"Was wir entdeckt haben, war äußerst merkwürdig", sagt Stephen Kingsmore. Der Mikrobiologe und Mediziner hatte erwartet, Antworten oder zumindest Hinweise zu finden. Beides sollte ihm nicht gelingen. Und genau das ist das Interessante.

Kingsmore und sein Team sind die ersten Forscher, die Genome von eineiigen Zwillingen sequenziert haben, von denen einer an Multipler Sklerose (MS) leidet, jener unheilbaren Erkrankung, bei der das Immunsystems die eigenen Nervenfasern zerstört. Die Ergebnisse ihrer Arbeit haben sie im Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht.

Die Forscher hofften, in den Genen von zwei weiblichen und einem männlichen Geschwisterpärchen die Ursachen des Leidens zu finden, doch stattdessen fanden sie darin nichts; keine Auffälligkeiten. Die kranken und die gesunden Zwillinge entpuppten sich als genetisch völlig gleich.

"Zwillinge werden seit hundert Jahren in Studien verglichen, um herauszufinden, ob eine Krankheit genetische Ursachen hat oder ob sie komplett durch Umwelteinflüsse ausgelöst wird", erzählt Kingsmore, der in Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexico das private Non-Profit-Institut National Center for Genome Resources leitet. "Wir haben nun belegt, dass eineiige Zwillinge tatsächlich identisch sind, doch hatten wir erwartet, dass wir zumindest in einem Bereich starke Unterschiede sehen, die sich direkt mit MS in Verbindung bringen lassen." Dieses Ergebnis überrascht auch deshalb, weil Wissenschaftler im Jahr 2008 zu einem anderen Ergebnis gekommen waren, wonach eineiige Zwillinge durchaus genetische Unterschiede haben.

Uns fehlt die so genannte 'smoking gun', der schlagende Beweis für die Ursache
Stephen Kingsmore, Studienleiter

Die Krankheit MS scheint nun rätselhafter denn je. Seit Jahrzehnten versuchen Wissenschaftler, aus dem Nervenleiden schlau zu werden. Mehr als 120.000 Menschen in Deutschland und rund 2,5 Millionen Menschen weltweit teilen die Diagnose Multiple Sklerose . Jährlich kommen geschätzte 2500 hinzu. Eine bestimmte Art der weißen Blutkörperchen, die T-Helferzellen, wenden sich bei den Erkrankten gegen eigenes gesundes Nervengewebe im Gehirn. Hier zersetzen sie die schützende Isolierschicht der Nervenfasern und entzünden Kurzschlüsse oder verlangsamte Nervensignale. Die Auswirkungen sind unterschiedlich. Sie beginnen mit Müdigkeit, Konzentrations- und Sehbehinderungen bis hin zu Lähmungen im Körper.

Der Krankheitsverlauf ist mittlerweile gut verstanden, und starke Medikamente können die Symptome und das Fortschreiten des Leidens im Zaum halten . Doch eine Heilung oder wirksame Therapien mit geringeren Nebenwirkungen sind kaum zu finden, solange man die Ursache der Krankheit nicht kennt. "Uns fehlt die so genannte ' smoking gun ', der schlagende Beweis für die Ursache", sagt Kingsmore.

Die Forscher gingen in ihrer Studie äußerst penibel vor. Sie sequenzierten nicht nur den Drei-Milliarden-Buchstaben-Code des MS-Genoms, sondern verglichen bei den eineiigen Zwillingen auch andere Merkmale bis hinein in die Zellen der weißen Blutkörperchen. Hier schauten sie nach epigenetischen Unterschieden , also Abschnitten im Erbgut, die von der Zelle nicht abgelesen werden. Diese ausgeschalteten Gene zeigen Eigenschaften der Zelle, die vererbt werden können, aber nicht im Genom als solche sofort zu erkennen sind.

Und die Forscher schauten sich noch eine dritte Komponente an. Zwar wird alles, was im Körper und Geist eines Menschen passiert, von Genen gesteuert, doch erst wenn die Erbinformation in Eiweiße übersetzt wird, erwacht der Stoffwechsel eines Organismus zum Leben. Der Bauplan hierfür liegt ebenfalls im Erbgut, Kopien davon bilden das Transkriptom, aus dem wiederum Eiweiße und andere Bestandteile der Zelle entstehen. Kingsmore und sein Team durchforsteten auch diese Moleküle. Ohne Erfolg.

"Man ist bisher davon ausgegangen, dass sich möglicherweise das Genom der Zwillinge, etwa durch Spontanmutationen, aber insbesondere das Transkriptom und das Epigenom unterscheiden", sagt Bernhard Hemmer, der Direktor der Neurologischen Klinik an der TU München und Vorstandsmitglied des Kompetenznetzes Multiple Sklerose . Auch er ist von den Ergebnissen überrascht. "Dies könnte bedeuten, dass die untersuchten Immunzellen möglicherweise nicht im Zentrum des Krankheitsgeschehens stehen." Oder vielmehr, dass äußere Einflüsse entscheidender sind, damit sich die Krankheit entwickelt.