrankte habe, muss ich sehen, dass die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und Nahrungsmitteln schnell sichergestellt ist." Von einer dramatischen Seuchengefahr zu sprechen, sei aber übertrieben.

Die Menschen in Haiti versuchen ihr Überleben zu sichern. Bilder aus dem Erdbebengebiet © Olivier Laban mattei/AFP/Getty Images

Eine akute Gefahr für die Menschen gehe von verunreinigtem Wasser allerdings schon aus. Es kann zu Infektionen unter anderem mit Shigellen-Bakterien kommen, die Fieber und Darmbeschwerden, schlimmstenfalls Nierenversagen auslösen können. "Das kann man Seuchen nennen, aber im Prinzip sind das  Durchfallerkrankungen, die sich rasch ausbreiten können", sagt Schmitz. Um dieses Problem in den Griff zu bekommen, sei es wichtig, eine funktionierende Wasser- und Abwasserversorgung einzurichten. "Die Zahl der Erkrankten geht sofort runter, sobald es sauberes Trinkwasser und Latrinen gibt. Das konnten wir auch nach der Tsunami-Katastrophe 2004 sehen."

Doch genau die Versorgung ist derzeit eines der größten Probleme im zerstörten Haiti. Noch immer treffen die Helfer auf mit Schutt und Geröll versperrte Straßen, viele Wege sind nicht passierbar. Zudem ist der Kontakt zu Menschen, die in Dörfern außerhalb der Hauptstadt vom Beben überrascht wurden, schwierig. Teilweise ist Hilfe nur über Hubschrauber möglich. Hier eine erste hygienische Versorgung einzurichten und den Überlebenden Trinkwasser zu bringen stellt die Hilfsorganisationen vor große Schwierigkeiten.

"In Haiti geschieht eine Katastrophe von bisher nie gekanntem Ausmaß. Und es ist die Rede von rund 200.000 Toten", sagt der Tropenmediziner und Experte für Public Health Michael Marx von Universität Heidelberg. "Und das noch dazu auf einem relativ kleinen Gebiet." Keime und Bakterien haben damit auch ein leichteres Spiel als ohnehin schon. "Immer da, wo Menschen auf engem Raum zusammengepfercht leben müssen und sie bereits geschwächt sind, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sich Infektionskrankheiten ausbreiten."