Vor genau einem Jahr nahm sich der Nationaltorwart Robert Enke das Leben . Jahrelang hatte er an einer schweren Depression gelitten. Sein Tod hat Deutschland zum Nachdenken gebracht – über Stress, Leistungsdruck , den Umgang mit Misserfolg. Durch Robert Enke hat die Krankheit ein Gesicht bekommen. Prominente erklären sich, Betroffene fühlen sich ermutigt, ihr Schicksal anzusprechen.

Die Krankheit Depression ist seither in aller Munde. Doch verstanden wird sie nicht. Denn viele sehen in Robert Enke nun einen Menschen, der am Druck seines Erfolgs scheiterte. Der zu sensibel war, um dem Stress und dem Leistungskampf im Profifußball Stand zu halten. Der aus Angst vor bösen Medienberichten und aus Sorge um seinen Arbeitsplatz die Krankheit verheimlichte und schließlich durch eine rücksichtslose Ellenbogengesellschaft in den Tod getrieben wurde.

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Menschen, die an echten Depressionen erkranken (siehe Infokasten), können ihre Umgebung nicht mehr objektiv wahrnehmen. Die Fähigkeit geht ihnen verloren, Stress oder Kritik zu bewältigen. Nicht, weil sie schwache Menschen sind. Nicht, weil sie einen labilen Charakter haben. Sondern wegen ihrer Krankheit. Manche Depressive versinken so tief in Selbstzweifeln, Angstzuständen und Antriebslosigkeit, dass sie morgens nicht mehr aufstehen können. Ganz egal, ob ein stressiger Trainingstag in der Nationalmannschaft vor ihnen liegt oder ob sie einfach nur ihre Kinder zur Schule bringen wollen.

Viele Menschen mit Depressionen haben zudem körperliche Beschwerden, von Schlafstörungen über Rückenschmerzen bis hin zu chronischer Erkältung. Depressionen sind nicht nur eine seelische Erkrankung: Auch die chemischen Prozesse im Gehirn sind bei den meisten Betroffenen verändert. Dagegen helfen nur Medikamente.

Zwar ist es richtig, dass traumatische Ereignisse, dauerhafter Stress oder negative Erfahrungen den Ausbruch einer Depression begünstigen können. Sicherlich hat der berufliche Druck, dem Robert Enke als Spitzensportler ausgesetzt war, seinen Krankheitsverlauf negativ beeinflusst. Und auch der Tod seiner kleinen Tochter wird ihm gesundheitlich zugesetzt haben. Doch war es am Ende die Krankheit, an der er starb. Auch die Liebe seiner Familie konnte das nicht verhindern.

Wenn Depressionen durch das Schicksal Robert Enkes in den Fokus rücken, dann ist das gut für Betroffene. Doch muss die Gesellschaft auch lernen, zu akzeptieren, wenn jemand geheilt wurde. Viele Menschen, die ihre Depression einmal öffentlich gemacht haben, sind gebrandmarkt: Zu schwach, nicht belastbar, zu labil, heißt es dann. An diesem Stigma hat sich auch ein Jahr nach Enkes Tod kaum etwas geändert. Depression ist keine Schwäche. Es wird Zeit, das zu erkennen.