Jeder Fitzel verfügbares Land ist okkupiert in Port-au-Prince. Der Rand der Ausfallstraße Richtung Leogane ist gesäumt von Marktständen. Der Mittelstreifen verschwindet unter Zelten. Darin hausen immer noch Menschen, die durch das Beben vom Januar obdachlos geworden sind. Wasser läuft eine hügelige Seitenstraße herab und verteilt sich vor den Marktständen. Überall liegt Abfall herum.

"Sie haben das schmutzige Wasser gesehen", sagt Gary Shaye, Länderdirektor Haiti der Hilfsorganisation Save the Children . "Häufig haben die Menschen kein anderes Trinkwasser zur Verfügung." Deshalb breitet sich die Cholera jetzt so rasch aus. Mehr als 1000 Menschen sind an der Krankheit schon gestorben, obwohl Cholera eigentlich leicht zu behandeln ist. Rund 16.000 Erkrankte sind offiziell registriert. Doch weil nicht alle Kranken zum Arzt gebracht und nicht alle Toten den Behörden oder Hilfsorganisationen gemeldet werden, wird die tatsächliche Zahl wohl deutlich höher liegen. Die Caritas International schätzt, dass bis zu 70.000 Menschen mit dem Erreger infiziert sind.

In vielen Dörfern auf dem Land stehen weder Toiletten noch Latrinen zur Verfügung, berichtet die Hilfsorganisation Oxfam . In den Camps von Port-au-Prince gibt es meist immerhin sauberes Wasser, doch auch hier ist es dreckig und eng, was die Ausbreitung von Infektionskrankheiten fördert. Die sanitären Verhältnisse in Haiti seien schon lange vor dem Erdbeben erschreckend gewesen, sagt Oxfam-Länderdirektor Roland van Hauwermeiren. "Dass sich die Cholera jetzt landesweit ausbreitet, ist die Konsequenz."

Hinzu kommt, dass die Menschen kaum etwas über die Krankheit wissen, weil Cholera in Haiti bisher praktisch nicht vorkam. In dem Irrglauben, sich vor einer Ansteckung zu schützen, würden Medikamente zur Behandlung von Gesunden genommen, berichten Helfer. So seien Elektrolytlösungen, die eigentlich den Flüssigkeitsverlust von Kranken ausgleichen sollten, mit Reis gekocht und gegessen worden. Wirksame Prävention ist das natürlich nicht. Doch die Menschen tun fast alles, um sich und ihre Familien zu schützen. Sie seien deshalb auch sehr erpicht darauf, die grundlegenden Hygieneregeln zu erlernen, sagt Paula Brennan, verantwortlich für die Cholera-Bekämpfung bei Oxfam.

Haiti ist noch immer vom Beben gezeichnet. Klicken Sie auf das Bild, um die Fotostrecke zu sehen. © Joe Raedle/​Getty Images

Die Mitarbeiter der Organisationen aus aller Welt tun, was sie können. Zum Beispiel in Siloe, einem Camp auf dem Gelände einer Privatbank in Port-au-Prince. Das ehemalige Bankgebäude wurde durch das Beben beschädigt, der blau geflieste Swimmingpool mit den Betonnixen, die sich am Rand räkeln, ist nun leer. Drumherum drängen sich Zelte.

Auf einer kleinen Bühne übt ein Mitarbeiter von Save the Children ein Lied mit den Kindern des Lagers: " Bonjour l’eau, bonjour savon … " Neben ihm schwitzen drei Jugendliche, die in ihren dicken Kostümen Wasser, Seife und eine Hand darstellen. So sollen die Kinder lernen, wie wichtig regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife ist. Gleich neben der Bühne stehen sauberes Wasser und Seife bereit. Nach der Aufführung waschen alle gründlich ihre Hände.