In Claudia Pechsteins Blut wurde bei mehreren Untersuchungen in den Jahren 2000 bis 2009 eine erhöhte Anzahl an jungen roten Blutkörperchen (Retikulozyten) nachgewiesen. Warum war das für den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) Beweis genug, dass die Eisschnellläuferin gedopt haben soll?

Eine erhöhte Anzahl dieser frisch gebildeten roten Blutzellen kann ein Hinweis darauf sein, dass die Blutbildung durch Dopingmittel, wie Erythropoetin (Epo) oder andere Substanzen künstlich angeregt wurde. Da diese Blutzellen dafür zuständig sind, Sauerstoff aus den Lungen zu den Organen zu transportieren, wirken solche Mittel leistungssteigernd. Erhöht sich die Sauerstoffkapazität im Blut, können die Organe besser versorgt werden, die Ausdauer nimmt zu.

Kann eine erhöhte Retikulozyten-Konzentration im Blut auch ein Indiz für die seltene Kugelzellenanämie – auch Hereditäre Sphärozytose genannt – sein?

Ja. Bei dieser erblich bedingten Anomalie sind die Wände der roten Blutzellen (Erythrozyten) defekt, sodass sie Wasser verlieren. Die Zellen verschrumpeln und nehmen eine für die Erkrankung typische Kugelform an. Da diese defekten Zellen von der Milz vermehrt abgebaut werden, bildet der Körper entsprechend viele neue rote Blutzellen, die dann in der Vorstufe als Retikulozyten nachweisbar sind. Patienten mit voll ausgeprägter Kugelzellenanämie könnten allerdings kaum Leistungssport betreiben. Bei ihnen entsteht ein Mangel an gesunden ausgereiften Erythrozyten, sodass die Organe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Claudia Pechstein hat solche Symptome allerdings nicht. Mediziner um Gerhard Ehninger von der Deutschen Gesellschaft für Hämatologe und Onkologie (DGHO) gehen bei der Eisschnellläuferin von einer leichten Form aus, die sich nur im Blutbild zeigt, aber körperlich kaum Auswirkungen hat.

Seit dem ersten Doping-Verdacht wurde Claudia Pechsteins Blutbild von zahlreichen Experten unter die Lupe genommen. Einige äußerten von Anfang an den Verdacht, die Eisschnellläuferin sei möglicherweise von der seltenen Kugelzellenanämie betroffen. Warum entlastete das die Sportlerin nicht vorm Internationalen Sportgerichtshof?

Claudia Pechstein wurde zunächst am Universitätsklinikum Ulm auf Kugelzellenanämie untersucht. Dort wurde eine Reihe von Standardtests durchgeführt, die kein Ergebnis brachten. Eine klare Diagnose der erblichen Blutzellen-Anomalie gab es also nicht, als das Gericht die Zweijahres-Sperre der Sportlerin bestätigte.

Warum sind die Mediziner um den DGHO-Vorsitzenden Gerhard Ehninger jetzt der Ansicht, die Diagnose stellen zu können?

Winfried Gassmann, Hämatologe am Marienkrankenhaus in Siegen, fiel zum Beispiel der besonders hohe MCHC-Wert bei Pechstein auf. Dieser bestimmt die Menge an Hämoglobin im Verhältnis zur Masse der roten Blutkörperchen. Ein derart erhöhter Wert lasse auf krankhaft veränderte Erythrozyten schließen, sagt Gassmann. "Doping mit Substanzen, die die Blutbildung stimulieren, wie zum Beispiel Epo, würden das Gegenteil bewirken." Gestützt wird die Diagnose auch dank zwei neuer Untersuchungsmethoden. Sie wurden erst im vergangenen Jahr von dem belgischen Forscher François Mullier auf einem Kongress in Istanbul vorgestellt. "Als ich die Blutproben von Claudia Pechstein damit untersuchte, wusste ich sofort, dass sie eine Kugelzellenanämie hat", sagt der Oberarzt an der Berliner Charité, Andreas Weiman, ZEIT ONLINE.

Weimann hatte die neuen bislang nicht veröffentlichten Diagnosemethoden an der Charité etabliert. "Die Tests ergaben auch eindeutig, dass Claudia Pechstein die Kugelzellenanämie von ihrem Vater geerbt hat", erklärt Weimann. Vater und Tochter hätten aber eine so leichte Form der Erkrankung, dass keine körperlichen Beschwerden auftreten. Die Ärzte sprechen deshalb im Fall der Eisschnellläuferin auch lieber von einer Kugelzellenanomalie statt von einer echten Anämie, die mit Blutarmut und entsprechenden Beschwerden einhergehen würde.