Ist es sinnvoll, das Nabelschnurblut als "Gesundheitsversicherung" für das eigene Kind einzulagern?
Das Einfrieren von Nabelschnur-Stammzellen ist eine höchst spekulative Investition in die kindliche Zukunft. Konkrete Hinweise, dass die Zellen sich beim eigenen Kind nützlich machen könnten, fehlen bislang. "Mütter von gesunden Neugeborenen und ihre Familien sollten wissen, dass es nach dem heutigen Stand des Fachwissens kein Versäumnis darstellt, das Nabelschnurblut des Kindes nicht einzufrieren", heißt es klipp und klar in einer Stellungnahme der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Knochenmark- und Blutstammzelltransplantation , die völlig mit den Empfehlungen der Amerikanischen Gesellschaft für Blut- und Knochenmarkstransplantation übereinstimmt.

Und: Im Fall, dass das Kind an Blutkrebs erkrankt – einem Haupteinsatzgebiet für eine Therapie mit Stammzellen – hilft die Lebensversicherung auf Eis nichts: Denn die eigenen Stammzellen enthalten meist von Geburt an die bösartigen Zellen, die den Krebs auslösen.  Außerdem sind bei dieser Krebstherapie Spenderzellen sogar besser geeignet, da auch das fremde Immunsystem an der Krebsbekämpfung beteiligt ist.

Ob Stammzellen aus dem eigenen Nabelschnurblut Jahrzehnte später helfen können, Erwachsenenleiden zu heilen, ist schon deshalb fraglich, weil noch niemand genau weiß, wie lange sie in kryokonservierter Form funktionstüchtig bleiben.

In Ausnahmefällen, in denen sich schon vor der Geburt abzeichnet, dass das Kind einen schweren Herzfehler hat oder ein besonders hohes Risiko trägt, einen Diabetes Typ 1 zu entwickeln, kann sich eine Stammzellen-Einlagerung hingegen lohnen. Herzchirurgen vom Münchner Uniklinikum Großhadern experimentieren derzeit mit Stammzellen aus Nabelschnurblut, aus denen sie mitwachsenden Ersatz für defekte Herzklappen gewinnen möchten. Und in einer internationalen Pilotstudie werden einige wenige kleine Kinder mit einem Diabetes Typ 1 mit Stammzellen aus Nabelschnurblut behandelt.

Es könnte sein, dass Immunzellen aus diesen Stammzellen den Prozess der Zerstörung der Insulin produzierenden Zellen aus der Bauchspeicheldrüse etwas eindämmen können. Der "jugendliche" Diabetes ist eine seltene Erkrankung, "doch wenn Eltern um eine familiäre Belastung wissen, könnte es sinnvoll sein, das Nabelschnurblut ihres Neugeborenen aufzubewahren", sagt die Diabetologin Anette-Gabriele Ziegler vom Städtischen Krankenhaus in München-Schwabing, die an der Pilotstudie teilnimmt. Allerdings wird heute auch intensiv an Möglichkeiten zur Behandlung von Diabetes I mit adulten Stammzellen geforscht. Ein "Alleinstellungsmerkmal" haben die Stammzellen aus Nabelschnurblut also nicht.

Selten helfen die eingefroren Zellen auch einem Familienmitglied. Doch in solchen extremen Ausnahmefällen wird ohnehin vorher alles geplant, die Zellen müssen nicht kommerziell eingelagert werden. Und die Krankenkasse übernimmt wahrscheinlich die Kosten für eine solche "gerichtete Spende".

Und die Spende?
Die Möglichkeit, das Nabelschnurblut für eine Stammzellbank zu spenden, besteht wegen der strengen arzneimittelrechtlichen Auflagen längst nicht in allen Entbindungskliniken. Mit der Deutschen Knochenmark-Spenderdatei (DKMS) in Dresden kooperieren derzeit nur etwas mehr als 100 Kliniken. "Wo es die Möglichkeit zur Spende an eine Stammzellbank gibt, da würde ich aber unbedingt zuraten", sagt Kinderonkologe Ebell.

Babett Ramsauer arbeitet in einer Geburtsklinik, in der beide Möglichkeiten bestehen, denn dort arbeitet man mit der DKMS zusammen, sammelt das Blut aber auch, damit es im Auftrag der Eltern an private Firmen zur Aufbewahrung gehen kann.  Einen solchen Service muss angesichts des heftigen Wettbewerbs heute jede größere Geburtsklinik anbieten. Wenn die Ärztin bei den Vorbereitungsabenden von werdenden Eltern ausdrücklich danach gefragt wird, dann hält sie mit ihrer Meinung aber nicht hinter dem Berg. "Der Nutzen einer Aufbewahrung der Stammzellen für das eigene Kind ist derzeit noch nicht in der Weise geklärt, wie die Anbieter das anpreisen. Deshalb lautet die Empfehlung, für eine Nabelschnurbank zu spenden." In dieser Form hat sich der besondere Saft nachgewiesenermaßen schon Tausende von Malen nützlich gemacht. Wer den Spendenweg wählt, behält außerdem mehr Geld für echte Versicherungen und andere solide Investitionen in die Zukunft seines Kindes übrig.