Schwangere nahmen es als Mittel gegen morgendliche Übelkeit mit verheerenden Folgen. Als Beruhigungs- und Schlafmittel gepriesen, führte Contergan in den 1960er Jahren zu einem beispiellosen Medizinskandal. Der Wirkstoff Thalodomid schädigte die Entwicklung von Embryos im Mutterleib. Frauen brachten Säuglinge mit verstümmelten Armen, Beinen oder Ohren zur Welt. Rund 10.000 Babys waren weltweit betroffen. Wie der Wirkstoff die Fehlbildungen allerdings auslöste, war bis vor Kurzem gänzlich unbekannt.

Japanische Forscher sind durch Tierversuche nun einen Schritt weitergekommen: Sie fanden heraus, dass Thalidomid an das körpereigene Eiweiß Cereblon (CRBN) bindet und es blockiert. Takumi Ito und seine Kollegen vom Institut für Technologie in Tokyo schreiben im Wissenschaftsmagazin Science, dass CRBN in einem Komplex von körpereigenen Stoffen wirke, der maßgeblich für die Entwicklung von Gliedmaßen im Embyro verantwortlich sei. Durch die Thalidomid-Bindung jedoch werde das Eiweiß in seiner Aufgabe behindert.

Dies könnte direkt zur Fehlbildung bei den ungeborenen Säuglingen führen. Noch ist aber nicht eindeutig klar, ob dies der einzige und ausschließliche Mechanismus ist. Thalodomid könne zudem dazu beitragen, dass sich Gefäße nicht richtig entwickeln oder sich Substanzen bilden, die einzelne Zellen schädigen.

Hinzu kommt, ob die Forschungsergebnisse, die an Zebrafischen und Hühnern erzielt wurden, überhaupt auf den Menschen übertragbar sind. Dennoch wollen die Wissenschaftler ihre Erkenntnisse nutzen, um "sichere" Thalidomid-Formen zu entwickeln und suchen nun nach Möglichkeiten, die katastrophalen Nebenwirkungen auszuschalten. Denn schwere Lepra-Formen und Knochenmarkkrebs lassen sich zum Teil wirksam mit dem Wirkstoff behandeln .

Doch auch diese Behandlung ist offenbar nicht ungefährlich. In Südamerika wurde auch schwangeren Lepra-Patientinnen Thalodomid verabreicht. Daraufhin kam es zu vermehrten Fällen von Säuglingen mit Fehlbildungen. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen dem Contergan-Wirkstoff und den Fehlbildungen besteht, ist aber nicht eindeutig geklärt.