Frage: Am 24. Februar beginnt der 29. Deutsche Krebskongress in Berlin. Wenn man sich das Programm anschaut, fällt auf, dass dort die Frage nach neuen Strukturen, nach Zentren und Konzepten großen Raum einnimmt.

Wolff Schmiegel: Auf dem Kongress soll ein Zwischenbericht zum Nationalen Krebsplan gegeben werden, den das Bundesgesundheitsministerium mit der Deutschen Krebsgesellschaft und anderen erarbeitet hat. In diesem Plan werden neue, zukunftsorientierte Strukturen entwickelt. Das tun wir nicht, um die Bürokratie zu erhöhen. Es geht vielmehr darum, dass ein Krebskranker sicher sein kann, das modernste Wissen, die modernste und vor allem eine zwischen den beteiligten Fachrichtungen abgestimmte Behandlung zu bekommen.

Frage: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Schmiegel: Es gibt Tumoren, bei denen die Heilungschancen steigen, wenn sie vor der Operation mit einer Chemotherapie, einer Strahlentherapie oder einer Kombination aus beidem behandelt werden. Wir nennen das multimodale Therapie, und es setzt sich bei vielen Krebsformen immer mehr durch. Krebs ist eine facettenreiche Erkrankung. Wir wissen heute, dass bei den meisten Krebserkrankungen nicht ein einzelner Arzt die Behandlung alleine planen und durchführen kann. Das geht nur im Team.

Frage: An wen kann man sich wenden?

Schmiegel: Nach Möglichkeit an ein zertifiziertes Zentrum. Denn speziell dort kann man den Patienten eine solche abgestimmte, an Leitlinien orientierte, interdisziplinäre Therapie bieten. Wir haben in Deutschland zum Beispiel bereits eine größere Anzahl von zertifizierten Brust- und Darmzentren, die im Jahresrhythmus vom "TÜV" der Deutschen Krebsgesellschaft geprüft werden.

Frage: Ist denn bewiesen, dass die Zentren für die Behandlung wirklich etwas bringen?

Schmiegel: Neun Jahre nachdem in Nordrhein-Westfalen die ersten Brustkrebszentren eröffnet wurden, wurden vom BQS-Institut für Qualität und Patientensicherheit die Daten von Frauen verglichen, die in zertifizierten und nicht-zertifizierten Einrichtungen behandelt worden sind. Dabei kam heraus: Zertifizierte Zentren haben bessere Ergebnisse. Das Konzept, die Behandlung neu zu strukturieren, wirkt also. Die Zentren geben den Patienten die Sicherheit, von einem interdisziplinären Team nach neuestem Wissen behandelt zu werden. In diesen Einrichtungen bekommen sie alles aus einer Hand.

Frage: Trotzdem klagen viele Patienten, dass sie niemanden haben, der sie über den ganzen komplizierten Behandlungsweg hinweg begleitet. Brauchen wir dafür Lotsen?

Schmiegel: Leider haben wir sie bisher nur in wenigen Einrichtungen. Ein Webfehler des Systems ist, dass kein Geld für Betreuer da ist, die eigens dafür eingestellt werden, dass sie die Patienten innerhalb des Zentrums von Etappe zu Etappe begleiten. Wir sind darauf angewiesen, dass der Patient von einer Behandlung zur nächsten vermittelt wird und das auch wie aus einer Hand erfährt. Im Moment übernehmen oft engagierte Pflege- oder Dokumentationskräfte einen Teil dieser Begleitung. Im Nationalen Krebsplan geht es auch um die Stärkung der Patienteninteressen in diesem Punkt.